Film

Großer Abend für das Kino

Beim Europäischen Filmpreis gewinnt Polen. Ein deutscher Banker-Film wird zur besten Doku gekürt

Am Ende gingen immerhin drei Europäische Filmpreise nach Deutschland. Zwei davon standen schon fest, weil die Nebenpreise im Voraus bekannt gegeben wurden. Sie gingen an Natascha Curtius-Noss (bestes Kostümbild) und Claus-Rudolf Amler (bestes Szenenbild) für „Das finstere Tal“. Der Alpenwestern hatte beim Deutschen Filmpreis noch abgesahnt, beim großen Bruder, dem European Film Award (EFA), der diesmal in der lettischen Hauptstadt Riga verliehen wurde, war er nur in diesen Sektionen aufgestellt.

Aber dann siegte in der Sparte Dokumentarfilm der Stuttgarter Marc Bauder mit „Der Banker – Master of the Universe“. Der Film zur Bankenkrise, für den Bauder einen Insider, den ehemaligen Banker Rainer Voss, gewinnen konnte, der einen einmaligen Einblick in das geschlossene System der Finanzwelt gibt. Nach diesem Film wundert man sich nicht mehr, dass es eine Bankenkrise gab, höchstens, dass sie nicht viel schlimmer geworden ist.

Deutschland ist federführend

Mehr aber war für den Deutschen Film nicht zu holen an diesem Abend, auch wenn die deutschen Filmschaffenden bei den über 3000 Mitgliedern der Europäischen Filmakademie, die über die Preise abstimmt, die größte Fraktion stellen. Aber es soll bei der EFA ja auch gar nicht um Länderinteressen gehen. Sondern darum, das hat Wim Wenders, der Akademiepräsident, in Riga betont, dem europäischen Kino eine Plattform zu geben. Dabei ist Deutschland federführend.

Nicht umsonst hat die Akademie ihren Sitz in Berlin, nicht umsonst wird hier der Preis in jedem zweiten Jahr verliehen. In Riga war Deutschland aber noch auf andere Weise vertreten. Durch den Abend führte der Berliner Comedian Thomas Hermanns. Der sich, um die ein wenig nüchterne Verleihung in Rigas Nationaloper aufzulockern, rosa Stulpen überzog, um für Lars von Triers Film „Nymphomaniac“ auf den „Flashdance“-Song „Maniac“ zu tanzen. Das hat dem Sexsuchtfilm zwar nichts genutzt – er war drei Mal nominiert, ging aber leer aus –, die Einlage war aber höchst komisch anzusehen. Sage noch einer, die Deutschen hätten keinen Humor.

Muss man sich auch im übertragenen Sinn Stulpen anziehen und warm tanzen, um sich den Europäischen Filmpreis schön zu machen? Der namenlose Preis hat es nie geschafft, auch nur annähernd so zu begeistern wie der Oscar. Nicht selten glänzt ein empfindlicher Anteil der Preisträger durch Abwesenheit. Und nicht alle Länder, schon gar nicht die großen EU-Gründerstaaten, reißen sich um die Zeremonie. Da war es geradezu rührend, wie engagiert das noch junge EU-Mitglied Lettland die Verleihung im 27. Jahr ausgerichtet hat. Für Riga ging damit auch das Jahr als europäische Kulturhauptstadt zu Ende.

Aber siehe da: Während die EU derzeit in einer tiefen Identitätskrise steckt, scheint das europäische Kino Geschlossenheit zu demonstrieren. Bis auf eine Ausnahme waren einmal alle Preisträger anwesend. Die europäischen Wurzeln wurden wiederholt beschworen, es fielen auch immer wieder Spitzen gegen den lettischen Nachbarn Russland. Und dann entfiel ein wahrer Preisregen auf einen einzigen Film, als ob tatsächlich ein ganzer Kontinent denselben Geschmack hätte.

Drama über Verlust und Identität

Es hätte ja auch anders kommen können. Mit vier Nominierungen war der russische Film „Leviathan“ vertreten, mit dreien der türkische Cannes-Gewinner „Winterschlaf“. Die Filmakademie hat die europäische Idee immer schon ein wenig großzügiger ausgelegt. Die beiden Filme zeigen kritisch Missstände und die soziale Zerrissenheit in ihren Ländern auf, aber hätte man sich einen der beiden als Sieger des Abends gewünscht, was sich ein Putin oder ein Erdogan noch als persönlichen Erfolg über Europa hätte auslegen können? Vielleicht ist „Ida“ aber auch einfach der bessere Film. Zumal das sehr verdichtete Kammerspiel in betörenden Schwarz-Weiß-Bildern von historischen Ausmaßen erzählt, die ganz Europa kennt. Der polnische Regisseur Pawel Pawlikowski, der lange in England gelebt hat, ist mit diesem Film in seine Heimat zurückgekehrt. In „Ida“ erfährt eine katholische Nonne kurz vor ihrem Gelübde, dass ihre Mutter Jüdin war und deshalb ermordet wurde. Ein Drama über Verlust und Identität, über Verbrechen, die vertuscht werden, und über Antisemitismus, der auch in Europa gerade wieder zunimmt. In Deutschland ist der Film nach wenigen Wochen aus den Kinos verschwunden. In anderen europäischen Staaten lief er weit erfolgreicher. Polen hat „Ida“ zum Kandidaten für den Auslands-Oscar erkoren. Und Riga wurde nun zum Triumph. Vor neun Jahren war Pawlikowski für „Sommer of Love“ vier Mal nominiert – ging aber leer aus. „Ida“ nun war mit sieben Nominierungen der große EFA-Favorit. Und siegte in fast allen Hauptkategorien: bei Kamera, Drehbuch, Regie und in der Königskategorie Bester Film.

Bester Schauspieler wurde erwartungsgemäß Timothy Spall für „Mr. Turner“, wofür er schon in Cannes ausgezeichnet wurde; „Ida“ hatte da keinen im Angebot. Bei der Besten Schauspielerin konnte der Film dagegen gleich zwei Darstellerinnen aufbieten, die aber gegen die (abwesende) Marion Cotillard („Zwei Tage, eine Nacht“) unterlagen. Dafür gewann Pawlikowski aber auch noch den Publikumspreis.

Riga wurde so zum großen Abend für den polnischen, für den osteuropäischen Film. Die Polen und die Letten, die beide vor dem Aggressor Russland warnen, konnten hier ihre Europazugehörigkeit mit Nachdruck gemeinsam zelebrieren.