Klassik-Kritik

Francesco Piemontesi lässt Mozart am Klavier sanft fließen

Marek Janowski dirigiert das Rundfunk-Sinfonieorchester

Was für ein Timing: Gerade als der Pianist mit seiner Zugabe beginnen möchte, tippt ihm das Blumenmädchen auf die Schulter. Francesco Piemontesi dreht sich verdutzt um und lächelt. Den farbenfrohen Strauß bettet er sanft auf den Rahmen des Steinways. Noch sanfter sinkt der Pianist Sekunden später in seine Zugabe. Ist das wirklich Mozarts D-Dur-Klaviersonate D 284? Betont verträumt fließt dem Pianisten die elfte Variation des Schlusssatzes aus den Fingern. Ein Mozart, wie man ihn von Piemontesi an diesem Abend kaum erwartet hätte.

Denn der Schweizer zeigt sich in Bartóks spätem dritten Klavierkonzert zuvor ganz anders: mit einem Klavierklang klar wie Quellwasser, mit hochintelligenten Phrasierungen, mit tadelloser rhythmischer Prägnanz. Dirigent Marek Janowski bestimmt das Geschehen. Piemontesi ordnet sich ihm unter, fügt sich feinsinnig in den Gesamtklang. Bereits im ersten Satz greifen Solist und Rundfunk-Sinfonieorchester perfekt ineinander. Sie bieten einen wachen, lebhaft ausbalancierten Bartók. Janowskis seriöser Zugriff tut dem Andante religioso des Mittelsatzes hörbar gut. Es klingt nicht wie so oft nach sentimentaler Filmmusik. Es entfaltet sich in nobler Demut. Erstaunlich, dass Piemontesi, Jahrgang 1983, noch immer als Geheimtipp in der Pianistenszene gehandelt wird. Sein souverän kultivierter, überraschend wandlungsfähiger Auftritt im Konzerthaus an diesem Abend beweist einmal mehr: Er hätte längst schon größere Aufmerksamkeit verdient.

Flankiert wird Piemontesis Bartók von den recht unterschiedlichen Haydn-Sinfonien Nr. 39 und Nr. 99. Ein eher unbekanntes g-Moll-Werk der Sturm- und Drang-Zeit zu Beginn, eine der berühmten Londoner Sinfonien zum Schluss. Janowski fordert starke Streicherpräsenz und unterstützend färbende Bläser. Er dringt auf natürliche Artikulation und gerundete Tutti.

Mehr Biss und Esprit

Und erzeugt einen Haydn, in dem bereits viel Beethoven steckt. Sittsam selbstbewusst präsentiert sich das Rundfunk-Sinfonieorchester in Haydns Sinfonie Nr. 39. Man könnte dieses Werk abenteuerlicher und humorvoller spielen, mit mehr Biss und Esprit. Bei Janowski klingen die spektakulär besetzten vier Hörner auffallend mild und zurückhaltend.

Erst in Haydns Es-Dur-Sinfonie Nr. 99 dürfen sich die Bläser mehr erlauben. Flöten und Oboen blühen solistisch regelrecht auf, Hörner und Trompeten tragen zur feierlichen Atmosphäre maßgeblich bei. Janowski braucht nur wenige Gesten, um sein Orchester zu animieren. Er vertraut den Musikern weitgehend. Die Tempi, die Artikulation, die Balance – alles wirkt schlüssig, verinnerlicht in intensiver Probenarbeit. Nur das Menuett kommt allzu bedächtig und gewichtig daher. Janowski zeigt sich unzufrieden, möchte es so nicht stehen lassen. Er nutzt die allgemeine Publikumsbegeisterung nach der Sinfonie, um das Menuett wiederholen zu lassen. Und diesmal klingt es viel leichter, edler, natürlicher.