Denkmal

Die verlorene Macht

Christof Zwiener ist ein Spurensucher: Ein DDR-Pförtnerhaus geht rechtzeitig zum Mauer-Jubiläum nach Los Angeles

Es fällt irgendwie gar nicht auf, das graue DDR-Pförtnerhäuschen gleich am Eingang zur „Fahrbereitschaft“ in Lichtenberg, vis-à-vis dem gemauerten Wächterhaus. Hier fuhren einst Honeckers Dienstlimousinen ein und aus. Wenn er West-Besuch erwartete, dann wurde etwas geboten an schnittigen Karossen. Der oberste Genosse liebte die französischen Modelle, Citroëns mit Chauffeur warteten auf den hohen Besuch. Heute zeigt das Sammlerehepaar Haubrok auf dem Areal Concept und Minimal Art, vermietet Ateliers an Künstler.

Macht im DDR-Einheitsdesign

Dass Christof Zwiener das Wachhäuschen genau an der Einfahrt aufstellte, unterstreicht die Symbolik: Das gesamte Gelände glich zu DDR-Zeiten einem Hochsicherheitstrakt. Zwei mal 2,30 Meter groß ist es, exakt die Größe, in der ein „Staatsdiener agieren kann“. Na ja, minimale VEB-Größe sozusagen, die Teile im Einheitsdesign wurden seit den 70er-Jahren massenhaft produziert, standen vor jeder Behörde, jedem Ministerium und auch zur Kontrolle an den Grenzübergängen. Ursprünglich befand sich der Kasten vor dem Hauptquartier des Nachrichtendienstes ADN in der Moll- Ecke Karl-Liebknecht-Straße in Mitte. Als dort umgebaut wurde, fragte Zwiener beim Investor an. Es wäre sonst zerstört worden. So bekam er es geschenkt. Für Zwiener ist es schlicht „Architektur gewordene Kontrolle“.

Der Pförtner, sagt Zwiener, führe ein paradoxes Leben. Er hat die Macht und die Schlüsselgewalt für „seinen“ Bereich. Und wenn, wie nach dem Ende der DDR, die Schlüssel irgendwann nicht mehr passten, bedeute das einen totalen Kontrollverlust. Mal ehrlich, so hat man die Werktätigkeit eines Wachmannes noch nie betrachtet. Der Künstler Manfred Pernice jedenfalls hat die karge Loge nun mit drei Zeitungen ausstaffiert und einer Kaffeetasse – auch das gehört schließlich zur realen Existenz des Wachpersonals. Als Säulenheilige grüßen drinnen Käthe Kollwitz und Karl Liebknecht als Farbdrucke.

In ein, zwei Wochen soll das Häuschen aus Lichtenberg abgeholt werden. Es wird mit einem Container verschifft, über den großen Teich hinweg. In drei Wochen, meint Zwiener, dürfte es in Los Angeles sein, auf jeden Fall rechtzeitig zum 25-jährigen Jubiläum des Mauerfalls in Berlin. „Wenn das Haus kommt, komme ich auch an“, sagt der Künstler. Er wird es an drei Standorten in L.A. aufstellen, drei temporäre Ausstellungen wird er kuratieren, schließlich funktioniert das Teil ideal als übergroße Ausstellungsvitrine. Manfred Pernice ist also dabei und Sonya Schönberger mit ihrer „Schlüsselübergabe“, die am Tag der Deutschen Einheit stattfinden wird. 2000 Schlüssel hat die Künstlerin gesammelt, allesamt aus dem Bestand der NVA.

Als deren Kasernen in Basdorf abgerissen wurden, fand Schönberger sechs, sieben Eimer voll davon. „Noch vor dem Abriss säuberlich geordnet“, erzählt Zwiener, Jahrgang 1972. Eine absurde Vorstellung. Alle 2000 hat Schönberger also an Fäden zusammengebunden und oben an der Decke im Häuschen aufgehängt – geballte, aber eben verlorene Macht. Im Juli hat Schönberger das Projekt in Lichtenberg gezeigt.

Institutionell angedockt hat Zwiener mit seinem Pförtnerhaus im Wende Museum in Los Angeles, das auch sein zweimonatiges Stipendium organisiert hat. Die 2002 gegründete US-Institution mit dem deutschen Namen beschäftigt sich mit dem europäischen Erbe des Kalten Krieges. Wobei der Wende-Begriff allgemein für den Umbruch steht, der sich seit 1989 in Europa vollzog. Es erstaunt schon, was die Amerikaner so gesammelt haben: „Socialist Luxury“, zu dieser Abteilung etwa zählt ein Meissener Porzellanteller mit dem Fernsehturm, eine Lenin-Büste, mit greller Farbe besprüht, zählt zu den Skulpturen. Bis nach L.A. geschafft hat es auch ein Stasi-Spitzelkoffer mit diversen Aufnahmegeräten. Zwiener will das ADN-Häuschen als Dauerleihgabe im dortigen Skulpturenpark lassen: „Was soll ich damit.“ Seine Mission vor Ort in Berlin ist erfüllt.

Eigentlich ist Zwiener, der Atelier und Wohnung in der Kreuzberger Naunynstraße hat, so etwas wie ein Spurensucher im öffentlichen Raum. Er fährt schon einmal tagelang mit dem Rad kreuz und quer durch Ost-Berlin und sucht nach Fahnenmasten aus DDR-Zeiten, den einstigen Trägern der Staatssymbolik, Relikte der Propaganda. Viele wurden abgetragen, andere verrosten oder wachsen langsam zu. „Aufzeichnungen über ihre Standorte, glaube ich, gab es nicht“, erzählt er.

Drei Jahre beschäftigte ihn das Projekt, eigentlich wollte er 50 Masten per Foto dokumentieren, es wurden 250. Wichtig ist der Hintergrund, den er dabei fotografierte. So entstand eine seltsame Topografie des Ostteils der Stadt, die Geschichte ist. Bald soll „25 Years of Solitude“ als Buch erscheinen. Ein anderes Projekt beschäftigt sich mit einem anderen Kapitel deutscher Vergangenheit: Mit Sonya Schönberger zusammen suchte er den Volkspark Prenzlauer Berg ab – nach Keramik-, Porzellan- und Glasfragmenten, Trümmerschutt von 1945. Längst wachsen Sträucher und Gras darüber – „buchstäblich auch über die Erinnerung“, meint Zwiener. Doch die beiden haben recht viel gefunden. Die Scherben präsentierten sie im vergangenen Jahr im Bereich „Dinge nach Katastrophen“ im Museum der Dinge.

Denkmäler als Touristenmagnet

„Erinnerung sollte authentisch sein“, findet Zwiener, „und nicht von Architekten durchdesignt“. Warum immer neue Orte der Erinnerung schaffen? Er denkt an das Desaster mit dem Einheitsdenkmal. Warum nicht auf Relikte der Vergangenheit zurückgreifen? Manchmal versteht Zwiener nicht, wie man mit Denkmälern umgeht. Während in früheren Jahrhunderten Monumente von Goethe, Schiller oder Lessing dazu dienten, Nationalgefühl zu vermitteln, sind sie heute oft nicht viel mehr als Touristenmagneten und Sightseeingpunkte. „Davor werden Fotos gemacht, die die Menschen dann in ihre Länder mitnehmen.“ Aber das ist eine andere Form der Erinnerung.