Ein unabhängiger Kopf

Gmund - Das Angelusläuten hallt zur Mittagszeit über das sonnige Tal am Tegernsee. Ein heimeliger Klang. Dasselbe Läuten wie vor genau einer Woche, als Peter Boenisch, der große Journalist, mit 78 Jahren für immer die Augen schloß. Die Glocken machen keinen Unterschied zwischen Tod und Leben. Gestern um zwölf Uhr eröffneten sie den Abschiedsgottesdienst in der katholischen Pfarrkirche St. Ägidius im beschaulichen Gmund. Ein stattliches barockes Gotteshaus von großer Heiterkeit. Schön ist es hier. Wohltuend. Irritierend. Ist doch der Anlaß so besonders traurig. Wie wird Pfarrer Klaus Hurtz, ein enger Freund der Familie, später sagen: "Sehen wir auf Peter, sehen wir Nanja und Nika." Seine Töchter, vier und sieben Jahre alt. Waisenkinder. Vor nur einem Jahr und zwei Monaten ist ihre Mutter Julia gestorben. Unerklärlich. Mit 41 Jahren. Nach einem Routine-Eingriff. Und nun der Vater. Rasend schnell vom Krebs zerfressen. Ein eiskaltes Déjà-vu. Dieselbe Kirche, dasselbe Läuten, derselbe blaue Himmel. Nur dieses Mal steht ein Photo von Peter Boenisch vor dem Altarraum. DIN A3 groß, mit Lorbeer gerahmt, Boenisch so lebendig mit dem typischen herzlich-frechen Lachen.

Die Eichenstuhlreihen sind bis auf den letzten Platz belegt, der Bundeskanzler und Doris Schröder-Köpf sind da, Michael Gorbatschow, Friede Springer, Franz Beckenbauer, Theo Waigel, der so wunderbar und kräftig singt und jede Liedzeile kennt. Wolfgang Schäuble und seine Frau, Gabriele Henkel, der öffentlichkeitsscheue Otto Beisheim, Vicky Leandros, eine alte Freundin, der Sylter "Gogärtchen"-Wirt Rolf Seiche, Kumpel seit 40 Jahren, der Unternehmer und Begum-Stiefvater Ernst Henne, der Boenisch schon kannte, als dieser die "Bravo" erfand. Sein Uraltfreund Victor Erdmann, der sagte: "Pepe war wie die Stadt, die er liebte: Berlin. Nach außen ruppig mit Charme und rauh, aber im Kern ein Mann mit Herz und Seele." Schmal und traurig: Susanne Porsche, bei der die Kinder erst einmal wohnen seit dem Tod des Vaters. Bis geklärt ist, wie es weitergeht. Nach dem Tod der Mutter im Sommer 2004 ist der Peter Boenisch mit den Mädchen von Berlin ins große Ferienhaus an den Tegernsee gezogen. Weil die Familie in der überschaubaren bayerischen Idylle geborgen war, nah bei der Mutter, oben auf dem Bergfriedhof.

Und nun? Finanziell ist vorgesorgt, alles andere wird nach der Beerdigung besprochen. Kurz vor seinem Tod hatte Boenisch seinen Arzt Günter Ernst zum Vormund bestimmt und ihm einen Vormundschaftsrat zur Seite gestellt. Susanne Boenisch, seine zweite Frau, die ein liebevolles Verhältnis zu den Kindern hat, die Familienfreundin Susanne Porsche, seine Vertrauten, der Werber Coordt von Mannstein, Bild-Chef Kai Diekmann, Gabriele Quandt-Langenscheidt, die Freunde Herbert Brauner und Thomas Falk.

"Wie soll es weitergehen, wenn nun auch Peter gegangen ist?", fragte auch Pfarrer Hurtz, der so klug und ohne falsches Pathos spricht, in seiner Predigt. "Was sollen wir machen mit einem Evangelium, wo wir so unruhig sind und sein Joch so hart und so schwer zu tragen ist und ungerecht!" Nein, das Evangelium antworte nicht auf alle Fragen. Aber das Joch sei auch ein Hilfsmittel, die Last des Lebens gemeinsam zu tragen. Und die Freunde in der Kirche müßten nun tragen, damit es leichter werde für die Kinder.

Der Bundeskanzler hält die Trauerrede in der Kirche. "Peter Boenisch war ein Meister des Boulevards, ein profilierter Journalist, ein wahrhaft unabhängiger Kopf. Er war ein Eiferer für Demokratie und Freiheit." Als der Kanzler und Vladimir Putin 2001 den deutsch-russischen Dialog initiierten, bestellte Schröder Peter Boenisch zum Leiter der deutschen Delegation, Putin Michael Gorbatschow für die russische Seite. Tief bewegt sitzt der ehemalige Präsident zwischen Doris Schröder-Köpf und Friede Springer in der ersten Reihe. Die beiden Männer verband ihre Herkunft - Boenischs geliebte Mutter war Russin - und das Engagement für die Freundschaft zwischen beiden Ländern. "Ich möchte nicht glauben, daß er nicht mehr unter uns weilt", sagte Gorbatschow am Grab.

Die Kinder haben ihn nicht gehört. Es wäre zuviel gewesen. Sie werden später mit den engsten Freunden und dem Pfarrer Abschied nehmen. "Kindertränen gehören nicht in die Öffentlichkeit", hatte Hurtz gemahnt. Es wäre auch kaum zu ertragen gewesen.