Berliner Spaziergang: Die Sonntagsserie in der Berliner Morgenpost. Chefkorrespondent Jochim Stoltenberg trifft Berliner, die in der Stadt etwas bewegen. Treffpunkt ist ihre Lieblingsecke. Heute: ein Spaziergang mit dem Vorsitzenden des ADAC Berlin-Brandenburg, Wolf Wegener

Ein Mann von Welt - und doch immer Berliner geblieben. Sein Leben ist überschaubar; gebündelt seit dem 15. Lebensjahr in kleinen Tagebüchern, aufbewahrt im Keller der Villa in Dahlem und jeden Abend fortgeschrieben. Wolf Wegener ist eigentlich auch nie richtig aus Berlins wohl feinstem Kiez herausgekommen. Hier ist er groß geworden, zur Schule gegangen, hier hat er an der Freien Universität studiert, sein erstes Büro als Anwalt eröffnet, ein Haus gebaut, und irgendwann will er hier auch seine letzte Ruhestätte finden. Der Spaziergang mit ihm durch Dahlem wird zum Lauf durch sein Leben.

Wir starten in der von der Clayallee abzweigenden Pücklerstraße. "Im Dahlemer Elternhaus in der Garystraße", erinnert sich der promovierte Jurist, "entwickelten sich auch Begeisterung und Engagement für den ADAC. Als mein Vater 1958 Vorsitzender des Clubs wurde, trat ich als 25-Jähriger ein." Er leistet freiwilligen Rettungsdienst, gründet 1961 seinen ersten ADAC-Ortsclub, 1968, zehn Monate nach dem Tod des Vaters, wird er in den Vorstand gewählt, 1978 zum Vorsitzenden. Seitdem leitet er den Club ehrenamtlich, worauf Wolf Wegener großen Wert legt. Auf drei Erfolge ist er besonders stolz: dass er den drei West- Alliierten schon zu Mauerzeiten die Einführung der Luftrettung mit dem Hubschrauber "Christoph 31" abringen konnte, die DDR vom Nutzen des ADAC-Pannendienstes auf den Transitstrecken überzeugte und ihm die Vereinigung der Autofahrer aus Ost und West nach der Wiedervereinigung so reibungslos gelungen ist.

Mit 1,1 Millionen Mitgliedern darf der ADAC Berlin-Brandenburg getrost der größte Verein der Region genannt werden. Auch sehr mächtig? "Mächtig nicht. Aber wir erreichen mit unseren Leistungsangeboten sehr viele Menschen. Die Dauer der Mitgliedschaft liegt bei durchschnittlich 21 Jahren, die Erfassungsquote bei 52 Prozent der möglichen Autofahrer. Das ist ein bundesweiter Spitzenwert. Wir haben Gewicht. Auch dank der ,ADAC-Motorwelt": Die bundesweite Club-Zeitschrift hat eine Auflage von 14 Millionen Exemplaren. Vor allem genießt der ADAC Vertrauen. Wir gelten als die vertrauenswürdigste Institution der Republik."

Nachbar des Bundespräsidenten

Der 73-Jährige, der ein erstaunlich schnelles Schritttempo vorgibt ("Ich mache Power-Walking"), hält vor einer hinter Eisenzaun und Hecke versteckten weißen Gründerzeitvilla inne. "Hier wohnt der Bundespräsident. Wir haben uns als Nachbarn auch schon gegenseitig besucht. Die Köhlers sind ein wirklich sympathisches Ehepaar." So recht nach dem Geschmack der Wegeners.

Doch zurück zur Macht, nein, zum Gewicht des ADAC und seines märkischen Vorsitzenden. "Natürlich haben wir Einfluss. Wir werden als Sachverständige gehört, wissen, was für Stadt und Land verkehrstechnisch gut ist, wo dem Autofahrer der Schuh drückt." Wo tut's zurzeit besonders weh? "Es fehlt ein regionales Gesamtkonzept. Es kann doch nicht angehen, dass Brandenburg eine vierspurige Straße bis an den Rand der Stadt baut, die dann in Berlin in einem zweispurigen Engpass mündet. Und es gibt zu wenig Park-and-ride-Plätze. Es ist ja schön, wenn die Politiker aufrufen, den öffentlichen Nahverkehr zu nutzen. Aber Sinn des Pendlerverkehrs aus dem ländlichen Raum ist doch, dass man mit dem Auto aus dem weiten Land bis zu einem Bahnhof fährt, es dort abstellt und mit der Bahn dann weiter nach Berlin hinein. Das geht aber nicht, weil es zu wenig Parkplätze an den Bahnhöfen gibt." Noch ein Problem? "Viele. Ein dringliches ist der Zustand vieler Straßen. Die sind teilweise absolut verkehrsgefährdend mit den vielen Schlaglöchern. Der neue Winter beginnt, doch die Schäden aus dem letzten sind noch immer nicht beseitigt. Dafür muss mehr Geld bewilligt werden. Bildung hat Vorrang, aber an zweiter Stelle steht für die Entwicklung einer Region die Verkehrsinfrastruktur."

