Turin - Reichtum, Kunst, Liebe - die Geschichte der Familie Bruni Tedeschi hat Elemente einer Heldensage, eines Romans, einer Telenovela. Vielleicht von allem ein bisschen. Sie erzählt von einer aufstrebenden Dynastie Turiner Industrieller, die mit der eigenen Geschichte ebenso brachen wie mit der Heimat. Die heutige Bühne der Familie Bruni Tedeschi ist Paris. Die Hauptrolle spielt Carla, Supermodel, Sängerin, einst Geliebte von Mick Jagger, Eric Clapton, Kevin Costner oder Donald Trump, jetzt Präsidentengattin. Doch ist die Familiensaga eigentlich eine italienische Geschichte.
Sie beginnt im Turin des ausgehenden 19. Jahrhundert. Nacheinander treten auf: Virginio Tedeschi, Sohn einer jüdischen Unternehmerfamilie, der mit Gummireifen reich wird, auch wenn es eigentlich die Musik ist, die ihn berauscht. Sein Sohn: Giuseppe Alberto, den schönen Künsten verfallen. Dann die Ehefrau. Marisa Borini, talentierte Pianistin, ist gerade 15 Jahre alt, als Alberto sie zur Verlobten nimmt, zuvor hat er andere Liebschaften, auch Huren, die Heirat mit Marisa folgt erst Jahre nach ihrem Kennenlernen.
Carlas Mutter mit Hang zu Affären
Marisa ihrerseits entwickelt einen Hang zu Affären. Eine heiße Liebesgeschichte verbindet sie über sechs Jahre mit dem 13 Jahre jüngeren Maurizio Remmert. Aus ihr geht Tochter Carla hervor, was Alberto von Beginn an weiß. Carla selbst erfährt davon erst, als er lebensgefährlich erkrankt. Auch Remmert, heute Geschäftsmann in Brasilien, wusste wohl immer von seiner berühmten Tochter.
Carlas vermeintlicher Vater, der junge Alberto Bruni Tedeschi - er hat inzwischen einen Vornamen abgelegt und dafür zusätzlich den Nachnamen der früh verstorbenen Mutter angenommen - findet seine große Liebe in der Musik. Er ist ein begabter Pianist, parallel zum Jurastudium ist er seit 1933 Schüler des Komponisten Giorgio Federico Ghedini, Dirigent am berühmten Teatro Regio von Turin. Der Vater unterstützt das musikalische Talent.
Dem Faschismus begegnen die Tedeschi so wie die meisten Turiner Industriellen: Man bemüht sich, Sozialismus wie Faschismus aufzuhalten. Alberto lebt nur für die Musik. Und für seine Amouren. Bruni Tedeschi ist inzwischen Generaldirektor bei der väterlichen Firma Ceat, die mit Pirelli und Superga inzwischen an der Spitze der italienischen Reifenhersteller steht. Jeden Morgen sitzt er in aller Frühe zwei Stunden am Flügel und schreibt Stücke, bevor er sich ins Büro begibt.
Nach dem Krieg folgen die glücklichen Fünfzigerjahre. Alberto Bruni Tedeschi lebt als Komponist von internationalem Rang, sammelt Kunst und Antiquitäten, während das aufblühende Unternehmen Ceat das nötige Geld dazu abwirft.
Auf einem Bauernhof im Tessin trifft Alberto auf Marisa Borini, die junge Pianistin, der er den Hof macht. Sie stammt aus einer Unternehmerfamilie am Ortasee. Ihre Mutter, Madame Planche, ist Französin. Alberto sitzt in den Sälen, in denen Marisa spielt. Er lädt sie in die Gemächer Ludwig XV. ein, die der berühmte Sammler Pietro Accorsi eingerichtet hat. Sie ist verzaubert und benommen von dem großen, gebildeten, steinreichen Mann. Sie verloben sich. So bleibt es für Jahre.
