Kunst

Der Mann, der rote Kreise zähmte

Wassily Kandinsky war nicht nur Pionier der abstrakten Malerei, sondern auch Lehrer an der berühmten Bauhaus-Schule

Er war schon ein berühmter Avantgarde-Künstler und galt als Wegbereiter der abstrakten Malerei, als Walter Gropius ihn 1922 mit 55 Jahren als Meister an das Bauhaus berief. Elf Jahre sollte Wassily Kandinsky dort unter der Leitung dreier Direktoren als Lehrer tätig sein, zunächst in Weimar, nach dem Umzug 1925 in Dessau und bis 1933, als das Bauhaus unter dem Druck der Nationalsozialisten schließen musste, in Berlin. „Kein anderer Bauhaus-Meister war so lange am Bauhaus tätig wie Wassily Kandinsky. Mit seinem Unterricht und seiner charismatischen Persönlichkeit übte er einen enormen Einfluss auf die Studenten aus“, sagt Annemarie Jaeggi, die heutige Direktorin des Bauhaus-Archivs Berlin.

Eine von Angelika Weißbach kuratierte Ausstellung über Kandinskys Lehrtätigkeit am Bauhaus stellt neueste Forschungsergebnisse der Société Kandinsky vor, jener Stiftung, die Nina Kandinsky, die Witwe des Künstlers, 1979 gründete, um dessen Werk zu schützen und zu verbreiten. Grundlage sind Dokumente aus den Archiven des Bauhauses in Berlin und Dessau sowie des Pariser Centre Pompidou und des Getty Research Institute in Los Angeles. Aus Notizen zur Unterrichtsvorbereitung, Mitschriften der Studierenden und deren Arbeiten sowie Bildmaterial, das Kandinsky zur Anschauung im Unterricht verwendete, lässt sich rekonstruieren, welche Inhalte er mit welcher Methodik an die Studenten vermittelte und wie diese damit umgingen.

Der Unterricht Kandinskys erweist sich vor allem als eine Erziehung zur Abstraktion und formalen Komposition und vollzog sich in schematischer Strenge. In der für alle obligatorischen Grundlehre mussten sich die Studierenden mit Grundformen und Grundfarben sowie deren Beziehungen und Spannung zueinander auseinandersetzen. Für Kandinsky gab es hier strikte Zuordnungen: der Kreis war blau, das Dreieck gelb, das Quadrat rot.

In einem Fragebogen versuchte er die Assoziationen der Studierenden zu überprüfen, die mit dieser festen Koppelung von Form und Farbe offenbar nicht immer einverstanden waren. Anhand von Schülerarbeiten zeigt sich, wie sich diese im Verlauf des Semesters von schematischen zu individuelleren Umsetzungen entwickeln. Im analytischen Zeichnen, ebenfalls Bestandteil der Grundlehre, lernten die Studierenden Stillleben aus Alltagsgegenständen wie Besen und Hockern zu erstellen und diese zunächst abzuzeichnen, dann so weit zu vereinfachen, dass zum Schluss eine abstrakte Komposition übrig bleibt.

Ab 1927 hatten Paul Klee und Wassily Kandinsky durchgesetzt, dass es auch freie Malklassen geben sollte. In diesen Kursen brachten die Studierenden Arbeiten mit, die dann mit Kandinsky im Hinblick auf Farbe, Rhythmus und Komposition diskutiert wurden. Dass dabei mitunter ganz andere Stilrichtungen herauskamen, wie bei Hans Thiemann, dessen Kompositionen surrealistisch wirken, hat Kandinsky nicht gestört. Denn genau ihm bescheinigt er hervorragende Leistungen in seinen Kursen.

Die Bauhauszeit war für Kandinsky eine produktive Phase: Er schuf rund 350 Ölgemälde und 584 Aquarelle, Gouachen und Temperabilder – einige davon sind in der Ausstellung zu sehen. Seine kunsttheoretischen Überlegungen vertiefte er 1926 mit der Veröffentlichung seines Buches „Punkt und Linie zu Fläche“ in der Reihe der Bauhaus-Bücher.

Zum 60. Geburtstag widmeten ihm die Bauhaus-Kollegen je ein Werk, darunter auch Paul Klee, der provokant einen roten Kreis in sein Bild malte und damit augenzwinkernd eine gewisse Dogmatik bei Kandinsky kritisierte. Mit Paul Klee und Josef Albers verband Kandinsky noch über die Bauhaus-Zeit hinaus eine enge Freundschaft. Alle drei gingen 1933 ins Exil, Kandinsky nach Paris, Klee nach Bern und Albers in die USA. Von dort lud er Kandinsky nach North Carolina ein, wo er am Black Mountain College lehrte. Seine Worte zeugen auch von Missstimmungen in den legendären Bauhaus-Hallen: „Sie werden im College viel vom besten Bauhausgeist finden, aber entspannt, und nett und ohne Politik und ohne Intrigen, mit Manieren und viel Sinn für Form.“ In die USA reiste Kandinsky nie, er blieb in Paris, wo er 1944 starb.

Bauhaus Archiv, Klingelhöferstr. 14, Tiergarten. Mi-Mo 10-17 Uhr. Bis 8. September. Katalog: 29 Euro.