„Wann sehen wir uns morgen?“, spricht Mauro Floriani in sein Handy. Es ist ein Satz, der den Familienvater teuer zu stehen kommen könnte. Denn Floriani, Ehemann von Alessandra Mussolini, der Enkelin des Duce, und hochrangiger Mitarbeiter der italienischen Eisenbahn, spricht mit einer minderjährigen Prostituierten. Er macht ein erotisches Stelldichein mit ihr ab. Es ist nicht die einzige Plauderei. Die Anrufliste zwischen Floriani und dem Mädchen ist lang.
Inzwischen dürfte Floriani seine Liebelei mit dem damals 15-jährigen Mädchen bereuen. Die Staatsanwaltschaft Rom hat die Telefonprotokolle vorliegen und hat ihn angeklagt. Sex mit einer Minderjährigen gegen Bezahlung ist ein Straftatbestand. Floriani hat bereits gestanden, mit dem Mädchen Sex gehabt zu haben. Er habe aber nicht geahnt, dass sie minderjährig sei, verteidigt er sich. Doch das Gesetz akzeptiert Nichtwissen nicht als Entschuldigung.
Die italienische Presse stürzt sich auf den Fall. Schließlich trägt Florianis Frau Alessandra Mussolini nicht nur einen berühmten Nachnamen, sondern ist auch eine bekannte Politikerin. Sie sitzt für die Partei Forza Italia von Ex-Premier Silvio Berlusconi im Senat.
Nach außen heile Welt
„Sie sei am Boden zerstört“, soll Mussolini laut der italienischen Tageszeitung „Messaggero“ gesagt haben. Nach außen wird jedoch heile Welt demonstriert. Das Paar hat sich noch nicht getrennt. Es wurde zusammen bei einem Fußballspiel des Sohnes und in der Kirche gesichtet. Die politischen Freunde sprechen Mussolini Mut zu. Floriani ist bislang der prominenteste Name im Skandal „baby squillo“ – zu Deutsch: das Baby anrufen –, der Italiens Hauptstadt Rom erbeben lässt. Seit Monaten ermitteln die Staatsanwältinnen Maria Monteleone und Cristiana Macchiusi und tragen mehr und mehr Informationen über minderjährige Mädchen zusammen, die ihren Körper für Geld, Kokain und Luxusgeschenke verkauften.
Die Liste der Kunden wird lang und und länger. 50 Personen wurden bereits identifiziert, bei rund 30 weiteren Telefonverbindungen muss der Name noch festgestellt werden. Es ist die gutbürgerliche Schicht der italienischen Gesellschaft, die mit den Mädchen anbandelte. Es soll sich um Manager, Unternehmer sowie Angestellte der Notenbank Banca d’Italia, der Ernährungsorganisation der Vereinten Nationen FAO und von renommierten Wirtschaftsprüfungsgesellschaften handeln. Auch die Politik ist vertreten. Der Name des Sohnes eines Abgeordneten von Forza Italia taucht unter den Angeklagten auf.
Der Fall „baby squillo“ ist für Italien zutiefst verstörend. Die Mädchen, die sich als Prostituierte verdingten, stammen nicht aus der armen Peripherie, aus zerrütteten Verhältnissen, sondern überwiegend aus gutem Elternhaus. Zentrum des Skandals ist das schicke Viertel Parioli. Hier, zwischen Sportanlagen und Grünflächen, residiert die Elite der Hauptstadt. Hier wohnen Politiker, Verwaltungsbeamte, Künstler. Es ist die feine Gesellschaft der Kapitale, die ihre Kinder auf die Privatschule schickt, mittags in teuren Restaurants speist und abends in edlen Salons verkehrt.
Die Mädchen litten keine finanzielle Not. Stattdessen trieben sie materielle Wünsche an. „Wir wollen einfach zu viel! Um so viel Geld zu verdienen, musst du mit Drogen dealen oder dich prostituieren!“, sagten sie gegenüber den Untersuchungsrichtern aus. „Wir wollten einfach viel eigenes Geld, um uns alles zu kaufen, was wir wollten.“
Die Mädchen handelten nicht allein. Ein regelrechter Prostituiertenring war am Werk. Die entscheidenden Figuren sind Nunzio Pizzacalla, ein Offizier des italienischen Militärs, und Mirko Ieni, ein Drogenhändler. Sie sollen die Treffen eingefädelt haben, in einer Wohnung in Parioli, einem zweiten Appartement im Viertel Trieste-Salario und einem Hotel.
Insgesamt sollen acht Mädchen für sie gearbeitet haben, nicht alle waren minderjährig. Der Kontakt mit den Kunden kam unter anderem über einschlägige Internetseiten zustande. Ieni, genannt „Mimmi“, soll auf verschiedenen Wegen versucht haben, zu Geld zu kommen. Er soll mit seinem Handy manche Treffen gefilmt haben, ohne das Wissen der Mädchen und ihrer Kunden. Damit könnte er dann die Männer erpresst haben, lautet eine These der Staatsanwaltschaft, der jetzt nachgegangen wird.
Ermittler prüfen Telefonkontakte
Inzwischen konzentriert sich die Ermittlungsarbeit auf die Kunden. Durchforstet werden die Telefone der Mädchen. Einige Nummern, die dort verzeichnet sind, sind nicht auf Personen, sondern auf Unternehmen oder Organisationen registriert. Jede einzelne wird einer Person zugeordnet. Einige Männer standen auch über Skype mit den Mädchen in Kontakt. Sie sollen so pornografisches Material bezogen haben. Ein Steuerberater soll auf seinem Computer 2000 Dateien gespeichert haben. Darunter soll sich auch ein Video befinden, das ein 14-jähriges Mädchen zeigt.
Bislang wählen nahezu alle Männer die Entschuldigung, die auch Floriani gewählt hat: Sie hätten das Alter der Mädchen nicht gekannt. Sie hätten nicht geahnt, dass sie minderjährig gewesen seien. Doch die Aussagen der Mädchen rücken die Rechtfertigung der Männer in ein zweifelhaftes Licht. „Am Anfang schminkten wir uns noch, um älter zu wirken“, sagte ein Mädchen gegenüber den Ermittlern aus. „Doch wir stellten fest, dass das einige Kunden überhaupt nicht interessierte. Wir sprachen also so, wie 15-Jährige eben sprechen.“

