Erich Honeckers einstiger Zeremonienmeister ist ein in vieler Hinsicht ungewöhnlicher Mann: Franz Jahsnowski war 17 Jahre lang letzter Protokollchef der DDR. Er stammt aus Frankreich, wo er 1930 als Sohn einer polnischen Mutter und eines deutschen Vaters geboren wurde, und er beherrscht noch immer fünf Sprachen akzentfrei, in einigen weiteren kann er sich verständigen. Als er in den 50er-Jahren an der DDR-Botschaft in Hanoi arbeitete, entdeckte Staats- und Parteichef Ho Chi Minh die Zuverlässigkeit des jungen Dolmetschers und machte ihn zu seinem persönlichen Sekretär.
Heute lebt er mit Ehefrau Waltraut in einer ganz normalen Mietwohnung in Alt-Glienicke. Doch Familienleben allein und wehmütige Erinnerungen an seine Rolle an der Seite der DDR-Mächtigen, die ihn in alle Welt führte, füllen Franz Jahsnowski nicht aus. «Ich bin keiner, der gern Däumchen dreht und der Vergangenheit nachtrauert», sagt der Ex-Protokollchef. Als er im Oktober 1990 mit der Vereinigung aus dem Dienst schied, war der Stress so sehr Teil seines Lebens geworden, dass er am liebsten mit vollem Einsatz weitergemacht hätte.
Anfangs glaubte der weitgereiste, kontaktfreudige und sprachgewandte Mann auch, in der Bundesrepublik könne man sein Wissen und seine Erfahrungen nicht entbehren. Bei der Suche nach einer adäquaten Beschäftigung stieß er jedoch bald auf Ressentiments. «Ohne Herausforderung und den ständigen Kontakt mit Menschen kann ich aber nicht leben», sagt Jahsnowski.
Da fügte es sich gut, dass der Bach-Chor aus Los Angeles 1993 während einer Deutschland-Tournee einen Dolmetscher und Betreuer suchte. Jahsnowski meisterte die Aufgabe so glänzend, dass die Amerikaner darauf bestanden, dass er sie auch nach Tschechien und in die Slowakei begleitete. Zum Dank luden die Chormitglieder ihn und seine Frau schließlich nach Amerika ein. «Wir wurden dort wie gute Freunde aufgenommen und stehen mit einigen noch heute in Verbindung», erzählt die einstige rechte Hand Honeckers.
Inzwischen hat er sich zum versierten Betreuer von Gruppenreisen entwickelt und ist außerdem auf Honorarbasis für Wirtschaftsunternehmen als Dolmetscher und Übersetzer tätig. «Ich habe erst kürzlich zweimal in Paris gedolmetscht», sagt er. Dabei kommen ihm Tugenden zugute, denen er schon in der DDR verdankte, dass er als Chef des Protokolls, Dolmetscher und Organisator von Staatsbesuchen ungewöhnlich lange bestehen konnte: seine absolute Vertrauenswürdigkeit und Diskretion.

