Wie bleibt man im Alter lange gesund? Die meisten guten Ratschläge sind allseits bekannt: zum Beispiel sich möglichst viel bewegen und gesund ernähren und geistige Herausforderungen suchen. Für die psychische Gesundheit ist es zum Beispiel wichtig, das soziale Umfeld zu pflegen. Das funktioniert unter anderem dann gut, wenn «die Jungen» mit «den Alten» in Kontakt bleiben.

Was in einer dem Jugendwahn erlegenen Gesellschaft in diesem Zusammenhang leicht in Vergessenheit gerät, ist eine Eigenschaft des Alters, von der beide profitieren können: Weisheit. Am Berliner Max-Planck-Institut (MPI) für Bildungsforschung hat man Kriterien für Weisheit, einen Fragenkatalog und eine «Weisheitsskala» entwickelt.

Eine der «Weisheits-Testfragen» lautet: Ein 15-jähriges Mädchen möchte sofort heiraten. Was kann man ihr raten? Was sollte man berücksichtigen? Die spontane Antwort, dass das Mädchen bloß nicht heiraten sollte, weil es viel zu jung ist und die Entscheidung bereuen könnte, ist nicht sehr weise. Auf der von eins bis sieben reichenden Weisheitsskala des Direktors des MPI, Professor Paul Baltes, und seiner Kollegin Professor Ursula Staudinger von der TU Dresden, gäbe es für einen solchen Ratschlag etwa eine 3.

Als lebensklug gilt indes diese Antwort: «Auf den ersten Eindruck scheint es ein echtes Problem zu sein, dass das Mädchen schon mit 15 Jahren heiraten will. Andererseits muss man sich die Umstände ansehen. Es ist möglich, dass sie an einer unheilbaren Krankheit leidet. Denkbar ist auch, dass sie zum ersten Mal verliebt ist. Berücksichtigen sollte man ferner die kulturellen Umstände. So ist es in manchen Kulturkreisen üblich, dass früh geheiratet wird.» Für eine solche differenziertere Antwort gäbe es eine fünf bis sechs auf der MPI-Weisheitsskala.

Professor Baltes ist Psychologe und Alternsforscher. Zusammen mit seiner Kollegin Staudinger und anderen Mitarbeitern beschäftigt er sich von Berufs wegen mit der Weisheit, die für ihn «der Gipfel menschlicher Erkenntnisfähigkeit» ist. Ein weiser Mensch weiß viel über Lebensführung, Lebensdeutung und um die Ungewissheiten des Lebens. Doch wie wird man weise?

Der Wissenschaftler erwähnt fünf Meilensteine. Zunächst die Lebenserfahrung. «Wer viel erlebt hat, kann sich andere Dinge und Lebensformen leichter vorstellen», erläutert Baltes. Weisheit hat also auch etwas mit Alter und Erlebtem zu tun. Die Qualitäten des Alters sind die Langzeitperspektive, die emotionale Besonnenheit und die Lebensklugheit. Doch die grauen Haare allein sind noch kein Garant für einen klugen Kopf. So haben Baltes und Staudinger herausgefunden, dass das Fundament für Weisheit bereits zwischen dem 14. und 25. Lebensjahr anlegt wird. In diesen Jahren beobachteten die Wissenschaftler den ersten Erwerb von Weisheitswissen.

Ermittelt haben die Forscher den Aufbau von Weisheit bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen durch das Sammeln von Denkprotokollen. Etwa 1500 Menschen im Alter zwischen 14 bis 90 Jahren mussten über mehrere schwierige Lebensprobleme laut nachdenken, zum Beispiel was man einem guten Freund rät, der am Telefon sagt, dass er sich umbringen will. Die etwa einstündigen Denkprotokolle wurden auf Tonband aufgezeichnet und ausgewertet. Um «weiser» zu werden, als man im Durchschnitt mit 25 Jahren bereits ist, benötigt man neben der Lebenserfahrung noch vier weitere Weisheitszutaten.

Um sich auf den Gipfel des Wissens emporschwingen zu können, braucht man Mentoren. Man holt sich bei ihnen Rat und schaut ihnen ab, wie sie mit komplizierten Lebensproblemen umgehen. Durch interessante Diskurse mit lebensklugen Menschen sowie ihrer Nachahmung kann man höhere emotionale Intelligenz und Urteilsfähigkeit über die Fragen der conditio humana erlangen. Die dritte Ingredienz auf dem Weg zur Weisheit ist der Persönlichkeitsfaktor. Nur wer flexibel, offen und neugierig ist, sammelt neue Erfahrungen.

Die vierte und fünfte Zutat sind eine «Grundhaltung von kultureller Toleranz» und «das Zusammenspiel von persönlichem und Gemeinwohl». Wer andere Religionen und Kulturen akzeptiert, erweitert seinen Erfahrungsschatz und gelangt zu mehr Weisheit. Auf einem lebensklugen Weg ist derjenige, der nach einem Optimum an Gutem im eigenen Leben und in der Welt strebt, ohne anderen Schaden zuzufügen. Erst alle diese fünf Säulen führen zu höherem Wissen, zu der perfekten Synergie von Geist und Charakter, zu der Fähigkeit, ein guter Ratgeber zu sein, zu der Gabe, um die Ungewissheiten des Lebens zu wissen. So gesehen ist Weisheit ein unerreichbares Ideal. Vermutlich hat deshalb noch niemand die höchste Note der Weisheit in den Untersuchungen der Psychologen erreicht.

Gibt es Quellen in der Literatur, die alle fünf genannten Kriterien erfüllen? In Klabunds und später Brechts Kaukasischem Kreidekreis beispielweise streiten zwei Frauen um ein Kind. Der Richter stellt das Kind in den Kreis und fordert die Frauen auf, das Kind an sich zu ziehen. Die Frau, die das Kind nicht verletzten will, lässt es los und bekommt es später vom Richter zugesprochen. Eine weise Entscheidung. Er hat von außen auf das Problem geschaut und tiefe Einsichten in die menschliche Psyche bewiesen.

Doch weise Persönlichkeiten - und das zählt zu den neuesten Erkenntnissen eines Weisheitsprojekts am MPI, sind keine dauerfröhlichen Strahlemänner und -frauen. Lebenskluge Persönlichkeiten wissen um die Unwägbarkeiten des Lebens und kennen viele Emotionen. Deshalb zählen sie nicht gerade zu denen, die auf einer Welle des positiven Lebensgefühls reiten.