Musik

„Ich bin da, wo ich hingehöre“

Ein Jahr lang war der Geiger Christian Tetzlaff bei den Philharmonikern. Ein Rückblick

„Ein Koch muss ja auch Freude daran haben, ein Rinderfilet beim 300. Mal so zu machen, dass der Gast es noch gerne isst“, sagt Christian Tetzlaff. Er ist ein gefragter Virtuose und muss den Geschmack des Publikums treffen. Beethovens Violinkonzert hat er bereits an die 300 Mal gespielt. In seinen Konzerten bei den Berliner Philharmonikern (siehe Kritik) steht Brahms auf dem Programm. Das Stück hat er rund 160 Mal gespielt.

„Brahms ist mein Leib- und Magenstück. Beethoven hält einen zwar high, der Geiger ist aber eher eine Kunstfigur“, sagt Tetzlaff: „Bei Brahms wird die Musik ein Teil der Körpersprache. Brahms verwendet eine menschlichere, schmerzlichere, mir nähere Sprache.“ Trotz der vielen Wiederholungen immer derselben Stücke fühlt sich Tetzlaff bei den Konzerten nicht unter Druck gesetzt. Er suche nicht ständig nach etwas Neuem in den Werken. „Es ist doch eine gefährliche Sache, immer nach einem neuen Reiz, nach etwas Auffälligem zu suchen. Es geht darum, das Stück den Leuten an dem Abend zu vermitteln.“

Der Geiger hat einen trockenen Humor. Auf den Hinweis, dass über sein Privatleben nur wenig bekannt sei, reagiert er knapp, er werde ja auch nie gefragt. Geboren wurde Christian Tetzlaff 1966 in Hamburg, studiert hat er an der Musikhochschule in Lübeck und am College-Conservatory of Music Cincinnati. Gelegentlich arbeitet er mit seiner Schwester, der Cellistin Tanja Tetzlaff, zusammen. So viel weiß man.

Seit einem Jahr trägt Tetzlaff einen Bart. Auf die Bemerkung, dass normalerweise Frauen ihren Haarschnitt ändern, wenn es große Veränderungen in ihrem Privatleben gibt, antwortet er kurz, dass sei bei ihm ähnlich. Er lebt in London, hat mehrere Kinder, die ganz klein oder bereits erwachsen sind. Und damit findet die Privatheit im Gespräch bereits ein Ende. „Ich kriege immer ganz viele Geburtstagsgrüße am 24. April, weil das so in Wikipedia steht“, fügt er noch hinzu. Tatsächlich hat er am 29. April Geburtstag. Warum er den Eintrag nicht ändert? Er zuckt nur mit den Schultern. Es interessiert ihn nicht.

Krönender Höhepunkt

Er hat bereits mit allen großen europäischen Orchestern konzertiert, ob in Wien, Zürich oder Amsterdam. Aber bemerkenswert viel Raum in seiner Künstlerbiografie nimmt der Hinweis ein, dass er in der Saison 2014/15 Artist in Residence bei den Berliner Philharmonikern ist. Das Brahms-Konzert mit Simon Rattle am Pult ist jetzt der krönende Höhepunkt dieser Zusammenarbeit. Das Orchester wirbt selbst damit, aus 128 Solisten zu bestehen. Es kann also nicht leicht sein, als Gastsolist vor dem Orchester zu stehen und so viele Konkurrenten hinter sich sitzen zu wissen? In den großen Orchestern säßen heute überall fantastische Geiger, sagt er: „Das macht einen nur unruhig, wenn man 22 Jahre alt ist und zum ersten Mal bei einem Orchester gastiert. Dann laufen vorm Umkleidezimmer Geiger auf und ab und spielen das Stück, um zu zeigen, dass sie es genauso drauf haben“. Aber er habe es ein ganzes Leben lang gemacht und müsse sich nicht mehr beweisen. „Ich bin da, wo ich hingehöre. Ich liebe meinen Beruf.“

Der Geiger ist gerade auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Er weiß das. „Meine Interpretationen sind heute besser als vor 20 Jahren. Ich glaube, dass es noch ein paar Jahre fröhlich weiter geht.“ Für Geiger seien die Hürden ja höher als für Pianisten oder Dirigenten. Rein physisch gesehen, wegen der unnatürlichen Spielhaltung. Viele seiner Kollegen durchliefen schmerzhafte Zeiten, sei es der Rücken oder die Sehnenscheiden. Er selbst hatte lange mit den Fingern Probleme.

Was alle Virtuosen, aber auch Sänger betrifft, sind die Aussetzer. Jeder kennt das, wenn man den Text oder die Noten vergisst. Mit zunehmendem Alter wird das für Solisten problematischer. „Für Blackouts gibt es eine feine Lösung: Man kann sich Noten hinlegen. Bei Stücken, die ich neu lerne, mache ich das sowieso. Ich kann doch meinen Kindern nicht sagen, diese Woche habe ich keine Zeit für euch, weil ich gerade ein Stück auswendig lernen muss. Dafür ist das Leben zu schön.“ Sein gesamtes Repertoire von früher spielt er auswendig, Neues nach Noten.

Als Artist in Residence in Berlin hat er Kammermusik gemacht. In früheren Zeiten durften die richtigen Virtuosen nur die großen Werke spielen, die anderen waren für die Kammermusik zuständig. Das gehörte zum Elitebewusstsein. Aber mit solchen Einordnungen lassen sich heutige Solisten nicht mehr provozieren. „Der Dichotomie zwischen Virtuosenstücken und Kammermusik ist von den Geigern selbst geprägt worden“, sagt Tetzlaff. Es gäbe Geiger, die akkurat spielen, aber sich nicht am Orchester orientieren. „Für die Kammermusik ist das tödlich. Sie ist teilweise extrem schwer zu spielen, gleichzeitig muss man sehr sensibel sein und sich auf die anderen einlassen. Für einen Geiger ist es natürlich einfacher, sein Tempo vorzugeben und den anderen zu vermitteln, so, jetzt müsst ihr mir hinterher springen.“ Kammermusiker seien eindeutig vielseitiger.

Für ihn gehört es auch dazu, als Solist nicht nur zu den Orchestern zu kommen und abzuliefern, sondern sich auf sie einzulassen. Tetzlaff ist gerne bei den Proben dabei und stimmt sich mit den Dirigenten und Musikern ab. Einmal hat er in Chicago seinen Brahms vorgespielt. „Irgendwann fragte der Dirigent, ob er auch mal etwas sagen dürfe. Alle lachten. Und alles war ok. Vor 30 Jahren, bei den Dinosaurier-Dirigenten, ging es noch anders zu, weil sie ihre Autorität angekratzt sahen. Aber die Zeiten ist vorbei.“

Wie schwer es ist, einen passenden Chefdirigenten zu finden, auch das hat er in seiner Zeit bei den Philharmonikern mitbekommen. Sir Simon geht 2018, die Nachfolgerwahl am 11. Mai war gescheitert, weil die Musiker sich auf keinen Kandidaten einigen konnten. „Das ist doch Demokratie“, sagt Tetzlaff: „Es war offenbar nicht der Zeitpunkt, an dem es einen größeren Konsens gegeben hat. Aber den braucht es. Kein Orchester darf wegen eines Chefdirigenten im Inneren zerfallen. Denn der passive Widerstand wäre verheerend. Ich fand die Entscheidung prima, es gibt doch keine Zeitnot.“