- Sie hatte ein großes, weites Herz für viele. Berufsbedingt für Männer.
Domenica ist tot. Die 63-Jährige, die mit vollständigem Namen Domenica Niehoff hieß, starb am Donnerstag, 10.44 Uhr, im Hamburger Krankenhaus Altona an einem Lungenleiden. Das bestätigten Freunde. Sie lag bereits seit dem vergangenen Freitag mit schweren Kreislaufproblemen auf der Intensivstation. "Am Sonntag hatte ich sie besucht. Sie scherzte schon wieder und machte Pläne", berichtet eine Freundin. "Der Tod kam für uns jetzt alle überraschend."
Domenicas Leben war von vielen Höhen und Tiefen geprägt. 1945 in Köln geboren, wuchs sie zehn Jahre lang in einem Waisenhaus auf. Mit 17 Jahren lernte sie einen 42-jährigen Bordellbesitzer kennen, der sie heiratete. Doch die Ehe endete höchst tragisch: Der Ehemann erschoss sich vor ihren Augen mit einer Pistole.
Je länger sie als junge Frau in Hamburg lebte, umso mehr avancierte der Kiez zu ihrem eigentlichen Zuhause - und zum Arbeitsplatz. Zu ihr wollten die Männer, weil sie sexuelle Praktiken begehrten, für die Domenicas Vorname Programm war. "Ich hatte alles. Alle Schichten. Sie waren winselnd, bettelnd, fordernd, gemein. Brav, lieb, reich, arm, jung, alt. Ich weiß gar nicht, was mir noch fehlte", sagte sie in ihrem letzten großen Interview, das sie im Sommer 2008 gab. Prominente und solche, die sich dafür hielten, schmückten sich in der Öffentlichkeit gern mit Domenica, nachdem sie in den 1980er-Jahren für die Anerkennung und Legalisierung des Berufsstandes der Prostituierten zu kämpfen begann. Horst Janssen und das Ehepaar von Thurn und Taxis pflegten den Kontakt zu ihr. Das Plattencover der Popgruppe Trio für die Single "Bum Bum" zeigte ihr Dekolleté.
Nur die Luden auf dem Kiez gingen auf Distanz, weil sie sich zunehmend für die Rechte der Prostituierten einsetzte. Als Domenica Niehoff im vergangenen Jahr aus der Eiffel, wo sie das Haus ihres Bruders geerbt hatte, nach St. Pauli zurückkehrte, wurde sie von ihren früheren Feinden mit offenen Armen aufgenommen. Dieser Sinneswechsel hat sie dann doch ziemlich überrascht.
Zuletzt lebte die Ex-Hure auf St. Pauli und saß am liebsten rauchend auf ihrer Veranda im ersten Stock eines Mehrfamilienhauses. Sie kochte gern und lud dazu ihre Freunde ein. Und sie wollte weiterhin für junge Prostituierte da sein, sie bei ihrem Ausstieg aus dem Milieu unterstützen.
Je älter Domenica Niehoff wurde, umso mehr dachte sie über das Alter nach und den Sinn ihres Lebens. Reich ist sie nicht geworden durch ihren Beruf als Edelhure. Sie nahm es gelassen. Vor allem in den letzten Jahren musste sie gelegentlich an der sozialen Grenze leben.
Doch sie war stets stolz auf sich. "Ich habe erreicht, dass mehr über Prostitution geredet wird. Dass nicht mehr so darüber getuschelt wird. Dass sich Mädels trauen zu sagen: "Ich war im Milieu, aber ich will jetzt aussteigen", sagte sie einmal. Vor dem Tod hatte Domenica Niehoff keine Angst. Ihr war das Älterwerden als sukzessiver Verfall der Körperlichkeit mehr oder weniger egal. Nur bettlägerig wollte Domenica niemals werden. Der Himmel hat ihr ein Geschenk gemacht: Sie starb nach nur kurzer Krankheit.

