Ermittlungen

Die lange Suche nach Peggys Mörder

Vor 13 Jahren verschwand das Kind. Nun wird der Fall neu aufgerollt

Nichts deutet auf den Ort eines schlimmen Verbrechens hin. Nicht das „Wanderweg“-Schild an der Weggabelung. Sogar der Stein, der der neun Jahre alten Peggy angeblich zum Verhängnis wurde, ist verschwunden. Hier am Ortsrand von Lichtenberg ist Peggy vor 13 Jahren auf der Flucht vor Ulvi Kulac angeblich über einen bemoosten Stein gestürzt. Ihr Verfolger, damals 23 Jahre alt, geistig zurückgeblieben, aber bärenstark, holte das Kind ein. Peggy trat ihm in die Genitalien, entwischte, aber an der nahe gelegenen Treppe zur Burg bekam Ulvi das Mädchen endgültig zu packen und erstickte es mit bloßen Händen. So behauptet es die bayerische Justiz – bisher noch.

Aber am 10. April beginnt in Bayreuth das Wiederaufnahmeverfahren im Mordprozess gegen Ulvi Kulac. Nach einer Hirnhautentzündung denkt, spricht und handelt der heute 36 Jahre alte Gastwirtssohn langsamer als andere, sein IQ liegt bei nicht einmal 70. Dennoch wurde der schwere Kind-Mann im April 2004 vom Landgericht Hof zu lebenslänglicher Haft verurteilt. Die Kammer glaubte einem Geständnis, das Kulac fast zwei Jahre nach der Tat nach endlosen Verhören gemacht, aber gleich wieder zurückgenommen hatte. „Das mit dem Stein kann er sich nicht ausgedacht haben“, sagte der Vorsitzende Richter.

Was er nicht wusste und was jetzt zur Wiederaufnahme führte: Die vom damaligen Innenminister Günther Beckstein (CSU) eingesetzte Sonderkommission hatte eine „Tathergangshypothese“ entwickelt, was wie passiert sein könnte. Ulvis ohne Anwalt und Tonband abgelegtes Geständnis liest sich wie eine Kopie der Hypothese. Ulvi Kulacs neuer Anwalt Michael Euler sagt: „Ulvi ist wie ein kleines Kind. Der gesteht alles, wenn Sie ihn lange genug bearbeiten.“ Von Peggy fehlt bis heute jede Spur. Dabei haben Hundertschaften jeden Busch abgeklopft und jede Höhle durchsucht. Vergeblich. Außer Ulvi gab es durchaus Verdächtige, unter ihnen der Bruder eines Nachbarn, der mittlerweile wegen Pädophilie in Haft sitzt – und gestanden hat, mit Peggy „gekuschelt“ zu haben. Doch im Prozess, in dem Ulvi die Tat vehement bestritt, waren die Richter überzeugt, einen Kindsmörder vor sich zu haben. Die Revision am Bundesgerichtshof scheiterte. Bis heute sitzt er in der geschlossenen Psychiatrie des Bayreuther Bezirkskrankenhauses, weil er auch gestanden hatte, vor Kindern im Ort onaniert und sie betatscht zu haben.

Doch in Bayerns drittkleinster Stadt Lichtenberg können sich viele Ulvi als Täter nicht vorstellen. Der Bürgerinitiative „Gerechtigkeit für Ulvi“ gehören sogar Peggys Großeltern väterlicherseits an. Gegründet hat die Pro-Ulvi-Initiative die ehemalige Rechtsanwaltsangestellte Gudrun Rödel. Die 66-Jährige studierte 14.000 Seiten Ermittlungsakten, befragte Zeugen und notierte Widersprüche zur „Tathergangshypothese“. Sie ist überzeugt, dass die Tat zur angenommenen Zeit gar nicht geschehen sein kann, weil es Zeugen gebe, die Peggy noch später gesehen hätten. Peggys Verschwinden hat viele Menschen schwer belastet, manche Leben zerstört. Und nun beginnt der zweite Prozess, an dessen Ende, wie es scheint, wieder mehr Fragen offen als geklärt sind.