Neue Spur im Mordfall Sedlmayr

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München - Noch zwei Jahre, dann könnten die verurteilten Mörder des bekannten Volksschauspielers Walter Sedlmayr die Justizvollzugsanstalt Straubing als freie Männer verlassen. Vielleicht auch früher, denn 13 Jahre nach dem spektakulären Mord an dem 64jährigen beliebten Mimen, dessen homosexuelle Neigungen und Verbindungen ins Strichermilieu erst nach seinem Tod bekannt wurden, gibt es neue Spuren - und vielleicht auch einen neuen Tatverdächtigen.

Die Hoffnung Manfred L.s und seines Halbbruders Wolfgang W. beruht auf Spur D4: ein Fingerabdruck am Duschvorhang in Sedlmayrs Münchner Wohnung. Diese Spur war einer der wenigen unter 240 Fingerabdrücken, die die Kripo zunächst nicht zuordnen konnte. Mit der Einführung des Automatisierten Fingerabdrucksystems Jahre später meldete das Bayerische Landeskriminalamt jedoch einen Treffer: Spur D4 führte zu einem 44jährigen Kleinkriminellen aus Ingolstadt. Mysteriös: Der Mann, der in den 80er Jahren wegen verschiedener Überfälle inhaftiert war, hatte sich am 15. Juli 1990, nur einen Tag nach dem Sedlmayr-Mord, nach Spanien abgesetzt. Dort lebt er bis heute. Auf Bekannte, denen er zuvor noch Waffen verkaufen wollte, wirkte er später vollkommen verändert. "Er wollte keine Waffen mehr verkaufen", gaben sie bei der Polizei zu Protokoll.

Der Fall Sedlmayr zählt zu den spektakulärsten Verbrechen der Münchener Nachkriegsgeschichte: Bis zum Mord-Tag ahnte keiner seiner Fans etwas vom bizarren Doppelleben des bis dahin meistbeschäftigten deutschen Fernsehschauspielers. Sein Sekretär Werner Dahms entdeckte Sedlmayr am 15. Juli 1990 mit eingeschlagenem Schädel und Stichverletzungen bäuchlings im Bett. Messer und Hammer lagen daneben, genauso eine einschwänzige Lederpeitsche. Auf dem Nachttisch Kondome und ein Salbentöpfchen. Nach Befragungen in der Münchner Stricherszene verdichtete sich der Verdacht: "Homo-Mord". Die Telefonnummer des spendablen Perversen mit dem aus "Polizeiinspektion 1" und dem Starkbier-Anstich bekannten Gesicht kursierte in der Homo-Szene. Doch verhaftet wurden ein Jahr später L. und W., Teilhaber der Wirtschaft "Beim Sedlmayr". Das Tatmotiv: Habgier.

Die neuen Aussagen bringen die bisherige Version des spektakulärsten Kriminalfalls der Münchener Nachkriegsgeschichte nun jedoch ins Wanken. Der Münchener Oberstaatsanwalt Anton Winkler bestätigt: "Wir gehen Gerüchten nach, wonach der 44jährige am Mord beteiligt war." Bei einer Vernehmung des Ingolstädters in Spanien, an der auch der ermittelnde Münchener Kommissar Josef Wilfling teilnahm, stritt der rundweg ab, jemals in Sedlmayrs Wohnung gewesen zu sein. "Diese Aussage dürfte nicht stimmen", legt sich Oberstaatsanwalt Winkler fest. Bei den weiteren Ermittlungen dürfte nun auch ein Bekannter von Sedlmayrs Ziehsohn Wolfgang W. ins Blickfeld rücken, den der Ingolstädter Verdächtige im Landsberger Knast kennenlernte. Dieser Mann hatte im Juli 1990 Hafturlaub und ausgerechnet für die mutmaßliche Stunde des Mordes kein Alibi. Winkler: "Wir prüfen auch, ob es eine Tatbeteiligung der Verdächtigen im Hintergrund gab."

Die Münchener Kripo ist nach wie vor sicher, daß mit W. und L. die richtigen Täter verurteilt wurden. Hauptgrund dafür ist der Hammer, mit dem Sedlmayr erschlagen wurde: Ein V-Mann der Polizei ordnete ihn W. zu. Doch diese Angabe beruhte allein auf Aussagen von L.s Verlobten, die in dem langwierigen Verfahren von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch machte. Das Bundesverfassungsgericht rügte deshalb später das Urteil des Landgerichts München vom 21. Mai 1993: Es sei unfair zustande gekommen. Deshalb hoffen W. und L. in einem neuen Verfahren auf Freispruch. Ihr Antrag auf Wiederaufnahme ist bereits der zweite. Doch die Hürden sind hoch. Der zuständige Richter am Landgericht Augsburg, Wolfgang Rothermel, sagt: "Ich prüfe die Zulässigkeit des Wiederaufnahmeantrags. Derzeit warte ich auf neue Ermittlungsakten der Münchener Staatsanwaltschaft." Rothermel hatte zuletzt eine Wiederaufnahme im Fall des Schauspielers Günther Kaufmann verfügt - hier kommt es im Januar zu einem neuen Verfahren.