Im Weißenseer Industrieloft entstehen nicht nur Figuren, sondern auch Skulpturen sowie kleine Dekorationen für Theater, Filmproduktionen oder auch Kaufhäuser. Es riecht nach frischer Farbe. "Nackter" Styropor wartet darauf, bearbeitet zu werden. Beschäftigt sind in den Werkstätten 25 Körperbehinderte oder psychisch Kranke, die sonst auf dem Arbeitsmarkt kaum eine Chance haben.

"Was soll ich zu Hause vergammeln?"

Einer, der sich um die Beschäftigten kümmert, ist Ronald Klemke. Der 50-Jährige, der selbst seit sieben Jahren ohne Job ist, kommt jeden Tag in die Werkstatt - ehrenamtlich. "Die Hände in den Schoß zu legen, ist nicht mein Ding", sagt er. Der ehemalige Bahnpostbegleiter, der einst für den Transport von Wertsachen zuständig war, sieht in seinem Alter und in seinem Beruf keine Chance mehr. Doch damit abfinden will er sich nicht: "Was soll ich zu Hause vergammeln?" Nachdem er vor drei Jahren mit einer Arbeitsbeschaffungs-Maßnahme (ABM) in der Werkstatt landete, beschloss er, deshalb zu bleiben. Freiwillig und ohne Bezahlung. Doch bescheiden verweist Klemke auf weitere engagierte Kollegen wie etwa einen 56- jährigen Ehrenamtlichen in der Metallwerkstatt. "Ich bin hier ja nicht der Einzige, der ehrenamtlich arbeitet."

Ob täglich, wöchentlich oder monatlich: "Eine gut funktionierende Gesellschaft braucht dieses Engagement, auch wenn es professionelle Leistungen nicht ersetzen kann", betont Oswald Menninger. Der Geschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Berlin initiierte deshalb einen jährlichen Brunch für Helfer aus den Vereinen, der am heutigen Sonnabend zum vierten Mal stattfindet. Geladen sind 100 Engagierte - darunter auch Ronald Klemke. Menninger: "Dieser Brunch bietet die Möglichkeit, in netter und ungezwungener Atmosphäre einen Dank auszusprechen und miteinander ins Gespräch zu kommen." Die Anerkennung sei wichtig, um die Kultur ehrenamtlicher Arbeit weiter zu etablieren. Das Schöneberger Hotel Sylter Hof stellt kostenlos Räumlichkeiten und Personal zur Verfügung. Getränke liefern die Firmen Trinks und Darboven. Der Verband hat lediglich die Büffetkosten zu tragen.

Nicht nur in den klassischen Bereichen wie etwa im Sport oder der Seniorenarbeit leisten Bürger uneigennützige Hilfe. Für die Freizeitgestaltung erwachsener geistig Behinderter setzt sich zum Beispiel Klaus Fröhlich ein. Der 63-Jährige, der im vergangenen Jahr als Gärtner in Rente ging, hilft einmal im Monat im Neuköllner Bewohnercafé der Vereinigung für Jugendhilfe Berlin (VfJ). Der Verein betreibt an der Grenzallee ein ambulant betreutes Wohnhaus samt Freizeitclub. Nach ihrer Arbeit in den Werkstätten kommen die Bewohner in das Café. "Ich bin Mädchen für alles, räume Tische und Stühle, mache sauber oder helfe in der Küche", erzählt Klaus Fröhlich, der nach 45 Jahren Berufstätigkeit etwas tun wollte. Mit seinem Ehrenamt habe er Vorurteile gegenüber Behinderten über Bord geworfen. "Die Arbeit macht mir richtig Spaß." Zusätzlich trifft er sich alle zwei Wochen mit Behinderten beim Bowling. Auf andere Weise hilft Bärbel Schulze (58). Die gelernte Schneiderin ändert zu Hause Kleidung für die jungen Hausbewohner oder näht Vorhänge.

Für die beruflichen Chancen Jugendlicher setzt sich Rudolf Schultz seit zwei Jahren im Verein Trialog e.V. ein: "Ich war 56 Jahre lang im Arbeitsamt beschäftigt. Ich habe Zeit und Erfahrung. Die will ich nutzen." Immer montags besucht der Neuköllner, der auch im Quartiersmanagement Gropiusstadt ehrenamtlich als Beirat arbeitet, die benachbarte Walter-Gropius-Schule. Er berät dort Schüler bei ihren Berufsplänen und hilft beim Schreiben von Bewerbungen. Zusätzlich akquiriert er freie Praktikanten- oder Ausbildungsstellen in Firmen.

Nicht nur Ältere bekleiden Ehrenämter. Davon zeugt der Einsatz von jungen Leuten wie Lena Jauch und Samyr Bouallagui. Beide arbeiten in der Notübernachtung vom Verein "Mob - Obdachlose machen mobil e.V.". Das ganzjährig geöffnete Quartier an der Prenzlauer Allee beherbergt bis zu 17 Männer und Frauen, die für 1,50 Euro pro Nacht bis zu acht Wochen bleiben können. "Ich kam vor knapp anderthalb Jahren von Heilbronn nach Berlin, hatte keine Wohnung und habe für drei Wochen selbst die Notübernachtung gebraucht", erinnert sich Bouallagui. Inzwischen ist der 29-jährige Einzelhandelskaufmann ehrenamtlich für die Obdachlosen da, hilft bei Behördengängen, der Wohnungsvermittlung oder auch der Jobsuche. "Wir schauen, wie wir denen weiter helfen können." Unterstützt wird er von Lena Jauch (21), die nach einem freiwilligen sozialen Jahr gegenwärtig eine Ausbildung zur Fremdsprachensekretärin absolviert und sich einmal wöchentlich Zeit für die Obdachlosen nimmt. "Es ist der Lohn für meine Arbeit, wenn ich merke, dass ich bei den Leuten gefragt bin."