Musik

Traurig. Aber doch schön

Herbert Grönemeyers neues Album „Dauernd Jetzt“ erscheint. Was ist dran an diesem Mann, der schon so oft parodiert wurde?

Herbert Grönemeyer, dieser deutsche Musikriese, der zwar vor 58 Jahren in Göttingen geboren wurde, aber für immer mit Bochum verbunden bleibt. Seit seinem vierten Album „4630 Bochum“ ging jedes seiner deutschsprachigen Alben (er nahm auch vier in Englisch auf) auf Platz 1 der deutschen Charts. Für Deutschland ist er so wichtig wie Bruce Springsteen für Amerika. Er durchdringt das Land, durchzieht es. Als Idee, nicht als Rollenmodell. Als Gefühl, nicht als Sexsymbol. Kleines Bäuchlein hat er ja schon, aber wer hat das mit 58 nicht? Das Haar ist dünn, aber wessen Männerhaar wird das nicht? Und die Augen (grün, blau, blaugrün) verstecken sich im Schatten der Brauen.

Grönemeyer bietet eine Vorlage zur Parodie. Das gedrungene Äußere. Seine Art zu sprechen, zu singen. Es ist, wie bei den meisten erfolgreichen Künstlern aus Deutschland, dieses Urdeutsche, das man parodierenswert findet. Das Rausgepresste. Die Wörter werden durch eine Engstelle gedrückt, um dann, wenn sie den Hals passiert haben, kanonenknallartig in den Raum zu schießen. Das alles ist da, und trotzdem muss man es vergessen, wenn man das Werk Grönemeyers betrachtet. Es geht bei Grönemeyer nicht um Grönemeyer. Es geht um die Musik. Vor allem um den Text. Grönemeyer ist ein Empfänger: Die Worte kommen einfach. Woher, weiß er selbst nicht so genau. Sie kommen einfach.

Unordentlich, nicht chaotisch

„Im Gewühl“. Um Herbert Grönemeyers Lyrik zu verstehen, muss man vielleicht zurück zum Theater. Ans Schauspielhaus Bochum. Mit 17 war er dort schon musikalischer Leiter. Unter Peter Zadek. Mit Pina Bausch, 1976 war das. Wenige Jahre später spielte er in Wolfgang Petersens „Boot“. Es sah eigentlich so aus, als würde Herbert Grönemeyer Schauspieler werden. Und dann wurde er doch Musiker.

Das Schauspiel, so scheint es durch die Zeilen seiner Stücke, hat einen erheblichen Einfluss auf seine Lyrik gehabt. So beginnt Grönemeyer sein Album mit dem Stück „Morgen“: „Liegen meine Sterne im Gewühl/Fangen die Tage an, mit mir zu streiten/Sind die Grenzen längst gesetzt/Werde ich zu viel“. Alt liest sich das. Klassisch. Wie die Zeilen eines Dichters. Ein Gewühl ist eine Unordnung. Aber eine schöne Art der Unordnung. Es ist eben nicht das Chaos. Es ist ein händisches Reiben darin. Das Gewühl entsteht durch das Wühlen von warmen, menschlichen Händen.

Diese warme Unordnung zeigt auch das Video zu „Morgen“ mit Lars Eidinger. Man sieht Eidinger, mit einem Pick-up-Truck an einer Brandenburger Tankstelle startend, müde, mit großen und trockenen Augen und kaputtem Rücklicht durch das Berliner Umland fahren. Traurig. Aber doch schön. Lonesome Cowboy, der noch Karten auf Papier liest, während er gedankenverloren in den Rückspiegel schaut. Immer weiterfahren. Durch die Nacht. Um am Ende auf einem Matschfeld zu stehen. In den Himmel schauen. Blaues, waberndes Licht. Es zaubert dem müden Eidinger ein Lachen ins Gesicht. Es verführt ihn dazu. Schlaflosigkeit, Träumen und Wahnsinn kommen zusammen, in einer Filmästhetik, die man von David Lynch kennt.

„Der Löw war los“

Weiter im Text: „Ein vielschichtiges Revier“. Auch wenn Grönemeyer wechselnd in London und Berlin lebt, auch, wenn der Popstar ganz Deutschland aus der Seele und direkt ins Herz spricht, seine Heimat wird immer das Ruhrgebiet bleiben. Wenn er als Kartograf der deutschen Seele unser Land vermisst, eines seiner stärksten Stücke heißt tatsächlich „Unser Land“, dann zieht er das Revier heran, um mit dem Teil das Ganze zu erklären. „Dies ist unser Land,/deins und meins/ Es ist ein vielschichtiges Revier / Wir mögen es wie andere ihrs.“ Der Unterschied zum Heimatkitsch: Es ist keine Folklore, kein lobhudelndes Besingen von Nationalität oder Boden. Grönemeyer schaut auf das Land wie ein Bodenkundler: Ganz unten, von Tausenden von Jahren gepresst, die Kohle. Oben das frische Grün. Und dazwischen, da sind wir. In Hunderten Schichten.

„Der Löw war los“: Über Fußball zu singen ist eine der Peinlichkeiten, die man lassen sollte. Und dann auch noch rilkehaft das Tier heranzuziehen, um die Welt zu erklären – nicht so cool. Und doch kommt Grönemeyer heil aus der Sache heraus. „Der Löw“, so heißt das Stück, ist natürlich in erster Linie der Trainer, nicht das Tier. Der Fußball vielleicht gar nicht der Fußball. So wie es bei Handkes „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ in Wahrheit nicht um die Angst beim Elfmeter geht. „Im Tunnel, im Hier und Jetzt / Letzter Moment kommt über links / Schwebt ein, senkt sich zwischen die Flügel / Direkt aus der Luft, von der gebogenen Brust / Seitfallschuss, Hand Gottes Gefüge.“ Grönemeyer wird zum Sportreporter. Und man merkt, alles kann groß sein, vielleicht sogar ein Lyrikband von Werner Hansch. Nach der Sportreportage dann das Fazit: „Der Löw war los/ Sie warn grandios“.