Amelia Earhart

Notlandung auf dem Atoll

1937 verschwindet die Flugpionierin Amelia Earhart über dem Pazifik. Neue Funde zeigen, sie könnte auf einer einsamen Insel überlebt haben

- Höchstwahrscheinlich hat sie überlebt. Dafür gibt es eindeutige Anzeichen. Irgendwie muss die junge, attraktive Abenteurerin in letzter Minute das Kunststück fertiggebracht haben, mit ihrer Propellermaschine heil herunterzukommen, um sich dann in höchster Not auf die kleine, wüste Insel im Pazifik zu retten. 75 Jahre nach dem letzten Abheben der zweimotorigen Lockheed Electra in Miami mit der Flugpionierin Amelia Earhart am Steuerknüppel könnte es bald Gewissheit über das Schicksal einer der außergewöhnlichsten Frauen des 20. Jahrhunderts geben. In wenigen Wochen wird ein amerikanisches Team mit der kostspieligen Suche nach dem Wrack der Earhart-Maschine beginnen. Es ist nicht die erste, vielleicht aber die letzte von zehn Expeditionen zu einem kleinen Atoll im Pazifik.

Beispiellose Suchaktion

Amelia Earhart, 1897 in Kansas geboren, war eine nationale Berühmtheit, eine Heldin: Nach Lindbergh war sie die Erste, die den Atlantik im Flugzeug überquerte. Sie trug selbst entworfene Hosenanzüge, erfand den Fliegeroverall mit Reißverschluss und war mit Eleanor und Franklin Roosevelt befreundet. Mit 34 Jahren heiratete sie - "widerstrebend", wie sie betonte. Sie fürchtete, die Ehe könnte sie einschränken. Ihrem Mann, dem New Yorker Verleger George Putnam, legte sie einen Ehevertrag vor - damals eine Sensation. Als sie zu ihrem letzten Flug aufbrach, mit dem sie als erste Frau die Welt in einem Flugzeug umrunden wollte, war sie 40 Jahre alt. Eine Woche nach ihrem Verschwinden am 2. Juli 1937 hatten die USA eine bis dahin beispiellose Suchaktion in Gang gesetzt. Acht Kriegsschiffe und 62 Flugzeuge brachen von Pearl Harbor aus auf, durchkämmten 400.000 Quadratkilometer Ozean. Ohne Erfolg.

Ende Mai dieses Jahres haben nun Archäologen auf der Pazifikinsel Nikumaroro neue Hinweise gefunden: einen Cremetiegel, zerbrochen in fünf Teile. Zusammengesetzt fügt sich das Glas zu einem Artikel zusammen, der für die Kosmetikbranche des frühen zwanzigsten Jahrhunderts typisch war. Im Glas muss eine Creme gegen Sommersprossen gewesen sein, die Marke: Dr. C. H. Berrys. Die Archäologen haben kaum Zweifel, ihren Fund Amelia Earharts kosmetischer Grundausstattung zuzurechnen: "Jeder weiß, ihr Gesicht war voller Sommersprossen, und sie hat sie gehasst", erklärt Ric Gillespie, Direktor der International Group of Historic Aircraft Recovery (Tighar), die sich der Suche nach dem Wrack angenommen hat. Auch einen Schuh haben sie auf Nikumaroro sichergestellt. In den 40er-Jahren fanden sich dort sogar die Knochen einer Frau, wobei die Gebeine heute verschollen und für gentechnische Analysen nicht mehr greifbar sind. Von Earharts Flugzeug fehlt jedoch bisher jede Spur. Die Forscher der jetzt anstehenden Expedition sind sich sicher: Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie die Trümmer der Maschine entdecken.

Der Fall der zwischen Himmel und Meer verschwundenen Pilotin hat wegen des ungeklärten, geradezu mythischen Schicksals die Fantasie stets beflügelt. Damals in Miami startete sie, um als erste Frau der Welt einen sensationellen Rekord aufzustellen: Earhart und ihr Navigator Fred Noonan wollten als Erste die Erde im Flugzeug umrunden. Dass die erfahrene Pilotin abgestürzt sein könnte, dass sie und ihr Begleiter mit der Maschine im Pazifik versunken sind, halten die Forscher inzwischen für ausgeschlossen. Heute spricht alles für ein Robinson-Crusoe-Schicksal - allein, im besten Fall zu zweit auf einer Insel im Meer, gestrandet, auf sich gestellt, fernab jeder Zivilisation.

Die beiden letzten Funksprüche aus der Electra kamen kurz nach Sonnenaufgang des 2. Juli 1937 auf Howland Island an - und sind gut dokumentiert: "200 Meilen entfernt." Und kurze Zeit später: "Wir müssen in eurer Nähe sein, können euch aber nicht sehen. Treibstoff ist knapp ... Flughöhe 350 Meter." Bei der ersten großen Earhart-Suchaktion kreisten US-Piloten auch über Nikumaroro. Keine Spur von Wrackteilen gaben sie zu Protokoll, und dann noch eine belanglose Nebensächlichkeit: Das Eiland sei offenbar doch noch bewohnt. Aus der Luft sei ein Lager mitsamt Biwak zu erkennen gewesen. Die Information, die Insel sei seit 1892 unbewohnt, sei folglich falsch.

Im Herbst 1937 fand eine britische Expedition das Lager auf der Insel: eine Feuerstelle, Tierknochen, ein Frauenschuh - sowie Teile eines Skeletts. Die Briten glaubten, Earharts Schicksal vor Augen zu haben, sie richteten sich auf der Insel ein. Ein Kolonialbeamter brachte die Knochen auf die tausend Kilometer entfernten Fidschi-Inseln - zur Analyse. Dort kam ein einheimischer Arzt zu dem Schluss, dass es sich um einen Mann handeln müsse. Die Knochen verschwanden in irgendeinem Karton, der später unauffindbar war. Doch die Aufzeichnungen des Fidschi-Arztes fielen Tighar in die Hände - die sie an US-Forensiker weiterreichten. Deren Befund: Es könnte sich auch um eine Frau nordeuropäischer Abstammung handeln.

Spurensuche bis heute

Der Rest ist Spurensuche, bis heute. "Der Lagerplatz war völlig zugewachsen", berichtet Gillespie. "Trotzdem fanden wir Korallen, den Cremetiegel, Flaschen, zwei Messer. Eines könnte aus dem Bordwerkzeug einer Lockheed stammen." Lauter Indizien, keine Beweise. Wochen, vielleicht sogar Monate, hätten Earhart und ihr Begleiter durchgehalten, vermuten die Forscher. Zum Schluss seien sie dehydriert und geschwächt gewesen, vielleicht krank. "Auf dieser Insel muss man gesund und beweglich bleiben", sagt Gillespie, "sonst fällt man den Krabben zum Opfer." "Palmendiebe" heißen die fußballgroßen Krebstiere, die zu Tausenden das Atoll bevölkern. Sie beseitigen restlos, was bewegungs- oder leblos am Boden liegt.