Ludwig Trepte: Im Mai 1988 in Berlin-Lichtenberg geboren, wuchs Ludwig Trepte als Sohn einer Ergotherapeutin und eines Musikers in Prenzlauer Berg auf. Schon während der Schulzeit stand er vor der Kamera, etwa für "Tatort" und "Polizeiruf 110". Nach dem Realschulabschluss konzentrierte er sich ganz auf die Schauspielerei und spielte unter anderem in den Kinofilmen "Keller - Teenage Wasteland" und "Schwesterherz" sowie für das Fernsehen in "Tatort: Schatten der Angst", "Guten Morgen, Herr Grothe" und "Schimanski: Tod in der Siedlung" mit. Er wurde mit der Goldenen Kamera 2008 (Bester Nachwuchsschauspieler), mit dem Grimme-Preis (Beste Darstellung in "Guten Morgen, Herr Grothe") und auf dem 27. Max-Ophüls-Filmfestival 2006 als bester Nachwuchsschauspieler ausgezeichnet. Privat ist er mit seiner Schauspielkollegin Karoline Teska liiert, das Paar lernte sich bei Dreharbeiten kennen und lebt zusammen in Prenzlauer Berg
Unsere Autorin Anne Klesse im Gespräch mit Ludwig Trepte
Er überlegt lange, bevor er eine Antwort gibt. Er ringt mit sich. Nicht, dass er nicht weiß, was er sagen soll, nein, er sucht nach den Worten, die am treffendsten beschreiben, was er denkt. Und Ludwig Trepte denkt viel, er macht sich Gedanken über Waisenkinder in Peru, über die Figuren, die er als Schauspieler verkörpern soll, sowieso, über Talent, Besitz, Verlust. Während andere 19-Jährige vielleicht versuchen, bei möglichst vielen Mädchen zu landen, sagt Ludwig Trepte Dinge wie "Liebe ist unausweichlich". Er meint das ernst.
Treffpunkt ist die Hufelandstraße in Prenzlauer Berg. Der Bötzowkiez, bei starkem Wind und Sonnenschein. Ludwig Trepte ist hier aufgewachsen. Vielleicht kennt nicht jeder seinen Namen, aber dieses Gesicht, ausdrucksstark, mit ernsten braunen Augen, interessiert, erwachsen, trotzdem neugierig, verschmitzt, das kennt man. Von der Kinoleinwand, aus dem Fernsehen, dem Tatort "Schatten der Angst" zum Beispiel, der im türkischstämmigen Milieu in Ludwigshafen spielt und dessen Ausstrahlung wegen der Brandkatastrophe in einem Ludwigshafener Wohnhaus, bei dem neun Türken ums Leben kamen, um acht Wochen auf Anfang April verschoben wurde.
Ludwig Trepte, 1,69 Meter groß, wilde braune Locken bis über die Ohren, Lederjacke, Kapuzenpulli, Jeans. Eine Zigarette rauchend, steht er da, an eine Hauswand gelehnt, zehn Minuten vor der verabredeten Zeit. Er ist in natura kleiner, als man erwartet, das Fernsehen macht Menschen eben doch größer und breiter. Für einen 19-Jährigen wirkt er sehr erwachsen, nachdenklich. Er geht mit schnellen Schritten, schaut dabei auf den Boden oder in den Himmel, selten einfach nur nach vorn.
Festhalten am Alten
Seine Eltern, die Mutter eine Ergotherapeutin, der Vater, Stefan Trepte, in der DDR ein bekannter Rockmusiker, hatten eine hübsche Altbauwohnung nicht weit von unserem Treffpunkt, in der Pasteurstraße, einer Parallelstraße der Hufelandstraße. Bis sich die Eltern trennten, das war, als Ludwig Trepte fünf Jahre alt war, lebten sie hier zu dritt zusammen, danach weiter zu zweit.
Er kennt jede Ecke zwischen Volkspark Friedrichshain und Greifswalder Straße. Bilder kommen in ihm hoch, als wir in die Esmarchstraße einbiegen, Kindheitserinnerungen. Hier ist seine Grundschule, hier wohnten seine Freunde, hier war sein Kiez. Das Straßenbild habe sich stark verändert, sagt Ludwig Trepte und betrachtet die Häuserzeilen. Den Mauerfall kennt er nur aus dem Fernsehen, aber die alten Häuser, die schmutzig-grauen und die braunen, bröckelnden Fassaden im Oststadtteil Prenzlauer Berg hat er noch gesehen. Jetzt: überall Baustellen, Gerüste. Die meisten Häuser strahlen in frischen Pastellfarben, unsanierter Baubestand ist kaum noch zu sehen. Ludwig Trepte bedauert das. "Das Rustikale, das Mystische verschwindet", sagt er. Scheinbare Gegensätze, aber nur auf den ersten Blick. Straßenzüge, die etwas erzählen. Ludwig Trepte sucht einen typischen alten Hauseingang, mit verzierten Holztüren und Stuck. Er findet keinen. Ein Haus, ein altes, mit unsanierter Fassade, fällt ihm ein, das Foto will er unbedingt vor ebendiesem Haus machen.
