Auf der Volksbühnen-Eintrittskarte steht „Balzac/Wuttke Trompe l’ amour“. Aha, der große Franzose und, aha, der große Deutsche. Ziemlich werbewirksam, trotz des verblasenen Titels: Der berühmte Romancier und der berühmte Schauspieler, hier obendrein noch als Autor und Regisseur antretend. Um sich des rastlosen Vielschreibers Riesen-Roman, das monumentale Gesellschaftspanorama „Glanz und Elend der Kurtisanen“, vorzunehmen. Was dabei herauskam, ist etwa so, als hätte Martin Wuttke ein paar der vielhundert „Kurtisanen“-Seiten heraus gerissen und in die Luft geschmissen: Eine verflatterte Kleinigkeit.

Nun also schon zum dritten Mal ein Volksbühnenabend „nach“ Honoré de Balzac. Vor einem Jahr nahm sich Renè Pollesch bereits der „Kurtisanen“ an. Schnappte sich ein paar Balzac-Sentenzen und verkochte sie mit reichlich Eigen-Text zu einem Diskurs über Sein und Schein, Fiktion und Authentizität. Wobei das nicht unwitzige Theoretisieren zum furiosen Pingpong wurde zwischen den beiden Superstars Wuttke und Birgit Minichmayr.

Erst ein Vierteljahr ist es her, als Frank Castorf aus Balzacs weiträumiger Familiensaga „La Cousine Bette“ eine exzessiv aufgedrehte und irrwitzig ins Groteske gedonnerte Fünfstunden-Soap machte; mit beträchtlichem Unterhaltungswert. Und jetzt nun nochmals die „Kurtisanen“, zwar mit deutlich mehr Balzac-Sätzen als weiland Pollesch, doch ohne dessen Hinzu-Erfindungen. Dafür deutlich kürzer als Meister Castorf: Wuttke ist in knapp zwei Stunden fertig.

Doch seine Balzac-Fledderei bleibt fad, aus den verschnippelten Szenchen lässt sich kein Sinn basteln. Wir kapieren ganz allgemein: Es geht um Geld, Geld, Geld. Um Schulden, Raffgier, um die Ware Liebe und die wahre Liebe, um Frauenstellung und Männermacht, um Verbrechen, Verblendung, Verblödung, Wollust, Krankheit, Selbstmord. Aber alles nur vage angetippt. Der Geschlechterkampf und -krampf als verwirrt verbale Chaos-Klamotte. Ohne Plot, ohne erkennbare Figuren. Alles läuft ins Leere. Ist aber aufgemotzt mit üppiger Ausstattung (Nina von Mechow): Da wird eine Biedermeier-Kutsche auf die Bühne gekarrt, werden Luxus-Boudoirs installiert und die Pariser Vergnügungshütte „Gaumont Palace“ via Fototapete hingestellt. Süffiger Sound dudelt, schicke Kostüme prunken. Und die Hälfte der Blabla-Veranstaltung läuft über Video, um den pingeligen Naturalismus gehörig zu verfremden und Bedeutung zu suggerieren.

Balzacs reißerisch-melodramatische Menschenbilder, die er aus seiner „verderbten“ Daseins-Wirklichkeit zwischen 1838 bis 1846 filterte und packend komprimierte, werden unter Wuttkes Zurichtung zu blutleeren Karikaturen. Sieben Schauspieler rackern sich schweißtreibend daran ab als erregte Plappermaschinen. Man darf sich irgendwie einen Reim drauf machen. Und mit diesem Einkapseln im total Diffusen wird Theater nicht nur beliebig, sondern, noch schlimmer, hermetisch. Also unverständlich. Es ist sein Weg in die Selbstabschaffung. Dass Regisseur Wuttke, angekündigt zugleich als Schauspieler, warum auch immer ausfiel, ist vielleicht schade, aber unerheblich. Auch er hätte seine Chose nicht retten können.

Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Mitte. Tel. 240 65 777. Termine: 27. April, 2. und 21. Mai