Durch den Messelpark, benannt nach dem Architekten des früheren Wertheim-Kaufhauses an der Leipziger Straße und Planer des Pergamonmuseums, erreichen wir am Ende der Pücklerstraße den Platz am Wilden Eber. Dort wartet Wolf Wegeners Chauffeur in schwarzer Limousine mit Stern auf der Kühlerhaube und fährt uns ein Stück weiter. Schließlich bin ich mit dem Vorsitzenden eines Automobilclubs unterwegs.

Aktiver Sportler

Am U-Bahnhof Podbielskiallee - Viktor Podbielski (1844 bis 1916) war preußischer Landwirtschaftsminister, Förderer des Sports und Chef de Mission der deutschen Olympia-Mannschaft von 1912 - Erinnerungen an die Jugendzeit. "Sehen Sie hier gegenüber die Anlage vom Tennisklub Dahlem. Dort hab ich angefangen, Tennis und Tischtennis zu spielen. Später habe ich zu Blau-Weiß gewechselt ..." Das ist ein etwas feinerer Klub in der Nähe des Rosenecks. Wolf Wegener legt nicht nur Wert auf elegante wie sportliche Erscheinung, der einstige Rennruderer ist aktiver Sportler geblieben: Golf, Ski. "Neulich wurde ich gefragt, ob ich mit den Brettern denn auch noch abfahre. Meine Antwort: Das "Noch" können Sie sich sparen ..." Er lacht verschmitzt und freut sich schon auf die Abfahrten in ein paar Tagen. "Über Weihnachten fahren wir immer nach Arosa in der Schweiz. Dort hab ich vor 36 Jahren meine Frau beim Tanztee kennengelernt. Wir sind beide secondhand, also einmal geschieden. Ich hab' eine Tochter mit in die Ehe gebracht, sie die beiden Söhne. Gemeinsam haben wir unseren Hund, den Cockerspaniel Ugo." Der Mann hat einen Humor der besonderen Art.

Warum ist er eigentlich immer in Berlin geblieben? Wer zu Mauer-Zeiten Karriere machen wollte, für den war West-Berlin gut fürs Studieren, weniger gut für Jobs mit Zukunft. "Ich hab einen Berlin-Bazillus in mir. Deshalb konnte ich nicht weggehen. Ich bin Berliner in dritter Generation. Darauf bin ich stolz. Ich wollte immer in dieser Stadt bleiben. Und es hat sich ja auch gelohnt ..."

Bevor wir darauf zu sprechen kommen, die nächste Jugenderinnerung. Wir sind wieder zu Fuß unterwegs und stehen vor der Alfred-Wegener-Oberschule (der Geophysiker Alfred Wegener ist kein Familienahn) am Platz mit dem sinnigen Namen Im Gehege. "Die hieß früher Gertrauden-Lyzeum und war eine Mädchenschule. Hier haben wir uns als Knaben die schönen Mädchen rausgesucht. Ich hab immer die Blonden bevorzugt." Natürlich ist auch seine Frau Ilse blond, Tochter Diane ebenfalls. Sie sehe aus wie Claudia Schiffer, sagt der geschmeichelte Vater. Scheint ein ziemlicher Draufgänger gewesen zu sein. Er nickt, lächelt und hat gleich noch eine passende Anekdote parat. Zu seinem 60. Geburtstag habe ihm seine Frau eine große Sechzig gebastelt, zusammengesetzt aus Fotos ehemaliger Freundinnen. Und wieder lächelt er verschmitzt. "Die stürmische Zeit gehört der Vergangenheit an. Aber die Augen sind noch ungetrübt..." Auch darüber kann er sich köstlich amüsieren - und freut sich schon auf den nächsten ADAC-Ball, den mittlerweile 81., am 20. Januar, der alle Jahre wieder zu den gesellschaftlichen Höhepunkten der Stadt zählt.

Ein Mann, der sich sehen lassen kann, auch beruflich. Eine glanzvolle Anwaltskarriere hat er hingelegt. Erstes Büro 1960 im Elternhaus, dann eine Kanzlei an der Bundesallee. Mit der Wende 1990 der ganz große Sprung. Klug und vorausschauend nutzt er eine Verordnung der DDR-Regierung Modrow. Sie erlaubte, sich mit einem ostdeutschen Anwalt zusammenzutun und ein Zweitbüro zu eröffnen, was bis dahin im Westen nicht möglich war. "Ich war einer der drei ersten Anwälte, die diese Chance wahrnahmen. Die Kanzlei im damaligen ,Haus des Reisens" lag neben der späteren Treuhand. Sie wuchs und wuchs, wir sind dann auch nach Potsdam gegangen. Schwerpunkt unserer Arbeit waren Wirtschaftssachen."

