Unsere Autorin Elisalex Clary im Gespräch mit Viviane Hagner
Früh dran war sie auf jeden Fall. Mit drei hielt sie zum ersten Mal eine Geige in der Hand, mit vier begann sie, Unterricht zu nehmen, mit zwölf gab sie ihr internationales Debüt. Und als Viviane Hagner 1990 mit Zubin Mehta und den Berliner Philharmonikern nach Tel Aviv reiste, um bei deren legendärem Gemeinschaftskonzert mit dem Israel Philharmonic Orchestra als Solistin aufzutreten, da war sie gerade mal 13 Jahre alt. Aber ein Wunderkind? Nein, das will sie bestimmt nicht gewesen sein.
"Wunderkinder", sagt Viviane Hagner, "das sind doch Genies, so Leute wie Mozart, die völlig unerklärliche Dinge zustande bringen. Und das war es bei mir ja nun wirklich nicht, auch wenn ich vielleicht ganz gut Geige gespielt habe."
Letzteres ist vermutlich die Untertreibung des Tages, aber Viviane Hagner kann sich ihre Bescheidenheit leisten. Die heute 30-Jährige gehört zu den weltweit gefragtesten jungen Geigerinnen, sie hat seit jenem Abend in Tel Aviv mit sehr vielen anderen berühmten Orchestern und Dirigenten musiziert - den Berliner Philharmonikern und Claudio Abbado, dem Montreal Symphony Orchestra und Kent Nagano, den New Yorker Philharmonikern und Lorin Maazel oder der Berliner Staatskapelle und Daniel Barenboim - und die Liste ließe sich fortsetzen.
Wir treffen uns vor dem Eingang der Philharmonie, nicht aus beruflichen Gründen, sondern weil Hagner in den Tiergarten will. Sie ist zu Fuß gekommen, sie wohnt nicht weit von hier, in Schöneberg. Hagner, Tochter eines Deutschen und einer Koreanerin, trägt ihre dunklen Locken offen, sie ist nicht sehr groß und vor allem sehr zart gebaut, aber den Jetlag, der sie plagt, merkt man ihr nicht an.
Saison am Konzerthaus
Sie war fast den ganzen Sommer unterwegs, in São Paulo, London, Kopenhagen, dann auf Festivals in Südfrankreich, Norwegen und zuletzt in New Mexico. Vier Konzerte hat sie dort gespielt, alte Freunde wieder getroffen, dann mit einem anstrengenden Flug von Santa Fe nach Berlin, acht Zeitzonen in Richtung Osten, die Festivalzeit beendet. "Jetzt fängt die ganz normale Konzertsaison an", sagt sie, "aber das Tolle ist, dass ich den Beginn diesmal bei mir zu Hause erleben kann."
Das verdankt Viviane Hagner Lothar Zagrosek. Der Dirigent hörte die Geigerin zum ersten Mal vor ein paar Jahren in Melbourne, bei einem gemeinsamen Konzert. "Ihre wunderbare, natürliche Musikalität" habe ihn tief beeindruckt, sagt er, "da ist nichts ausgedacht oder aufgesetzt. Sie hat genau die Jugendlichkeit und Frische, die ich mir für mein Orchester wünsche." Als Zagrosek vor einem Jahr von der Stuttgarter Staatsoper an das Berliner Konzerthaus wechselte, lud er die 30-Jährige ein, die nächste Saison als "Artist in Residence" an seinem Haus zu verbringen. Hagner nahm an und spielt von kommendem Donnerstag bis Sonnabend ihre ersten drei Konzerte am Gendarmenmarkt. Auf dem Programm stehen Stücke von Franz Schreker, Erich Wolfgang Korngold und Felix Mendelssohn Bartholdy. Geplant sind bis zum nächsten Sommer neben großen Violinkonzerten auch Kammermusik und Kinderkonzerte mit Viviane Hagner.
Trotz aller Vorfreude auf ihre "Residentschaft" wird Viviane Hagner wohl eine Nomadin mit Geigenkasten bleiben. Sie hat gerade zum ersten Mal ihre Konzerte gezählt, allein für dieses Jahr ist sie auf mehr als 90 auf fünf Kontinenten gekommen. "Im Grunde wäre es egal, wo ich lebe", sagt sie, als wir in den Tiergarten hineinlaufen und der Straßenlärm langsam abnimmt. "Aber ich finde Berlin wirklich sehr angenehm. Ich wohne so zentral, dass ich kein Auto brauche und bin trotzdem sofort hier im Grünen."
