Unser Autor Bernd Philipp im Gespräch mit der Sopranistin Annette Dasch

"Die Oper ist der entschiedenste Bruch mit der Wirklichkeit und wirkt doch." Friedrich Hebbel

Eine Frau ist eine Frau ist eine Frau ist eine Frau ist eine Frau. Aber eine Frau wie Annette Dasch ist im Grunde zugleich auch ein Naturereignis. Vor zwei Jahren hatte ich, wie ich zugeben muss, noch nie was von ihr gehört. "Gehört" kann man in diesem Fall auch wörtlich nehmen. Sie ist - und jetzt muss Frau Netrebko mal ganz stark sein - der Opernstar der Saison, weltweit gefeiert und gepriesen. Eine neue Dimension der Klassik. Eine Galaxis namens Annette. Sie ist in Charlottenburg geboren, am Fürstenplatz im Westend.

Ich treffe Annette Dasch am Kollwitzplatz, und zwar "an der Schürze von Käthe", wie sie vorschlug, also am bekannten Denkmal. Der Kollwitzplatz ist ja zum Epizentrum der Lebensart geworden. Da sind die Straßen mit Esprit gepflastert. Die Kinder dort heißen Torben und Pablo. Die Kollwitzplatz-Mütter sind hyperalternativ und angestrengt gelassen. Sonnabends kann man über einen sensationellen Markt schlendern und Champagner zur Currywurst bestellen. Leben ist schön am "Kolle".

"Ich war in meinem ganzen Leben noch nie mit einer Sopranistin verabredet", begrüße ich Annette Dasch. Und sie sagt: "Ach, das tut mir aber leid für Sie." Sie erzählt mir, dass sie mit mir gern zum Wasserturm gehen möchte, weil man dort so schön Trampolin springen kann. Ich habe schon vieles erlebt, aber dass mir ein Opernstar so etwas vorschlägt, hätte ich nie geglaubt. Wir machen das auch. Genauer: Sie macht es. Annette Dasch zieht sich die Schuhe aus und hüpft. Immer und immer wieder ...

Kühles Nieselpieselwetter. Alle sind irgendwie verschnupft. "Haben Sie keine Angst, angegrippelt zu werden?", frage ich. "Nein", sagt sie, "ich möchte mich da ins nichts hineinsteigern. Bedenken habe ich nur in der U-Bahn, die die reinste Virenschleuder ist."

Ausgebucht bis zum Jahr 2012

Annette Dasch ist in Salzburg, Mailand, Tokio aufgetreten. Ist ausgebucht bis 2012. Die Met in New York - na klar, 2009. Sie sagt so ganz nebenbei Sätze, die sich einbrennen. Etwa: "Ich bin gierig. Ich muss raus. Ich muss leben." Oder wenn sie ihr Schlüsselerlebnis in der Berliner Staatsbibliothek schildert: "Ich blätterte in Partituren. Da wurde mir klar, wie nahe die Noten am Leben sind: Das sind runde Kugeln, die aussehen wie aus dem Kartoffeldruck."

Musik ist für sie die Überlebenschance unserer Zeit. Im "Zeit"-Magazin "Leben" schrieb sie atemberaubende Zeilen: "Den schönsten Traum meines Lebens hatte ich auf einer Tournee in Norwegen. Ich sang Bach, die ,Trauerode", ein mystisches Stück. Ich weiß nicht, ob es damit zusammenhing, jedenfalls habe ich geträumt, dass ich in ein Haus ging; es war kein Opernhaus, kein Konzertsaal, einfach ein Haus. Ich ging da rein und wollte singen. Ich öffnete meinen Mund - und plötzlich begann ich, mich auszudehnen. Ich wurde irrsinnig groß und reichte um die ganze Welt. Solange ich sang, war ich überall gleichzeitig. Mir gelang das sprichwörtliche Umarmen der Welt."

Jetzt, so scheint es, umarmt sie die ganze Welt. In Japan erzählt sie, hatte sie das eindrucksvollste Konzerterlebnis überhaupt. Ihr Vater war kurz zuvor gestorben. Das Publikum wusste es. "Ich habe eine Anteilnahme erfahren, die ich nie für möglich hielt."

