Literatur

An zu viel Schönheit kann es nicht liegen

Eine kritische Liebeserklärung des Wahlberliners Peter Schneider an seine Stadt

„Arm, aber sexy“, sagte der frühere Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) über Berlin. Andere sprechen vom „Aschenputtel unter Europas Hauptstädten“. Aber viele wollen trotzdem hin, vor allem junge Menschen. „An der Schönheit kann’s nicht liegen“ nennt denn auch der Schriftsteller und Wahlberliner Peter Schneider („Lenz“) sein neues Buch (Kiepenheuer & Witsch, 335 Seiten, 19,99 Euro), eine kritische Liebeserklärung an die wiedervereinte deutsche Hauptstadt. Den Absurditäten der früher noch geteilten „Frontstadt“ zwischen Ost und West hatte Schneider schon 1982 mit seinem „Mauerspringer“ ein Buch gewidmet.

Sein neues Buch ist sicher nicht das wichtigste Werk des Schriftstellers, der am 21. April 75 Jahre alt wird. Aber es ist doch ein ebenso unterhaltsamer wie kritischer Streifzug durch die jüngste Geschichte einer Stadt, die in den letzten 100 Jahren so extreme Wandlungen erlebt habe wie kaum eine andere Metropole, wie Schneider betont. Sie sei sicherlich „mit Abstand die hässlichste Hauptstadt, die er je gesehen habe“, sagte ein italienischer Berlinbesucher dem Autor. Schneider selbst erinnerte sich, Berlin in seinen ersten Jahren auch als „böse Stadt“ erlebt zu haben. Dem setzt er aber auch ein Wort des inzwischen verstorbenen Verlegers Wolf Jobst Siedler entgegen, wonach man sich immer „zwischen der Schönheit eines Ortes und seiner Lebendigkeit entscheiden“ müsse.

Schneider zitiert auch das grimmige Expertenfazit, dass Berlin zwei Mal zerstört worden sei – durch die alliierten Bomben und zum zweiten Mal durch die Abrisswut der Stadtplaner und „Untaten der Architektenzunft“ der Moderne. Nichtsdestotrotz werde Berlin „in 10 oder 15 Jahren so teuer sein wie London oder New York“. Das im Bau befindliche Stadtschloss als Humboldt-Forum verteidigt Schneider zwar als das künftige „schlagende Herz der neuen Metropole“, kritisiert aber auch die „etwas blutleeren“ inhaltlichen Pläne dazu, denen „das Dringliche, Leidenschaftliche und Verrückte“ fehle, das doch Humboldts Forschungen angetrieben habe.

Bemerkenswert sind auch Schneiders Erinnerungen zu den Auswirkungen des plötzlichen Vereinigungsprozesses der über Jahrzehnte geteilten Stadthälften Ost und West. Bis zum Mauerfall habe die „gefühlte Mitte“ der Stadt für ihn und viele seiner Freunde (aus West-Berlin) am Kudamm, der Gedächtniskirche, am Tauentzien und KaDeWe gelegen. „So war es denn ein Schock für uns, als wir nach dem Mauerfall entdeckten, dass die neuen Wegweiser namens ‚Mitte‘ unmissverständlich nach Osten zeigten.“ Natürlich fehlen in Schneiders Berlinbetrachtungen auch nicht die „Problembezirke“ wie Neukölln oder die Gentrifizierungs- und „Schwaben“-Debatten.

Und zum boomenden Szenestadtteil Prenzlauer Berg hat der kritische Beobachter eine klare Meinung, für ihn ist das traditionsreiche Berliner Stadtviertel gerettet worden: „Allein am Zustand der Häuser hätte ein unbefangener Beobachter ablesen können, dass die DDR seit Langem vor ihrem Zusammenbruch stand.“ Aber Peter Schneider warnt auch vor zu viel „Schönheits- und Sauberkeitsfimmel“ in Prenzlauer Berg, wie ihn manche der zugezogenen wohlhabenden Neuberliner durchsetzen wollen, denn dann verliere die Stadt ihren einzigartigen Ruf, denn „An der Schönheit kann’s nicht liegen“.