Amoklauf

Ansbach - die verhinderte Katastrophe

Es ist gegen 8.30 Uhr, als der junge Mann im schwarzen Mantel das Gymnasium Carolinum mitten in der Altstadt der mittelfränkischen Bezirkshauptstadt Ansbach betritt. In der Hand hält der 18-Jährige eine Axt, er trägt drei Molotowcocktails und zwei Messer bei sich. Er stürmt in ein Klassenzimmer und wirft einen Brandsatz hinein.

Georg R., so der Name des mutmaßlichen Amokläufers von Ansbach, beginnt, mit der Axt um sich zu schlagen, wirft einen zweiten Molotowcocktail ins gegenüberlegende Klassenzimmer, der allerdings kein Feuer auslöst. Der Schüler der 13. Klasse verletzt zwei Mädchen schwer, eine durch einen Brandsatz, die andere durch einen Axthieb am Kopf. Am Nachmittag schwebt die Elftklässlerin noch immer in Lebensgefahr. Sieben weitere Schüler und Lehrer werden in dem alten Gebäude verletzt. Ein Mitschüler von Georg R. aus der 13. Jahrgangsstufe beobachtet die Tat. Er verständigt heimlich die Polizei und fängt an, den Brand zu löschen. Er ist bei der Freiwilligen Feuerwehr aktiv. Am Nachmittag wird er in der 40 000 Einwohner großen Stadt als Held gefeiert werden. Am Morgen jedoch fürchten seine Mitschüler um ihr Leben, eine Klasse soll sich kurzfristig in ihrem Zimmer auf Anweisung der Lehrerin verbarrikadiert haben, berichten die einen. Vereinzelt hätten sich Schüler brennende Kleidungsstücke vom Körper gerissen, sagen die anderen. Es ist 8.35 Uhr und dieser Tag in Ansbach könnte immer noch zu einer Katastrophe werden.

"Wir dachten, das war ein Scherz"

In der Schule wird Feueralarm ausgelöst, viele Kinder glauben zunächst an eine Übung. Am Dienstag erst hat in Bayern das neue Schuljahr begonnen, eine Übung erscheint durchaus plausibel. Geordnet verlassen die rund 650 Schüler das Gebäude mit dem mächtigen, runden Eckturm. "Wir waren total ahnungslos", wird eine Schülerin später in die Mikrofone von Radio- und Fernsehsendern schluchzen. "Wir haben zuerst gedacht, das war ein Scherz, aber dann hat alles gebrannt", sagt ein anderer Schüler. Die Kinder sehen Lehrer, die verletzte Schüler ins Freie tragen. Sofort laufen die ersten Meldungen über den Web-Nachrichtendienst "Twitter", eilig von Handys abgeschickt: "Amoklauf am Carolinum".

Es ist 8.43 Uhr. Die ersten zwei Beamten der Ansbacher Polizei, eine Frau und ein Mann, stürmen in die Schule. Schon im Treppenhaus schlägt ihnen beißender Brandgeruch entgegen. Im dritten Stock, nahe den Toiletten, sehen sie dann den Amokläufer. Er richtet seine Waffen auf sie. Einer von ihnen schießt. Fünf Kugeln aus einer Maschinenpistole treffen Georg. R.

Es ist 8.46 Uhr. Die beiden Beamten nehmen Georg R. fest. Schwer verletzt wird er in ein Krankenhaus gebracht und operiert. Bis zum Nachmittag ist er nicht vernehmungsfähig. Seine Motive bleiben zunächst unklar.