Der Vater war Jugendrichter. Hat, wie die Tochter findet, "außergewöhnlich gut" Geige und Bratsche gespielt. Die Mutter, von Hause aus Medizinerin, ist eine gute Sängerin. Eine Schwester ist Pianistin, begleitete Annette Dasch vor wenigen Wochen in der "NDR-Talkshow". Ein Bruder studierte Gesang, der andere wird Musiklehrer werden. Eine Familie, von der man sagen kann: Da is' Musike drin. Als West-Berliner Kind erinnert sie sich noch an Fahrten über die Transitwege. Man musste damals bekanntlich lange warten, um die DDR passieren zu dürfen. Die Daschs haben dann eben einfach immer zusammen gesungen ...

Eine Frau wie Annette Dasch ist natürlich nicht allein. Sie hat ihren ständigen Begleiter dabei. Er heißt Twiste und ist ein Border-Collie. Gehorcht Frauchen aufs Wort. Es muss an ihrer Stimme liegen.

Wir machen diesen klassischen "Kolle"-Spaziergang: Wörther Straße, Rykestraße, Knaackstraße, Kolmarer Straße, Husemannstraße und so weiter. Gehen in ein vietnamesisches Restaurant und bestellen ein Süppchen.

"Loriot", sage ich, "hat mal gemeint, dass man in Opern mehr küssen sollte, weil dann weniger gesungen würde. Wie finden Sie das?" Sie lacht. "Sehr komisch. Loriot ist ein Fan der Oper. Und er weiß, dass in der Oper nicht nur gesungen wird ..."

Annette Dasch hat gerade mit ihrer CD "Armida" die Klassikcharts erobert und die Welt mit einem ungeheuren Klangerlebnis bereichert. Das Schicksal der mit Zauberkräften ausgestatteten Prinzessin Armida und ihres Ritters Rinaldo hat in den letzten Jahren mehr als 30 Opernkomponisten zum Schreiben großartiger Lamenti und feurigster Rachearien animiert. Der Dichter Torquato Tasso beschrieb ihre Geschichte 1575 in "Das befreite Jerusalem". Und jetzt sitze ich mit Armida-Annette beim Vietnamesen und schlürfe Suppe.

Am entscheidenden Punkt ihrer Karriere

Sie ist an einem entscheidenden Punkt ihrer Karriere, die im Jahr 2000 mit dem Sieg in drei wichtigen Gesangswettbewerben begann und in Auftritten bei den Salzburger Festspielen 2006 und in diesem Jahr kulminierte. Als dort 2006 Mozarts Oper "Il re pastore" uraufgeführt wurde, schrieb ein Kritiker, dass "niemand überzeugender als Annette Dasch mit ihrem charismatischem Sopran belege, dass es sich um ein Fest für Stimmfetischisten handelt". Die Stimme hatte einen neuen Namen: Annette.

Die Medien machen sie zum Gegengift der Netrebko. "Ich muss darauf achten", sagt sie, "dass ich nicht meinem Medienbild entspreche." Seitdem sie bei den Salzburger Festspielen mit Lobpreisungen überschüttet wurde, man sie "Die Göttliche" nannte, ist sie darauf bedacht, doch alles mal ein bisschen gelassener anzugehen. "Ich freue mich über die Anerkennung", sagt sie bescheiden, "aber wenn ich lese, dass man mich als Operndiva bezeichnet, dann kann ich nur lachen. Das ist so was von blöde." Obwohl: Eine Diva, die U-Bahn fährt, hätte ja auch was.

Friedrich Hebbel hat einmal geschrieben: "Die Oper ist der entschiedenste Bruch mit der Wirklichkeit und wirkt doch."

Und schon sind wir bei Maria Callas. Als sie am 23. Juli 1959 in Monte Carlo an Bord der Jacht "Christina" ging, hatte Aristoteles Onassis vorher Schularbeiten und einen Crashkurs in Operndingen gemacht. Der wusste nicht, wer Rossini oder Bellini ist. Aber sein Coach riet ihm, bei der Begrüßung der Callas den Anfang von Toscas Gebet aus der Puccini-Oper zu deklamieren: "Vissi d'arte, vissis amore" - was mit entsprechender Emphase auch heißen kann: "Du lebtest der Kunst, ich lebte das Leben." Die Callas soll begeistert gewesen sein ...

"Wunderbare Stimme", meint Annette Dasch, "die Callas war schon zu Lebzeiten eine Legende. Sie hat die Welt mit ihrer Stimme verwöhnt."

Na, denke ich, das macht meine Suppenschlürferin ja auch.

Ihre Schulzeit war nicht konfliktfrei. "Mathe, Physik, Chemie - das hat mich alles nicht sonderlich interessiert. Allerdings fand ich auch die anderen Fächer nicht sehr spannend. Ich war noch ein kleines Kind, da sind meine Eltern mit mir nach Zehlendorf gezogen. Auf dem Gymnasium gab es Lehrer, die erkannten, dass wenigstens die Musik mein Ding war. Ich habe nicht rumgehangen und gekifft. Ich war Pfadfinderin."