An der Ecke Esmarch-/Liselotte-Herrmann-Straße bleiben wir stehen. Das "Esmarch-Eck" hat noch geschlossen, es ist früher Vormittag. Draußen wirbt eine Tafel mit der "Lady's Night, jeden Donnerstag!" - "Hat was von einer Stampe", sagt er und zündet sich eine weitere Zigarette an. Stampe, damit meint er so etwas wie Spelunke, eine urige Eckkneipe mit vielen Stammgästen und kaum Laufkundschaft. "So eine Bar, in der ein Detlef und ein Harald am Tresen sitzen, Abend für Abend." Der "Rote Kakadu" sei hier wohl gedreht worden, ein DDR-Liebesdrama mit Jessica Schwarz, Max Riemelt und Ronald Zehrfeld in den Hauptrollen. Ludwig Trepte war damals, 2004, nicht dabei. "Leider", sagt er.
Er hätte dabei sein können, er wusste schon früh, dass er es ernst meint mit der Schauspielerei. Mit zwölf spielte Ludwig Trepte im "Tatort", eine Hauptrolle in "Bienzle und der heimliche Zeuge". Um ungehindert drehen zu dürfen, verließ er das Gymnasium, mit 16 machte er den Realschulabschluss und ließ dann die Schule bleiben. Seither hat er jedes Jahr mehrere Filme gedreht, inzwischen sind es 20. Am kommenden Mittwoch startet sein neuer Film "1. Mai - Helden bei der Arbeit" in den Kinos, der auf der Berlinale die Reihe "Perspektive Deutsches Kino" eröffnete und in drei Episoden von den Mai-Demos in Berlin-Kreuzberg erzählt. Ludwig Trepte nimmt regelmäßig privaten Schauspielunterricht. "Ich halte nichts von Naturtalent", sagt er.
Beobachten, lesen, fühlen
Den Beruf ernst nehmen, das bedeutet für ihn: mit seiner Lehrerin Sigrid Andersson Drehbücher durchgehen, Szenen proben. Unermüdlich ist er da. "Zuerst liest man das Drehbuch, liest das Drehbuch, liest das Drehbuch - immer und immer wieder." Um ein Gefühl für die Figur zu bekommen, die er spielen soll, zu verstehen, wie sie tickt. "Das Drehbuch ist das Skelett, man selbst gestaltet das Fleisch, den Charakter", sagt er. Inspiration findet Ludwig Trepte auf Spaziergängen, in der Natur, aber auch unter Menschen, auf der Straße. "Schauspielerei hat viel mit beobachten zu tun, es ist wichtig, mit offenen Augen durch das Leben zu gehen, neugierig zu sein."
Um sich in eine Figur hineinzuversetzen, brauche er "manchmal nur eine Unterhose". Ein Kleidungsstück, eine Verkleidung, um die Rolle zu spüren. "Dann wieder wühlt man tage- und nächtelang, bis irgendwann endlich das richtige Gefühl da ist." Er liest und fühlt und erneuert sich ständig. Stehen bleiben, das wäre für ihn wohl der Anfang vom Ende. Wir gehen die Liselotte-Herrmann-Straße entlang in Richtung Volkspark Friedrichshain.
Er halte es mit Sokrates, sagt er: "Wer glaubt, etwas zu sein, hat aufgehört, etwas zu werden." Dabei ist dieser 19-Jährige schon so vieles: ausgezeichnet mit der Goldenen Kamera als bester Nachwuchsschauspieler, Adolf-Grimme-Preisträger (für "Guten Morgen, Herr Grothe"), Max-Ophüls-Preisträger (für die Rolle in "Keller - Teenage Wasteland"). Trotzdem: Bloß nicht ausruhen. "Ausruhen heißt stehen bleiben", sagt er.
