Überall Baulärm! Von meditativer Gelassenheit noch keine Spur. Und doch soll hier in ein paar Wochen eine Oase der Ruhe entstehen. Denn mit Hochdruck arbeitet der Verein Lotos Vihara e. V. an seinem neuen Meditationszentrum an der Neuen Blumenstraße 3. Der Flachbau inmitten der Plattenbauten zwischen Alexanderplatz und Jannowitzbrücke, in dem sich einst kleine Besucher einer Kindertagesstätte tummelten, wird gegenwärtig umgestaltet.

Zwei Außenwände müssen noch versetzt, das Dach erweitert, Heizungs- und Sanitäreinrichtungen installiert oder auch Räume renoviert werden. Jede Menge Arbeit für das Dutzend aktiver Helfer, die in ihrer Freizeit ackern, damit das Zentrum bis Anfang Mai fertig ist. Die bisherigen Vereinsräume im Kreuzberger Wrangelkiez sind zu klein geworden. "Unser Verein ist in den letzten Monaten schnell gewachsen. Wir freuen uns deshalb auf das neue Zentrum, das uns für unsere Aktivitäten viele Möglichkeiten bietet", so Dr. Wilfried Reuter.

Der Kreuzberger Frauenarzt leitet mit Lotos Vihara eine der großen Meditationsgruppen in Berlin. Zählte im Vorjahr der buddhistische Verein etwa 80 Mitglieder, stieg die Zahl inzwischen bereits auf 110 Anhänger. Reuter ist einer der Initiatoren der Anjali-Stiftung, die das knapp 3000 Quadratmeter große Grundstück mit dem etwa 500 Quadratmeter großen ehemaligen Kita-Gebäude kaufte. Der Stiftungsname "Anjali" soll bezeichnend sein - er bedeutet: "Es kommt von Herzen."

Mithilfe der Stiftung, die den finanziellen Boden schafft, kann der Verein neue Wege gehen. "Eine großzügige einmalige Spende ermöglichte uns den Grundstückskauf", erklärt der Vereinsvorsitzende Jörg Hecker. Geplant sind ein großer und zwei kleine Meditationsräume, eine Bibliothek und auch ein vegetarisches Kiez-Café in der Begegnungsstätte, die jedem Besucher offen stehen soll. Offenheit will Lotos Vihara generell praktizieren. Der Verein versteht die buddhistische Lehre weniger als Religion, denn als praktische Lebensphilosophie. Sie fußt auf der ältesten der drei großen buddhistischen Traditionen, genannt Theravada ("Schule der Älteren"). Meditation wird praktiziert, um Freude in das eigene Leben zu bringen, um Selbstverständnis aufzubauen, Selbstwertgefühl zu steigern und so Potenzial zu entfalten. Auch zur Stressbewältigung und der Krankheitsprophylaxe sowie der begleitenden Therapie zur Mobilisierung von Selbstheilungskräften soll Meditation dienen. So will das neue buddhistische Zentrum künftig auch Veranstaltungen für kranke Menschen, Kinder, Schwangere und Menschen in Heilberufen anbieten. Vorgesehen sind zusätzlich eine ambulante Pflege und Sterbebegleitung.

Hecker: "Bis zum 6. Mai soll das gesamte Konzept stehen." An diesem Tag feiert der Verein nicht nur die Eröffnung der Begegnungsstätte, sondern auch sein 10-jähriges Bestehen sowie das Vesakhfest. Dieses Fest stammt aus der Tradition des Theravada-Buddhismus und wird heute von den Buddhisten in aller Welt als verbindender Feiertag begangen. Er dient der Suche nach Gemeinsamkeiten der unterschiedlichen buddhistischen Traditionen in aller Welt. So ist es einheitlicher Brauch, Tiere - besonders Vögel - freizulassen. Auf symbolische Weise verleihen Buddhisten damit ihrem Willen Ausdruck, zum Wohl aller Wesen zu wirken.

"In unserem neuen Domizil wird es quasi jeden Tag Veranstaltungen geben. Besonders der Garten soll ein Ort für den Rückzug vom Alltag und zur Meditation werden", erläutert Hecker. Das künftige Projekt, ob Vorträge, Atemtherapie, Qigong oder Cafébetrieb, wird allein durch ehrenamtliche Helfer und Spenden getragen. Kosten sollen so gering wie möglich gehalten werden. So erfolgen auch Bauarbeiten meist in Eigenleistung. Lediglich Fachleistungen wie der Ausbau des Sanitärtraktes übernahm eine Berufsschule. Denn trotz der Spenden ist das Geld knapp. Hecker: "100 000 Euro, die derzeit über Kredite gedeckt sind, müssen wir noch aufbringen." Einen Teil der Kosten will der Verein über den Verkauf des Mosaiks, das gegenwärtig die Außenwand am Eingang des umgebauten Flachbaus ziert, einnehmen. "Wir suchen einen Käufer", so Hecker.