Joschka Fischer ist bitter enttäuscht von Rezzo Schlauch

Berlin - Es war die schwierigste Woche im politischen Leben von Rezzo Schlauch. Mit dienstlich erworbenen Bonusmeilen hatte sich der Fraktionschef der Grünen im Bundestag einen 7000 Euro teuren Erste-Klasse-Flug nach Thailand finanziert, um alleine auszuspannen. Zunächst versuchte Schlauch die Angelegenheit zu vertuschen. Das misslang. Am Freitagabend dann die Beichte: «Ich habe einen Fehler gemacht.» Zuvor hatte der schwäbische Pastorensohn den Flugpreis auf ein Sonderkonto des Deutschen Bundestages überwiesen, um den Fehler wieder gutzumachen. «Ich gehe davon aus, dass durch die Zahlung an den Bundestag die Sache bereinigt ist.»

Für ihn mag diese Sicht der Dinge zutreffen, für die Grünen nicht. Seine Parteifreunde sind enttäuscht, entsetzt, empört. Im grünen Landesverband Mecklenburg-Vorpommern regt sich bereits offener Unmut: «Die Regelung, dass dienstlich erworbene Bonusmeilen nicht privat genutzt werden dürfen, ist bekannt - da kann mir keiner erzählen, dass er sie vergessen hätte», sagte Jürgen Suhr, Sprecher der Landersgrünen.

Weitaus schwerer für den sensiblen Schlauch wiegt aber der Ärger seiner engsten Parteifreunde. Parteichef Fritz Kuhn ist sauer. Und Joschka Fischer, der alte Weggefährte, ist von seinem Freund Rezzo bitter enttäuscht. Im Fall Özdemir hatte Fischer getobt. Jetzt soll er mit «ohnmächtiger Wut» reagiert haben, berichten Vertraute. Stärker als jeder andere in seiner Partei wittert Fischer die Gefahr, die von Schlauch, Trittin, Volmer und Özdemir ausgeht: Die Freiflüge sind ein Desaster für die Grünen, und sie könnten zu einem Wahldebakel führen. «Die Grünen sind nicht die besseren Menschen», sagte Schlauch nach seinem Geständnis lapidar. Aber gerade dies erwartet die Mehrheit der Grünen-Wähler von ihnen. Sie sollen anders und moralischer sein als das Establishment.

Vor zehn Tagen dämmerte Schlauch zum ersten Mal, dass sich etwas über ihm zusammenbraute. Die «Bild-Zeitung» hatte den grünen Bundestagsabgeordneten Özdemir nach der so genannten «Hunzinger-Affäre» mit dem Vorwurf von Freiflügen auf Kosten der Steuerzahler konfrontiert. Özdemir trat zurück, nachdem er sich intensiv mit der Parteispitze beraten hatte. Während dieser Gespräche im engsten Kreise soll Schlauch niemals angedeutet haben, dass er ebenfalls ein «Bonusmeilen-Sünder» ist. Stattdessen setzte er sich umgehend mit der Lufthansa in Verbindung und versuchte, das Thailand-Ticket nachträglich zu bezahlen. Am vergangenen Montag wurde ihm klar, dass dies nicht gelingen würde. «Die Lufthansa sah sich dazu nicht in der Lage», sagt Schlauch. Gleichzeitig kontaktierte er den Bundestagspräsidenten und zahlte Mitte der Woche 7000 Euro an den Bundestag.

Für Schlauch war es ein langer Weg vom schwäbischen Weiler Bächlingen nach Berlin. In «Württembergisch Sibirien» wurde er im selben Nachkriegsjahr von derselben Hebamme zur Welt gebracht wie Joschka Fischer. Während Fischer in der katholischen Kirche Messdiener war, diente Schlauch als «Leutbube» in der evangelischen Pfarrei, wo sein Vater 35 Jahre Pfarrer war. Jurastudium in Heidelberg. Anschließend Rechtsanwaltspraxis in Stuttgart. Zwei gescheiterte Kandidaturen zum Oberbürgermeister in Stuttgart. «OB in Stuttgart, das ist mehr als Minischter», ärgerte sich Schlauch damals in schwäbischem Dialekt.

Aber am Ende schien er es doch geschafft zu haben. 1998 wurde Schlauch Nachfolger von Fraktionschef Joschka Fischer im Deutschen Bundestag. Mittlerweile gehört er zu den wenigen Grünen, die der Kanzler ernst nimmt. Und die grünen Parlamentarier, von denen ihm anfangs viele die Fraktionsführung nicht zugetraut hatten, sprechen mit Respekt über Schlauch. Sie loben seine Fairness, seine Zuverlässigkeit und seinen integrativen Führungsstil.

Jetzt hat es ausgerechnet ihn, den gutmütigen Lebemann, auf dem Gipfel seines Wirkens erwischt.