Vor zehn Jahren spurlos verschwunden

"Pascal ist nicht nach Hause gekommen"

Wenn Kinder verschwinden, bleibt oft nur ein Name. Es bleibt Maddie, es bleibt Mirco, es bleibt Dennis. Auch Pascal ist so ein Name. Er steht für einen jahrelangen Prozess mit unauffindbaren Beweismitteln und erzwungenen Geständnissen; für fehlerhafte Ermittlungen mit nicht verfolgten Spuren; für gescheiterte Existenzen und versehrte Leben.

Pascal Zimmer aus Saarbrücken-Burbach, geboren am 11. Dezember 1995. Ein hübscher, etwas schmächtiger Junge, mit blonden Haaren, braunen Augen und einer Zahnlücke. Er wurde zuletzt am 30. September 2001 gesehen. Auf der Kirmes. Eine Budenbesitzerin schenkte dem Fünfjährigen einen Luftballon.

Als der Junge an jenem Kirmestag abends nicht nach Hause kommt, ist Pascals Tante, Sigrid Hübner, eine der ersten, die davon erfährt. Ihre Schwester ruft gegen acht Uhr an. "Du, Pascal ist immer noch nicht nach Hause gekommen. Kannst Du nicht kommen?"

Sigrid Hübner wirkt, als habe sie die aufgelöste Stimme der Schwester noch immer im Ohr - heute, zehn Jahre später, samstagmorgens an ihrem Frühstückstisch. Über den Fall Pascal wurden Dokumentationen gedreht und Bücher geschrieben, und immer war Sigrid Hübner diejenige, die schilderte, was es für eine Familie bedeutet, wenn plötzlich ein kleines Kind verschwindet. Auch, weil sie die nächste noch lebende Verwandte ist. Pascals Eltern sind 2005 verstorben.

Verdacht fällt auf die Tosa-Klause

Bis in die Nacht suchen die Angehörigen und die Polizei die Straßen ab, durchkämmen das Gestrüpp der nahen Bahngleise, klettern mit Taschenlampen über die benachbarte Großbaustelle. In den folgenden Tagen streifen Hundertschaften mit Spürhunden durch Waldgebiete. Taucher suchen die Saar ab, Hubschrauber kreisen mit Wärmebildkameras über Burbach. Die Suche verläuft ergebnislos. Nicht mal Pascals Fahrrad können sie finden.

Im Herbst 2002 kommt zum ersten Mal der Name Christa W. ins Spiel. Die ehemalige Jugendschöffin und Wirtin der Burbacher Tosa-Klause beherbergt in ihrem Haus die 38-jährige, geistig minderbemittelte Andrea M. Ihr siebenjähriger Sohn, von den Medien Kevin getauft, berichtet eines Tages seiner Pflegemutter, dass er sexuell missbraucht worden sei - in eben jener Gaststätte, wo er öfters mit Pascal gespielt habe.

Ende Februar 2003 meldet die Polizei, Pascal sei Opfer eines Kinderschänderrings geworden, mehrere Verdächtige werden gefasst, einige legen Geständnisse ab. Mit einem Lutscher soll Pascal in die Tosa-Klause gelockt, dort von vier Männern im Hinterzimmer brutal vergewaltigt und - als er sich zu stark wehrte - mit einem Kissen erstickt worden sein.

Knapp ein Jahr später beginnt einer der längsten Kindermord-Prozesse der deutschen Rechtsgeschichte. Verhandelt wird gegen die Wirtin der Kneipe, ihren Lebensgefährten und elf weitere Gäste. Die Biografien ähneln sich: Armut, Alkohol, Gewalt und Prostitution. Nach außen hin erfüllen die Tosa-Stammgäste das Bild der asozialen Kinderschänder, mit der intelligenten Christa W. als Strippenzieherin in ihrer Mitte, der "Spinne im Netz", wie es die Staatsanwaltschaft formuliert, die ihre Opfer erst finanziell und emotional von sich abhängig und dann zu Tätern macht.

Doch vor Gericht bröckelt schon bald die Anklage, immer mehr Ungereimtheiten in den Aussagen kommen zusammen. Der Prozess zieht sich hin.

Journalisten aus ganz Deutschland reisen nach Saarbrücken, die wenigen Zuschauer, die morgens in den Saal gelassen werden, stehen Stunden vorher Schlange. Ursprünglich auf 29 Verhandlungstermine angesetzt, verläuft der Prozess von Beginn an sehr zäh und verschleppt sich immer mehr.