1953 erwirbt Alberto das Schloss in Castagneto Po bei Turin. Doch vorerst bindet sein Vater ihn immer mehr in die expandierende Firma ein. Der Sohn entzieht sich nicht, aber er arbeitet am intensivsten, wenn es um seine Kompositionen geht. Endlich erfolgt auch die Hochzeit, auch wenn Alberto sich niemals wirklich verheiratet fühlt. Und Marisa lässt sich von anderen Leidenschaften hinreißen, die jedoch alle flüchtig bleiben, das einzige dauerhafte Verhältnis ist das zu Alberto.
1959 wird der älteste Sohn Virginio geboren, 1964 Tochter Valeria und 1968, zwei Tage vor Weihnachten, Carla. Wer ihr biologischer Vater ist, gesteht die Mutter ihr erst, als Alberto im Sterbebett liegt. Alberto jedoch hat es immer gewusst und keinen Unterschied gemacht. Es ist fast so, als seien mit der Geburt seiner Kinder auch die unbeschwerten Jahre vorbei.
Die Wirtschaftskrise setzt der Firma Ceat zu. Während um ihn herum der Klassenkampf tobt, die Roten Brigaden zum Angriff übergehen, erwirbt Alberto ein Stück Welt, in der alte Werte scheinbar weiter bestehen: die Residenz im Park von Rambouillet bei Paris, dessen Schloss den Präsidenten der Republik als Residenz dient.
Die Familie flieht nach Paris
Doch zu Beginn der Siebzigerjahre stürzt alles zusammen. 1972 stirbt seine Stiefmutter. Auch wenn seine Familie keine konkreten Terrordrohungen erhält, rät der Vater seinem Sohn, die Familie nach Paris zu bringen. 1974 stirbt der alte Virginio Bruni Tedeschi. Alberto weiß, dass er diesen Platz nie wird einnehmen können. Und verkauft alles. Die Ceat-Reifen gehen an Pirelli, die Fabrik wird geschlossen, das Gelände an der Via Leoncavallo erwirbt die Stadt Turin. Marisa verliert sich derweil in ihre Affäre mit Arturo Benedetti Michelangeli, einen der größten Pianisten der Zeit, der ein exzentrisches Leben führt. Alberto ist eifersüchtig, hofft aber, dass die Leidenschaft von allein erlischt. Tatsächlich kehrt Marisa in den Achtzigerjahren nach Paris zurück und nimmt ihre Konzerte rund um die Welt wieder auf. 1987 wird in Nizza Albertos Oper über einen nuklearen Holocaust aufgeführt, die seine finale Schaffensphase einläutet. Es folgen finstere, oft wehmütige Jahre. 1994 erkrankt er und stirbt 1996.
Zuvor hat er noch die Fotografenkarriere seines Sohnes Virginio miterlebt, seine Tochter Valeria zur Schauspielerin heranreifen sehen - und den kometenhaften Aufstieg von Carla verfolgt, die auf den Laufstegen der Welt gefeiert wird und sich Virtuosin auf einem anderen Gebiet erweist - dem des Jetset. Vielleicht hat der alte Alberto in Carla Parallelen gesehen. In der stets eleganten Suche nach dem Extrem, in der Lust, Grenzen zu überschreiten. 2001 bekommt Carla mit dem französischen Philosophen Raphaël Enthoven einen Sohn. Die Verbindung hält immerhin sechs Jahre. In dieser Zeit beschließt Carla eine Kurskorrektur: Sie will Musik machen. Von der Zwölfton-Exzentrik ihres Vaters allerdings ist sie weit entfernt. Carla haucht Chansons zu selbst gespielten Gitarrenklängen.
Die Welt des Alberto Bruni Tedeschi ist vergangenes Jahr endgültig untergegangen. 2006 starb sein Sohn Virginio mit nur 46 Jahren an Krebs; die Schwestern gründen eine Stiftung zur Unterstützung medizinischer Forschung und kündigten an, einen schlichteren Lebensstil zu pflegen. Die Versteigerung der Sammlung Bruni Tedeschi bei Sothebys in London machte Schlagzeilen, nicht nur wegen der astronomischen Preise. Ein Experte lobte den "tadellosen Geschmack des Sammlers und die makellosen Provenienzen." Nebenbei erzählen die Versteigerungsobjekte von der Sehnsucht des Kosmopoliten, der sie zusammengetragen hat.
Aus dem Italienischen von Uta Keseling

