Film

"Es war wie in einem schönen Traum"

Wie einen Rausch erlebte die Berliner Schauspielerin die Oscar-Verleihung. Als sie im Kodak Theater stand und den Anblick der Filmstars genoss - Sean Penn, Brangelina, Meryl Streep. Julia Jäger war für ihre Rolle in dem oscarprämierten Kurzfilm "Spielzeugland" nach Los Angeles gereist.

Mittlerweile ist sie wieder in Berlin. Mit Dirk Westphal sprach die 39-Jährige über die Zeit danach, ihr Engagement für ein Kinderhospiz und den Mauerfall.

Berliner Morgenpost:

Frau Jäger, wie war der Oscar-Rausch?

Julia Jäger:

(lacht) Unglaublich, fast wie im Film! Es fühlt sich ein bisschen so an, als würde ich am Morgen danach aus einem sehr schönen Traum erwacht sein. Die Zeit verging wie im Flug: Kurz vorher bekam ich von dem Modeladen Crusz Berlin in Mitte mein Kleid geschenkt ...

Auf das Ihnen am roten Teppich irgendein Tollpatsch trat ...

Na, Tollpatsch würde ich nicht sagen. Es war Danny Boyle, der den Film "Slumdog Millionaire" gedreht hat. So was kann passieren.

Oha, und weiter?

Einen Tag vor der Verleihung ging es per Flugzeug über London nach L.A., dann: Schönheitsschlaf, Frühstück, Hairstyling, Kleid an, ab in die Limousine. Die Oscars sind streng durchorganisiert, sogar auf dem roten Teppich. Erst kommen die großen Stars, danach die weniger bekannten. Man wird hofiert und zuvorkommend behandelt. Ein geiles Gefühl, aber keines ohne Gefahr.

Inwiefern?

Weil es einen ein bisschen schweben lässt und vom realen Leben abkoppelt, weil man den Komfort auf sehr hoher Ebene erfährt. Das kann dazu führen, dass man all das als selbstverständlich hinnimmt. Weil man Teil einer wunderschönen Maschinerie ist, mit Dutzenden Hosts und einem Pulk helfender Menschen. Natürlich ist auch das Beiwerk sehr verführerisch, schöne Menschen, schöne Kleider, ringsum Perfektion und Strahlen. Von der normalen Vorstellungskraft ist das alles sehr weit weg. Ein wenig wie das Leben von einem anderen Stern.

Was bleibt vom Rausch?

Auf jeden Fall ein wunderbares, traumgleiches Gefühl, all das erlebt zu haben. Leute wie Philip Seymour Hoffman, Kevin Kline, Kate Winslet und Meryl Streep aus der Nähe gesehen zu haben, großartige Kollegen, vor deren Werk ich mich in Demut verneige. Außerdem habe ich jetzt eine Kreditkarte, die brauchte ich vorher nicht.

Jochen Freydank, der Regisseur von "Spielzeugland", sah in Ihnen eine "Idealbesetzung" ...

Das höre ich natürlich gern - er hat mich ausgesucht. Ich bin sehr glücklich darüber, dass ich diese Geschichte miterzählen durfte.

Sie müssen sie gewollt haben, denn eine Gage gab es ja nicht!

Ja, das ganze Team hat auf Honorare verzichtet. "Spielzeugland" wurde wirklich zu einer Idee für die Filmcrew, die mit großer Leidenschaft und Herzblut an jedem kleinen Detail arbeitete. Wir wollten es einfach alle.

Kannten Sie Jochen Freydank schon vorher?

Nein, 2005 trafen wir uns im Restaurant "Frida Kahlo" und gehörten fortan zusammen - filmtechnisch gesprochen!

Was ist Ihr nächstes Projekt?

Es wird einen neuen "Polizeiruf" und auch zwei neue "Donna Leon"-Folgen mit mir geben ...

Und im realen Leben?

Ich bin gerade, neben Matthias Brandt (ebenfalls Schauspieler und Sohn Willy Brandts, d.Red.), Patin in dem Verein "Berliner Herz" geworden. Ein ambulantes Kinderhospiz, das ehrenamtlich in Familien und Kliniken schwer- und todkranke Kinder begleitet. Für mich ist das eine große Ehre!

Kinder erden einen sicher, zumal in einem nicht ganz uneitlen Berufsumfeld, oder?

Durch meine Familie, meinen Mann, unsere Eltern komme ich ziemlich gut wieder auf den Boden der Tatsachen. Auch wenn das kitschig klingt, ich liebe es, Mutter zu sein. Und ich glaube, ohne dass das allzu eitel klingt, dass ich eine tolle Mutter bin ...

Vor 20 Jahren fiel die Mauer. Wie haben Sie das erlebt?

Das ist alles beinahe an mir vorbeigegangen. Ich war damals noch als Studentin bei Dreharbeiten in Jena für den Film "Erster Verlust" - Deutschland im Zweiten Weltkrieg. In sehr deutlicher Erinnerung ist mir allerdings die große Montagsdemo im Oktober '89 geblieben, als die Polizei den Schießbefehl hatte.

Viele, die damals demonstrierten, gingen nach 1989 in den Westen Deutschlands oder ins Ausland. Hatten Sie nie mit dem Gedanken gespielt, die DDR zu verlassen?

Nein, ich wollte gern im Land etwas verändern. Ich hatte keine schlechte Jugend. Wegzugehen war für mich keine Option. Ich fühle mich heute noch als DDR-Bürgerin. Die Art von Gemeinschaftssinn und Zusammenhalt hat mich doch sehr geprägt ...

Haben Sie ein übergeordnetes Lebensziel?

Vielleicht, etwas reifer zu werden, in mir ruhender - und: noch mehr genießen zu können.

War das mal anders?

In meiner Jugend war ich unsteter, unruhiger.

Damals wohnten Sie in Frankfurt (Oder), heute in Prenzlauer Berg, nach dem jüngsten Erfolg künftig auch?

Auf jeden Fall, ich wohne sehr gern dort!