Und es gibt Nebenschauplätze. Während des Prozesses, auf dem Weg vom Jugendamt zum Gericht verschwinden wichtige Beweismittel: Tonbänder mit Gesprächen zwischen Kevin und seiner Pflegemutter, bei denen sich der Junge offenbarte und über seine angeblichen Vergewaltigungen redete. Ein Nachrichtenmagazin veröffentlicht Protokolle, wonach die Polizei schon vor dem Fall Pascal über einen Informanten von Kindesmissbrauch in der Tosa-Klause erfahren haben soll. Schnell ist von der "V-Mann-Affäre" die Rede. Während die Polizei noch auf der Suche nach dem Leck in den eigenen Reihen Telefonprotokolle auswertet, tritt ein leitender Kriminalbeamter zurück; ein Kollege hatte ihn der Vertuschung bezichtigt und angezeigt. Auch die Leiterin des Jugendamts verzichtet auf ihr Amt, nachdem bekannt wird, dass Polizei und Kindergärtnerinnen schon mehrfach auf Missstände in Kevins Pflegefamilie hingewiesen hatten - denen aber nie nachgegangen wurde.

Nach 147 Verhandlungstagen, mehreren hundert Zeugenvernehmungen und knapp drei Jahren Prozessdauer werden die Angeklagten am 7. September 2007 freigesprochen. Es ist ein Freispruch "dritter Klasse", wie einer der Verteidiger meint. Denn es erscheint dem Gericht durchaus als möglich, dass sich die grausige Tat so abgespielt hat, wie Staatsanwaltschaft und Polizei bis heute glauben. Doch: "Es gibt keine zweifelsfreie Überzeugung. Daher gilt 'Im Zweifel für den Angeklagten'", wie der Vorsitzende Richter betont. Für Justiz und Polizei ist die Akte "Pascal" geschlossen. Anfang 2009 hat der Bundesgerichtshof auch die Freisprüche für die Hauptangeklagten bestätigt. Die Richter kamen zu der Überzeugung, dass Geständnisse durch "suggestive Vorhalte" bei den Vernehmungen der Angeklagten, die überwiegend einen äußerst niedrigen Intelligenzquotienten hatten oder alkoholkrank waren, zustande kamen

Eine Spur wurde nicht verfolgt

Ruhe herrscht nicht. Im Mai dieses Jahres wird bekannt, dass es einen weiteren Hinweis darauf gibt, wo der Leichnam sein könnte. Spur 677 führt nach Luxemburg, wo der tote Junge nach Aussage einer Zeugin vergraben worden sein soll - und zwar auf dem Grundstück eines Freundes von Tosa-Wirtin Christa W. Zu Ende verfolgt worden ist die Spur nie.

Heute, vier Jahre nach dem Urteilsspruch des Landgerichts, gibt es die Tosa-Klause noch immer. Der jetzige Pächter hat einen Pizza-Service darin untergebracht. Viel hat sich seit 2001 hier nicht geändert, außer, dass der Schriftzug "Tosa-Klause" entfernt wurde - und, dass ein Zaun vor neugierigen Besuchern schützt. Aber das Hinterzimmer, in dem alles oder nichts geschah, ist ohnehin fensterlos.

Sigrid Hübner wird am 30. September bei einem Schweigemarsch durch Burbach mitlaufen, in Erinnerung an ihren Neffen. Sie trägt immer noch dieses Gefühl mit sich, diese Idee, die sie nicht loslässt. Dass die Polizei jeden Moment anrufen und sagen könnte: "Wir haben ihn gefunden." Oder dass Pascal plötzlich vor der Tür steht. Einfach so.

In Sigrid Hübners Keller steht eine Kiste mit einigen Habseligkeiten ihrer Schwester: Ein Umschlag mit Bildern, die Pascal gemalt hat. Das Armbändchen, das er nach seiner Geburt trug. Und Fotos, die wenigen, die es von Pascal noch gibt. Sie zeigen einen fünfjährigen Jungen im Jogginganzug, der Fußball, Eier mit weißer Sauce und seinen grünen Stoffbären mochte, und der an einem Sonntagnachmittag vor zehn Jahren spurlos verschwand. Einfach so.