Kannibalismus

„Nur so kann ich spurlos verschwinden“

Kannibalen-Mord: Ein Polizist soll einen Mann zerstückelt haben. Woher rührt diese Neigung?

Ein „long pig“ ist kein langes Schwein. Ein „long pig“ ist ein Mensch. Berichte von Abenteurern, die im 19. Jahrhundert auf Völker getroffen sind, die angeblich Menschenfleisch gegessen haben, brachten ihn nach Europa mit. „Long pig“, das war das Opfer. Heute ist es die Selbstbezeichnung für einen Menschen, der gegessen werden will. Nicht wirklich, in den meisten Fällen, nur in der Fantasie. Aber er möchte, dass die anderen Teilnehmer des Internet-Forums wissen, mit wem sie es bei ihren Kannibalismus-Spielen zu tun haben, und meldet sich deshalb in dieser Rolle an. Die anderen, die Köche, das sind die „chefs“. Sie tauschen Fantasien aus, die „long pigs“ und die „chefs“, sie berauschen sich bei den Gedanken, gekocht, gegrillt, verspeist zu werden, zu kochen, zu grillen, zu verspeisen. Sie empfinden das als lustvoll.

Menschen mit besonderen Neigungen tummeln sich in diesen Foren, Menschen, die nach außen ein tadelloses Leben führen. Die meisten von ihnen wollen nur spielen. Aber manchen von ihnen reicht das nicht. So wie möglicherweise in dem Fall des 59-jährigen Geschäftsmannes Wojciech S. aus Hannover, der sich am 4. November mit Zug und Bus auf die Reise nach Sachsen gemacht hat, um sich mit dem 55-jährigen Polizeibeamten Detlev G. zu treffen, den er vermutlich in dem Kannibalismus-Forum kennengelernt hat. Sie trafen sich in Dresden, fuhren mit dem Auto in das Wohnhaus des Polizisten in Reichenau nahe der tschechischen Grenze.

Krankhafte Fantasien

Dort tötete der Kriminalhauptmann seine Internet-Bekanntschaft, zerstückelte die Leiche und vergrub die Teile. Er hätte das Leben seines Opfers auf dessen Wunsch beendet, sagte der Täter. Er hätte das so gewollt. Wie im Zuge der ersten polizeilichen Ermittlungen bekannt geworden ist, soll der Getötete seit seiner Jugend die Fantasie gehabt haben, getötet und gegessen zu werden.

Der Täter bestreitet, selbst kannibalistische Neigungen zu hegen. Das ist bemerkenswert vor dem Hintergrund, dass er sich in einem Kannibalismus-Forum bewegt hat. Wie jetzt die „Bild“ berichtet, soll sich erst vor wenigen Wochen ein 31-jähriger Abwassermechaniker aus Baden-Württemberg mit dem sächsischen Polizisten getroffen haben, um sich töten und verspeisen zu lassen.

„Möchte mich lebend grillen lassen. Ob auf dem Rost oder am Spieß, ist mir egal“, soll er in einem Kannibalen-Chat geschrieben haben. Der „Bild“-Zeitung sagte er: „Gegessen zu werden war die einzige Möglichkeit, spurlos zu verschwinden.“ Er wollte weg, weil er sich mit seinen Eltern zerstritten hat. Detlev G. hätte ihm den Wunsch aber abgeschlagen, weil er zu jung wäre.

Woher rührt die Neigung zum Kannibalismus? Die Kriminologin und Autorin Petra Klages („Serienmord und Kannibalismus in Deutschland“, Sammler-Verlag, 19,90 Euro) hat vier Jahre lang Armin Meiwes therapeutisch begleitet, den „Kannibalen von Rotenburg“, der 2001 den Ingenieur Bernd Brandes getötet und gegessen hat. Sie weiß, dass die Ursachen in der frühen Kindheit liegen. „Wenn da mehrere Faktoren und Prozesse wie Kriminalität, Drogenmissbrauch, Gewalt, traumatisierende sexuelle Erfahrungen im Übermaß zusammenkommen, dann kann es zu Persönlichkeitsstörungen und sexuellen Störungen führen.“ Die Neigung zum Kannibalismus könne durch ein traumatisierendes Verlusterlebnis ausgelöst werden, „das zu dem Wunsch führt, einen Menschen für immer in sich zu behalten.“

Gewaltfilme fördern die Störung

Petra Klages weist aber auch darauf hin, dass die Faszination des Grauens derzeit eine extreme Renaissance erfährt. Filme wie „Walking Dead“ und der gesamte Zombie-Kult würden sie befördern.

Klage schätzt, dass Tausende Menschen mit solchen Störungen in Deutschland lebten. Gewalt in der Szene sei aber selten. Das bestätigte auch der Dresdener Polizeipräsident nach der Festnahme. 99 Prozent bezögen ihre Lust allein aus dem Austausch von Fantasien. Klages sagt, „Foren bieten eine Möglichkeit, die Neigungen zu kompensieren“. Aber sie sieht auch die Risiken. „Die Foren bergen die Gefahr, dass sich Fantasien fixieren, dass die Teilnehmer mehr wollen.“ Kritisch werde es, wenn zur sexuellen Störung Sadismus komme.

Therapierbar seien sexuelle Störungen nicht, sagt sie, „Bindungsstörungen dagegen schon“. Der junge Mann, der in der „Bild“ von seinem Wunsch erzählt, einfach zu verschwinden, behauptet, ihn nicht mehr zu haben, seit er bei seinem neuen Freund lebt.