Theater-Kritik

Mit einem Schluck Tigermilch auf Schmuck-Raubzug

Man braucht schon eine gute Portion Tigermilch, um derart rasant erwachsen zu werden: Nini und Jameelah mischen Milch, Maracujasaft mit Mariacron – derart angeschwipst machen sie Berlin unsicher. Zwei 14-Jährige, die sich an die Kurfürstenstraße stellen, um für ihre Entjungferung zu üben, die auf ihren Klau-Streifzügen Billigschmuck im Milchbecher versenken und nebenbei in die erste Verliebtheit schliddern. Bis sie Zeugen eines „Ehren“-Mords werden – und mittendrin sind im Dramasommer ihres Lebens.

Stefanie de Velasco hat in ihrem Romandebüt „Tigermilch“ viel Action und Prekariatsprobleme gepackt. Die Story folgt den Erfolgspuren von „Tschick“ und „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“, ohne die Leichtigkeit des ersten und die Krassheit des zweiten zu erreichen. Das Buch wurde für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Vielleicht auch, weil Ninis Ich-Perspektive so schön schnoddrig ist, ein unverstellter, junger Blick auf die Welt, auf Berlin jenseits der Touri-Routen. Joanna Praml hat bei der Dramatisierung im Theater an der Parkaue die Ich- zur Wir-Perspektive erweitert: Da stehen fünf junge Leute, zwei Frauen, drei Männer und erzählen von der Schwierigkeit, am Rand der Gesellschaft erwachsen zu werden. Aus zwei beweglichen Kuben (Bühne: Susanne Hiller) lassen sich Zimmer, Disko-Eingang und Freibad-Sprungturm aufklappen. Drumherum inszeniert Praml mit hohem Tempo und Situationskomik die Geschichte, die Schauspieler jonglieren mit Identitäten und Episoden. Nur die Mädchen bleiben in ihren Rollen: Caroline Erdmann findet für ihre draufgängerische Jameelah zuweilen einen Melancholierand, der sich angenehm an der Daueraufgekratztheit der Inszenierung reibt, während Marie Gesiens Nini blass bleibt.

Toll wiederum die Jungs: Niels Heuser, Jonas Lauenstein und Thomas Pasieka skizzieren ihre vielen Rollen zwischen rehäugigem Objekt der Begierde und Macho-Proll zupackend, ohne sie ans Klischee zu verraten. Bezeichnend aber, das die besten Momente die des Kopfkinos sind: Immer wenn es ans Eingemachte geht, an Sex und Mord etwa, erzählt einer der Schauspieler die Buch-Passage, ohne das etwas auf der Bühne geschieht. Daneben aber rast die Inszenierung zielstrebig auf rasante Zuspitzungen zu – was das jugendliche Zielpublikum 14plus vermutlich bei der Stange hält, aber auch mit Seifenopernschrillheit ermüdet. Denn worum geht’s eigentlich? Zu lernen, wie Verantwortung geht? Den Wert einer Freundschaft zu verstehen? Viel passiert in den 90 Minuten, aber am Ende ist man doch ein wenig ratlos.

Theater an der Parkaue, Lichtenberg. Karten: 55 77 52 51. Termine: 1. & 2.12.