"Sie waren was?"

"Pfadfinderin. Wirklich, in einer Zeit, als alle im Techno-Rausch waren, war ich Pfadfinderin. Ich habe da diesen lockeren Umgang geliebt, ein Leben ohne Schminke. Geländespiele, Pfingstlager, Lagerfeuer. Echt, wir haben Landknechtslieder zur Klampfe gesungen. Wir sind viel gereist. Waren in Irland, in Schweden, in Spanien, auf Korsika. Raus. Einfach raus. Ich wollte immer raus." Ich glaub' das alles nicht. Ich war auch Pfadfinder. Bin ja auch schon ein paar Tage älter. Aber dass Annette Dasch, Jahrgang 1976 ...

Natürlich kennt sie den "Turm". Das war "unsere" musikalische Bibel aus dem Voggenreiter Verlag mit Folklore aus allen Ländern. Einen klitzekleinen Augenblick überlege ich, ob ich sie vielleicht anregen könnte, mit mir "Oh, Freedom" zu singen oder "Havanna Gila". Aber ich traue mich nicht. Vielleicht hole ich es mal nach. In der Met. Annette & Bernd. Das Pfadfinderduo. Vielleicht ja die größte musikalische Herausforderung seit Marianne & Michael.

Das Elternhaus. "Ich habe es meinen Eltern nicht leicht gemacht, weil ich keine Autoritäten anerkannt habe. Ich wollte immer mein eignes Ding machen und bin noch vor dem Abitur zu Hause ausgezogen."

Schon als Teenager hatte sie eine ungewöhnliche Stimme. Hatte leider zur Folge, dass sie bei jedem Geburtstag einer Tante antreten musste. "War einerseits lästig", sagt sie, "aber wenn ich meinen ,Auftritt" hatte, habe ich mich immer sehr wohl gefühlt."

Statt hochhackiger Schuhe Wanderschuhe

An ein Leben als Opernsängerin hat sie nie gedacht. "Ich habe immer gedacht: Opernsängerinnen, die sind alle - na ja , die reeeeden immmmmmer nurrrr soooo wichtig, gehen nur geschminkt auf die Straße, haben zwei Pudel und tragen immer nur hochhackige Schuhe. Und ich? Ich bin doch viel lieber in Wanderschuhen rumgelaufen."

Als ein Klassenkamerad 18 Jahre alt wurde, hat sie ihm einen Gutschein geschenkt. Ihn eingeladen zu jedem ihrer Konzerte auf der Welt. Damals war das ein Gag. Sie konnte noch nicht ahnen, was sie da anrichten würde ...

Ein Blick in den Terminplan: Tokio, Salzburg, Madrid, Wien. Und Berlin. Vom 15. Dezember an singt sie zwei Wochen lang an der Staatsoper Unter den Linden, "Don Giovanni".

Wir setzen unseren Rundgang fort. Und sie erzählt mir von einer Welt, die nicht meine ist. Es ist die Welt der Oper. Ich bin im Grunde ein Hartz-IV-Onassis. Sie die Callas. Ihre Lieder klingen wie Schönheit und Schmerz zusammen. Das habe ich gelesen. Und auch: Sie hat die Klassik aus dem Barock erobert, was immer man sich darunter vorstellen kann. Wenn man sie "die Stimmhexe" nennt, wird sie nicht beleidigt sein.

"Klassische Musik", sagt sie, "ist nichts Sakrales. Es gibt da ganz merkwürdige Vorstellungen. Ich möchte gern auch junge Menschen an die alten Lieder heranführen, die überhaupt nicht alt sind. Da wird alles beschrieben, was jeder junge Mensch erlebt: Verliebtsein. Trennungsschmerz. Abschied. Trauer. Freude. Im Januar eröffne ich im ,Radialsystem" (eine Performancewerkstatt - die Red.) meinen ,Dasch-Salon". Da soll man lernen zu hören. Da kann man erleben, wie große Musiker und Komponisten zu ihrer Zeit umgegangen sind mit exakt den Problemen von heute. Klassik ist eine Chance. Für alle, die sich nicht ablenken, sondern was entdecken wollen. Es gibt ein Leben ohne Fernbedienung. Musik grundsätzlich ist das Beste, was unsere Kultur anzubieten hat."