Anwaltskanzlei im Osten

Die Expansion war programmiert: 1991 Partnerschaft mit der größten Münchener Kanzlei, bald darauf der Zusammenschluss der Kanzlei Beiten, Burkhardt, Mittl & Wegener zu einer der größten Europas: 450 Anwälte, 27 Standorte in 14 Ländern, Mandate und Transaktionen wieder vor allem aus dem wirtschaftlichen Bereich. Über seine Klienten schweigt er standesgemäß. Aus verlässlicher Quelle hört man, seine Sozietät habe das größte Mandat der Weltgeschichte, die Übernahme von Mannesmann durch Vodafon, mit behandelt. Auch in das Genehmigungs- und Vergabeverfahren für den Großflughafen BBI in Schönefeld war er wohl involviert. 2001 schied er aus dieser Sozietät aus und arbeitet seitdem wieder mit einem Partner und 30 Mitarbeitern in eigenen Büros am Gendarmenmarkt und an der Bundesallee, lässt es selbst allerdings ein bisschen ruhiger angehen.

Voller Selbstbewusstsein

Wolf Wegener strotzt nur so vor Selbstbewusstsein. Ein Berliner wie aus dem Bilderbuch, der es mit eigener Kraft und Leistung sehr weit gebracht hat; eine Ausnahmekarriere im Nachkriegsberlin. Nein, ihm habe wirklich noch niemand gesagt, dass es ihm an Selbstbewusstsein mangele. Und seine gewisse Eitelkeit, von der auch gern geredet wird? "Das kann ich, wenn ich andere höre, nicht absprechen. Aber eine gewisse Eitelkeit ist auch eine gesunde Basis für Ziele, die man verfolgt. Allerdings darf man nicht überschnappen. In erster Linie muss es die Sache sein, die es zu verfolgen gilt. Wenn man nur ein verstecktes Dasein führt, wird man auch nicht so viele andere für die Sache begeistern können."

Wir durchstreifen jetzt Dahlem-Dorf. In der Dorfkirche St. Annen mit ihrem Feldsteinsockel aus dem 14. Jahrhundert ist er konfirmiert worden, in den "Alten Krug" so manches Mal eingekehrt, was wir aus Zeitgründen nicht tun. Ein paar hundert Meter weiter feiert er Wiedersehen mit seiner alten Schule, dem Arndt-Gymnasium an der Königin-Luise-Straße. Weiter durch den Thielpark zur FU, wo er Jurist wurde. Gegenüber dem Henry-Ford-Bau, der von Amerikanern gespendeten Uni-Aula, zeigt mir der Honorarkonsul von Monaco, der Wolf Wegener auch ist und womit er sich einen Jugendtraum, nämlich Diplomat zu werden, erfüllt hat, noch schnell sein Elternhaus. Das hat der Vater, ein Direktor bei Telefunken, 1936 gebaut. "Wir laufen mein ganzes Leben ab. Das überrascht mich jetzt selbst - vom Elternhaus bis zum Dahlemer Waldfriedhof am Hüttenweg ..." Auf diesen Weg verzichten wir allerdings einvernehmlich ...

Erbdynastie ADAC

In zwei Jahren feiert Wolf Wegener das 30. Jubiläum als Vorsitzender des ADAC. Rechnet man seine und des Vaters Zeit im Vorstand zusammen, dann kommen die Wegeners 2008 auf 50 Jahre Spitzen-Ehrenamt. Der ADAC, eine Art Wegenersche Erbdynastie? Da kann er sich ein Lachen wieder nicht verkneifen, verkündet dann aber ganz ernst: "Mir wird aus der Familie wohl keiner nachfolgen. An Rücktritt denke ich allerdings auch noch nicht. Im März bin ich gerade wieder bis 2010 im Amt bestätigt worden. Aber irgendwann sollte Umschau gehalten werden, wer nachfolgen kann ..." Der wird es schwer haben, muss er sich doch an Wolf Wegener messen lassen.

Hat er irgendwann mal darauf spekuliert, Präsident des ganzen ADAC zu werden? "Da gab es Überlegungen. Aber lieber wollte ich Generalsyndikus werden und verantwortlich besonders für die Verfassung unseres Clubs und die Leitung der 650 ADAC-Vertragsanwälte. Dazu bin ich 1987 gewählt worden und es 17 Jahre geblieben. Gewürdigt wurde meine Arbeit bei der Verabschiedung mit der Ehrenmitgliedschaft im ADAC-Gesamtclub. Ich bin jetzt das einzige lebende Ehrenmitglied von 16 Millionen Mitgliedern. Diese Auszeichnung ist seit 22 Jahren nicht vergeben worden. Mehr kann man nicht erreichen. Darauf bin ich stolz." Wer will es ihm verdenken ...