Ludwig Trepte will lernen, und zwar von den Besten. Mit Henry Hübchen drehte er ("ein unglaublich präziser Perfektionist"), mit Ulrich Mühe ("der pausenlos gearbeitet hat"), mit Götz George ("sehr introvertiert, sehr zurückgezogen, immer perfekt vorbereitet"). Und von allen nahm er etwas mit, lernte von ihnen.
In einem der vielen Interviews kurz nach der Verleihung der Goldenen Kamera sagte er, die Anfragen von Journalisten seien jetzt mehr geworden, doch an Rollenangeboten käme "genauso viel Mist wie vorher". Ja, dieser Mist, sagt er nun und überlegt wieder lange, die inzwischen vierte Zigarette im Mundwinkel. Mit "Mist" habe er Dinge gemeint, die ihn nicht weiterbringen - "momentan". "Ich bin natürlich gerade in einer Situation, in der ich zeigen muss, warum ich diese Auszeichnungen bekommen habe", sagt er und raucht. "Natürlich. Auch mir selbst."
Das Problem seiner Branche sei, sagt er, dass es "unglaublich viele Schauspieler und wenig gute Rollen" gebe. Auf ein interessantes Angebot müsse man manchmal lange warten. Nicht jeder Schauspieler kann sich das leisten, die Mehrheit muss vermutlich auch die weniger spannenden Rollen annehmen, um die Miete bezahlen zu können. "Das muss schon ein großer Traum sein", sagt Ludwig Trepte. Sein Traum, Schauspieler zu sein, ist groß. Groß genug, um das alles, den Konkurrenzdruck, den Neid, die Kritik, auszuhalten. Und sich dabei weiterzuentwickeln. Nie stehen zu bleiben. Und trotzdem er selbst zu bleiben.
Intensiv leben und lieben
Entlang der Westseite des Parks spazieren wir in Richtung St.-Bartholomäus-Kirche die Straße Am Friedrichshain herunter. Vom Spielplatz wehen fröhliche Kinderstimmen herüber. Ludwig Trepte hat dort, auf den Flächen zwischen den Trümmerbergen, einen großen Teil seiner Kindheit verbracht. Er fingert die fünfte Zigarette aus der fast leeren Schachtel. Hier, zwischen Häuserfronten auf der einen, Bäumen und Hügeln auf der anderen Seite, weht der Wind besonders stark. Die Glut frisst sich durch das weiße Zigarettenpapier. Ludwig Trepte raucht in kurzen Zügen. "Ich bin auf der Suche nach dem, was ich wirklich will", sagt er plötzlich.
"Ich meine, was mich treibt, wer ich bin." Er zündet gleich die nächste Zigarette an. Gerade habe er ein Buch über die Kraft der Gedanken gelesen. "Das hat ein Stück weit mein Leben verändert", sagt er, nickt zum Nachdruck und kneift die Augen zusammen, als ob es ihm ein bisschen peinlich ist, das zu sagen, weil es irgendwie kitschig klingt. "Ich gerate immer wieder ins Strudeln." Das könne aber auch etwas Gutes sein, es führe immerhin dazu, dass man sich dann immer wieder neu entdeckt, sich neu erfindet. Denkt er. "Das ist wichtig in diesem Beruf", sagt er. Schauspieler dürfen nicht ausruhen. Halt in dieser ganzen Veränderung gebe ihm die Liebe. Auch so ein Thema.
Intensiv lebt er auch sie. Während der Dreharbeiten zum Film "Ein Teil von mir", in dem Ludwig Trepte mit Karoline Teska ein jugendliches Paar spielt, das plötzlich ein Kind erwartet, verliebten sich die beiden Hauptdarsteller ineinander. Er sagt: "Karoline ist die Liebe meines Lebens." Eine talentierte Schauspielerin, die privat niemandem etwas vorspiele, sondern ganz sie selbst sei. Er überlegt kurz, dann sagt er: "Sie ist wahrhaftig." Die beiden wohnen in einer Altbauwohnung nicht weit entfernt vom Volkspark Friedrichshain, im Kollwitzkiez. "Sie ist gut für mich", sagt Ludwig Trepte über Karoline. Wobei rauszuhören ist, dass "gut" für ihn eigentlich alles bedeutet. Er schwärmt: "Liebe ist plötzlich da." Seine dunklen Augen strahlen. "Sie trifft einen, wenn man sie nicht erwartet, und dann ist es wie eine Explosion." Und der Mensch selbst, mitten drin, könne nichts mehr dagegen tun. Dann ist plötzlich alles gut. Liebe eben, unausweichlich.

