Kollwitzplatz, Prenzlauer Berg. Ein Mann kommt im flotten Tempo auf seinem alten Fahrrad um die Ecke gedüst, trägt eine sportliche, schwarze Lederjacke: seltener Anblick von Berlins bekanntestem Frackträger, Kultstar Max Raabe , 40. Wir treffen uns mit ihm zwischen zwei Proben mit seinem Pianisten Christoph Israel , mit dem er vom 7. bis 17. April nach New York fliegt. Zwei Konzerte standen zunächst in der Neuen Galerie, nahe dem Central Park, auf dem Terminplan. Aber die Nachfrage war so groß, dass ein drittes Konzert angehängt wurde.

In dem Kammersaal des Museums hat auch schon Ute Lemper das Star-verwöhnte US-Publikum begeistert. "Vor unserem Auftritt gibt es ein Dinner, wir freuen uns sehr auf das Gastspiel", sagt Max Raabe, der zwar nur einen einzigen maßgeschneiderten Frack, "aber auf jeden Fall mehrere Frackhemden" im Gepäck haben wird. Passendes (Arbeits-)Outfit, wenn er im edlen Zwirn mit unbeweglicher Miene die frechsten Songs aus der Zeit der Weimarer Republik singen wird. Im Herbst folgt dann mit dem kompletten Palast-Orchester eine 14-tägige USA-Tournee.

Das Duo Raabe/Israel ist bestens aufeinander eingespielt. Beide sind befreundet, kennen sich seit 1985, als Max Raabe aus dem heimischen Lünen (Westfalen) kam, um sich an der damaligen Hochschule der Künste (heute Universität der Künste) zum Bariton ausbilden zu lassen und in Berlin endlich "das wahre Leben" kennen zu lernen. Er erinnert sich: "Meine erste Berliner Wohnung war in Neukölln, hatte Außenwände, Ofenheizung und Kohleherd. Im Winter war es so kalt, dass ich an manchen Tagen schon mal im warmen Hochbett liegen blieb, statt in die Uni zu gehen. . "

Mittlerweile bewohnt er ein Loft im Bezirk Mitte, "unter mir ist eine Galerie, die abends schließt. Das ist sehr praktisch, denn ich kann auch zu später Stunde Gäste einladen", sinniert Raabe, der zwar eine feste Freundin hat, aber allein lebt.

Bei Einladungen geht das Paar nicht gemeinsam über den roten Teppich, sondern trifft sich meist an der Bar. Sie möchte sich nicht nur als seine Begleiterin reduziert sehen, ist selbst in beruflich guter Position. Zum Thema Familie sagt er: "Heirat und Kinder, dieser Gedanke ist mir abhanden gekommen." Überhaupt, so merkt Raabe an, sei er mindestens 150 Abende im Jahr unterwegs, da wäre ein normales Familienleben kaum möglich. "Aber wenn man sich wenig sieht, genießt man gemeinsame Stunden um so mehr." Er sei glücklich so, wie er lebt, betont der Frauenliebling.

Flirten ist allerdings nicht tabu, beantwortet Raabe, der als einer der talentiertesten und zugleich skurrilsten Entertainer Deutschlands gilt, diesbezügliche Fragen. Liebesbriefe beantwortet er prinzipiell nicht, ihm nachreisende Frauen ignoriert er. "Mir reicht es, wenn ich auf der Bühne gefalle."

Privat pflegt der Künstler langjährige Freundschaften, kocht für seine Gäste, besucht seinen Bruder, der in Brandenburg lebt, und ist vierfacher Onkel (drei Nichten, ein Neffe). Luxus ist für ihn, "wenn ich nach dem Frühstück einfach mal zwei Stunden lang ein Buch lesen kann". Hätte er lieber in den 20er-Jahren gelebt, deren Zeitgeist er mit seinen Auftritten so lebendig werden lässt? "Mit Blick auf das, was in den 30er-Jahren folgte, lieber nicht."

Barbara Jänichen