Da die Polizei am Morgen noch von mehreren Tätern ausgeht, wird die Schule abgesperrt. Alle Schüler und Lehrer werden in die benachbarte Arbeitsagentur gebracht. Einige Kinder ziehen sich auf den Balkon des Hauses zurück, wo sie Zuflucht gefunden haben. Ihre Gesichter wirken starr, einige Schülerinnen haben ihre Hände vor die Augen geschlagen. Sie trösten sich gegenseitig. Einige Lehrer sitzen mit blutverschmierter Kleidung drinnen und sind geschockt. Erste besorgte Eltern treffen kurz darauf ein. Renato Trolese hat von einem Bekannten erfahren, dass es einen Amoklauf an der Schule seiner Tochter gab. "Ich war gerade auf dem Weg zur Arbeit, als er mich anrief", erzählt der Italiener. "Ich war erst beruhigt, als ich wusste, dass es meiner Tochter gut geht." In dem Moment, als er von dem schlimmen Ereignis gehört habe, sei er wie erstarrt gewesen: "Da denkst du alles Mögliche - Gutes und Schlechtes", erzählt Trolese und drückt dabei seine Tochter Nicole fest an sich. Das 10-jährige Mädchen aus der fünften Klasse besucht erst seit Dienstag das "Caro".

Immer mehr Einsatzzüge von Feuerwehr und Bereitschaftspolizei treffen mit Blaulicht und Sirene vor dem Carolinum ein, vermummte SEK-Beamte und Hundeführer durchsuchen das Schulgebäude. Ein Panzerwagen der Polizei rollt über das Kopfsteinpflaster vor dem Gymnasium. Passanten stehen fassungslos mit ihren Einkaufstüten hinter den Absperrbändern. Im Reisebüro gegenüber beobachten die Mitarbeiter das Szenario. "Viele haben geheult", sagt einer, selbst Ehemaliger des Carolinums. "Man denkt immer, dass so etwas woanders passiert, aber nicht hier", sagt seine Kollegin. Die Schule gelte als sehr familiär. Bei Problemen könne man mit den Lehrern reden. "An jeder anderen Schule in Ansbach hätte ich mir das vorstellen können, aber nicht am Caro."

Gegen Mittag ist klar: Georg.R., der zuvor strafrechtlich nicht aufgefallen ist, handelte alleine. "Er war ein ruhiger Typ, zurückhaltend, in den Pausen saß er immer alleine in der Aula", beschreibt ihn ein Schüler des Gymnasiums. Ein Außenseiter ist Georg R. jedoch nicht, immerhin soll er Mitglied in der Theatergruppe des Gymnasiums sein. Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) wird später sagen, dass bislang nichts über Probleme mit Georg R. bekannt sei. "Ich hatte ihn früher selbst als Schüler, da war er gut", sagt Schulleiter Franz Stark. In keiner Konferenz hätte sich das Lehrerkollegium mit Georg R., dessen Geschwister ebenfalls das Carolinum besuchen, beschäftigen müssen. Dagegen berichtet der Bayerische Rundfunk, dass Georg R. seit längerem in psychotherapeutischer Behandlung gewesen sei. Ermittler hätten außerdem Briefe gefunden, in denen von einer "bevorstehenden Apokalypse" die Rede sein soll.

Am Nachmittag beantragt die Staatsanwaltschaft Haftbefehl wegen versuchten Mordes gegen Georg R. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU), der wie Spaenle zum Tatort geeilt ist, spricht den Angehörigen sein Beileid und das von Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) aus. Dass Schlimmeres vermieden werden konnte, sei dem Einsatzkonzept der Polizei zu verdanken, das nach Winnenden weiterentwickelt wurde, sagt Herrmann. "Entscheidend ist, dass die alarmierten Beamten sofort reagiert haben." Und auch Herrmann lobt den Schüler, der die Polizei verständigt und mit dem Löschen den Brände begonnen hat: "Solche Leute brauchen wir."

Bis auf Weiteres kein Unterricht

Schon heute sollen die Schüler und Eltern, die psychologisch weiter betreut werden, zum Carolinum zurückkehren. "Das ist der beste Ort, das zu machen", sagt Notfallseelsorger Klaus Gruber. Unterricht wird im Carolinum bis auf weiteres nicht stattfinden. Und auch eine geplante Studienfahrt der 13. Jahrgangsstufe wurde abgesagt.