Für diese Gegend hatten sich vor mehr als zwanzig Jahren schon ihre Eltern entschieden, als sie von München nach Berlin gezogen waren. Doch manche Nachbarn störte es, dass die beiden Hagner-Mädchen - Viviane Hagner hat eine jüngere Schwester namens Nicole, die mittlerweile Pianistin ist - nicht nur im Tiergarten Federball, sondern außerdem zu Hause Klavier und Geige spielten. "Das war völlig lächerlich", sagt Viviane Hagner, "wir waren noch ganz klein und haben insgesamt vielleicht ein bis zwei Stunden pro Tag gespielt." Die Nachbarn beschwerten sich trotzdem, sie riefen sogar die Polizei, irgendwann zogen die Hagners mit ihren Töchtern nach Zehlendorf. Dort hinderte keiner mehr die Mädchen am Üben.
Eltern weckten die Liebe zur Musik
Viviane Hagners Eltern sind keine Musiker, ihr Vater ist Arzt, den Beruf ihrer Mutter will sie für sich behalten. "Aber sie lieben die Musik sehr", sagt Hagner, "und sie waren schon diejenigen, die uns zur Musik gebracht haben."
Mit elf gewann Viviane Hagner den Bundeswettbewerb von "Jugend musiziert". Er bescherte ihr neben einem Soloauftritt mit dem Philharmonischen Staatsorchester Hamburg auch einen Vorspieltermin bei Zubin Mehta. Sie weiß nicht mehr, was sie damals in seinem Dirigentenzimmer in der Philharmonie gespielt hat, nur, dass der große Dirigent sehr nett zu ihr war - und dass sie wenig später in einem Flugzeug nach Tel Aviv saß.
Zum Grübeln über die historische Dimension der Reise, die ja auch die erste Israel-Reise der Berliner Philharmoniker nach dem Zweiten Weltkrieg, also ein Zeichen der Aussöhnung war, kam sie nicht. Sie hatte eine Mittelohrentzündung, ihre Ohren schmerzten, weil ihr der Druckausgleich nicht gelang. "Ich war vollgepumpt mit Antibiotika", sagt sie, "es ging nur darum, ob ich spielen kann." Sie konnte. Und wie. Sie spielte das "Rondo Capriccioso" von Camille Saint-Saëns, und als sie den Bogen absetzte, brandete ihr tosender Applaus entgegen. Zubin Mehta tätschelte ihr die Wange, sie verbeugte sich ein wenig verlegen in ihrem gelben Kleid, aber später dachte sie sich: "Das wäre schon toll, wenn ich so etwas später mal machen könnte."
Wir gehen über die große Wiese vor dem Rosengarten. Ein paar Jungs spielen Frisbee, ein Mädchen sonnt sich in ihrem Bikini, ein anderes hat sich in ein Sudoku-Buch vertieft.
Auf die Frage, wie sie ihre Kindheit und Jugend erlebt hat, denkt Viviane Hagner kurz nach, dann sagt sie: "Ich bin nach diesem Konzert nicht auf die Wunderkind-Schiene aufgesprungen, auch wenn sich das gut verkauft hätte und es Leute gab, die das gerne gesehen hätten. Aber ich wollte nicht als Geigen-Sensation herumgereicht werden." Ihre Eltern, aber auch Zubin Mehta, unterstützten sie in dieser Entscheidung. Ein ganz normales Teenagerleben hat Hagner aber vermutlich trotzdem nicht geführt. Pop oder Rock hört sie bis heute bloß im Radio. "Wenn mir was gefällt, lasse ich es, wenn nicht, drehe ich weiter", sagt sie. Clubs haben sie nie besonders fasziniert. "Schon wenn man in die Nähe einer Disco kommt, ist es laut, was soll man denn da?" Tanzen, vielleicht? "In dieser Hinsicht bin ich sehr unbegabt." Ihr Hauptinteresse galt der klassischen Musik. "Ich habe mich weiterhin viel mit der Geige beschäftigt, aber ich wollte mir die Basis für einen längeren Weg in der Musik schaffen, deshalb habe ich lieber zu Hause Repertoire gelernt, anstatt ein Konzert nach dem anderen zu geben."
An Wettbewerben nahm Viviane Hagner auch nur teil, wenn eine alte, italienische Geige als Leihgabe der Preis war. Zu Beginn ihrer Studienzeit an der Hochschule der Künste erspielte sie sich ihre erste Stradivari. Als sie die zurückgeben musste, hätte sie um ein Haar bei einem Konzert mit Claudio Abbado und den Berliner Philharmonikern ohne Geige dagestanden. Abbado empfahl sie einer japanischen Stiftung, die kostbare Instrumente an begabte Musiker verleiht. Die Nippon Music Foundation stellte ihr kurzfristig eine Geige zur Verfügung und wählte sie anschließend für das Instrument aus, auf dem sie heute noch spielt - eine Sasserno-Stradivarius aus dem Jahr 1717.
An die Übergabe vor gut fünf Jahren kann sich Viviane Hagner genau erinnern. Sie fand in New York statt, wo Hagner mit ihrem Lehrer Pinchas Zukerman als Bratscher die "Sinfonia Concertante" von Mozart aufführen sollte. Sie flog von Berlin in die USA, ihre erste Reise zu einem Konzert ohne Geige im Gepäck. "Ich fühlte mich extrem leer", sagte sie, "es war schrecklich." In einem Hotel traf sie die Direktorin der Stiftung. Sie klappte feierlich den Kasten auf, aber sie sagte zu Hagner: "Spiel sie lieber erst zu Hause, sonst bekommst du einen Schock."
Bevor die Japaner die Stradivari gekauft hatten, hatte sie 100 Jahre lang im Safe einer englischen Familie gelegen, ohne je gespielt zu werden. Sie sah so schön aus, dass Viviane Hagner für einen Moment an ihrer Echtheit zweifelte. Als sie jedoch kurze Zeit später in ihrer winzigen Wohnung an der Upper West Side den Bogen ansetzte, verflogen diese Zweifel: "Die war so schwer zu spielen, das musste eine Stradivari sein." Es dauerte ein paar Tage, bis sie so klang, wie Hagner es wollte, aber seitdem entlockt sie ihr Töne, die ihr euphorische Kritiken in internationalen Zeitungen von "Guardian" bis "Washington Post" beschert haben.
Gutes Aussehen und Bescheidenheit
Die Konkurrenz ist trotzdem hart. Viviane Hagner muss sich auf dem Klassikmarkt neben zahlreichen anderen exzellent ausgebildeten, hochtalentierten jungen Geigerinnen wie Julia Fischer, Hilary Hahn, Janine Jansen oder Lisa Batiashvili behaupten. Und dabei geht es nicht immer nur allein um künstlerische Fähigkeiten. Als Lothar Zagrosek, der Chefdirigent des Konzerthausorchesters, über Viviane Hagner sprach, hat er nicht vergessen, eine "zusätzliche Qualität" der 30-Jährigen zu erwähnen. "Natürlich sieht sie auch gut aus, das ist ja heutzutage nicht mehr ganz unwichtig." Das Besondere an ihr sei aber ihre Bescheidenheit, fügte er hinzu: "Sie spielt gar nicht damit, sie hat das auch gar nicht nötig - sie kann sich mit ihrer Kunst am besten profilieren." Viviane Hagner muss lachen, als sie das hört. "Ich kann mich über mein Aussehen nicht beklagen", sagt sie. "Aber wenn man den Bogen an die Geige setzt und nichts dabei rauskommt, hilft es wenig, wenn man sich die Haare hübsch mit Haarspray zugekleistert hat." Die angebliche Junggeigerinnen-Flut nimmt sie mindestens so gelassen. "Konkurrenzdenken interessiert mich nicht", sagt sie. "Ich finde es einfach schön, dass es ziemlich vielen jungen Geigerinnen gelingt, gleichzeitig auf diesem Konzertmarkt zu existieren."
Wir sind am Seeufer vor der Rousseau-Insel stehen geblieben, um ein paar Fotos zu machen. Hagner wirkt ein wenig verlegen. "Was soll ich mit den Händen machen?", fragt sie. "Sonst habe ich doch immer die Geige."
Die Geige ist ihr ständiger Begleiter und als solcher nicht immer unkompliziert. Vor allem beim Fliegen. Vor Kurzem bat sie ein Zollbeamter in Schönefeld, die Saiten abzunehmen, damit könne man ja Menschen strangulieren. Sie setzte mit einem Lächeln durch, dass sie so ins Flugzeug durfte. Dass die Geige einmal gestohlen werden oder kaputtgehen könnte, daran will sie gar nicht denken. "Ach je, das wäre eine Katastrophe", sagt sie. "Solche Geigen mögen zwar in Millionenhöhe versichert sein, aber sie bleiben ja doch unersetzbar."
Viviane Hagner verbringt selten mehr als einen Tag ohne ihr Instrument. Zwei Gelegenheiten fallen ihr ein. Einmal war sie zwei Wochen geigenlos im Urlaub, einmal wurden ihr vier Weisheitszähne gezogen. Beides ist über zehn Jahre her. Sie spielt mehrere Stunden pro Tag, oft drei bis vier, manchmal mehr, manchmal weniger, sagt sie. Ob es jemanden gibt, der eifersüchtig werden könnte angesichts all der Zeit, die sie mit ihrer Geige verbringt? Das will sie nicht verraten. Fast genauso ungern legt sie sich auf ihre liebsten Komponisten fest. Erst nach kurzem Zögern sagt sie: "Es sind nun mal die großen Bs - Beethoven, Brahms, Bach, aber auch Bartók". Bach spielt sie auch gern nur für sich: "Seine Solosonaten oder manche Kammermusiksachen haben etwas sehr Intimes, da braucht man gar kein Publikum."


