Hörspiel

„Julia, versuch’s bitte noch mal böse“

Morden und berlinern: Wie ein „Tatort“-Hörspiel beim RBB entsteht. Ein Besuch im Tonstudio

Julia Hummer hat keine Zeit. Sie muss gleich nach Frankfurt, da sitzt sie in der Jury eines Festivals. Deshalb müsste sie längst zum Bahnhof. Aber Nikolai von Koslowski ist noch nicht ganz zufrieden. „Julia, das müssen wir noch mal machen“, fordert er. „Versuch’s bitte noch mal böse.“ Draußen wartet bereits Tom Schilling. Auch der hat gleich seinen Einsatz, er ist aber schon eine Weile da. „Muss man Herrn Schilling bei Laune halten?“ flüstert von Koslowski zu seiner Assistentin herüber. Die schüttelt den Kopf. „Ist noch okay.“ Wir haben sie alle im Blick. Den Regisseur vor den Mischpulten. Und, durch die Glasscheiben, Julia Hummer in einem und den wartenden Schilling in einem anderen Saal.

Wir befinden uns nicht bei Dreharbeiten. Aber doch bei Aufnahmen. Radioaufnahmen. Hier, im Haus des Rundfunks, wird vom Rundfunk Berlin Brandenburg (RBB) ein neuer Hörspiel-„Tatort“ aufgenommen. Und die Besetzung ist mindestens so prominent wie bei einer Fernsehfolge. Alexander Khuon und Steffen „Schortie“ Scheumann sprechen die Kommissare, und zu den Gästen, sprich: Verdächtigen zählen Schilling, der „Oh Boy“-Star, Julia Hummer, Franziska Petri und Alexander Radszun.

Seit 2008 auch ein Radio-Hit

„Autsystem“ heißt das neue Hörspiel von Thomas Peuckert. Alles beginnt, wie im Fernsehen, mit einer Leiche. Es handelt sich diesmal um eine Internet-Aktivistin, die im Besitz von hochbrisantem Datenmaterial war, das direkt aus dem Bundesverteidigungsministerium kam. Deshalb verhören die Kommissare Polanski (Khuon) und Lehman (Scheumann) erst eine Mitaktivistin, eben Julia Hummer. Und dann geht es in den Bendlerblock, zu einem Staatssekretär, den Tom Schilling spricht. Wie beim Film ist das Team dafür rausgefahren, zum Ministerium. Aber nur, um Geräusche einzufangen. Tom Schilling muss deshalb nicht eigens dahin. Der wird jetzt in einem speziellen Raum in die Mangel genommen, der ideal ist für Dialoge mit mehreren Menschen. Der Atmo-Ton wird später druntergelegt.

Das Bild, erklärt uns der Tontechniker, muss ja im Kopf entstehen: „Im Film genügt ein einziger Kamera-Shot im Raum. Beim Radio muss die ganze Situation akustisch beschrieben werden.“ Wir befinden uns hier nicht in irgendeinem beliebigen Aufnahmestudio. Sondern im legendären T5 im Haus des Rundfunks an der Masurenallee, 1934 eigens für Hörspiele angelegt. Mit einem zentralen Regieraum, von dem aus mehrere Tonstudios abgehen, die alle via Fensterglas einsehbar sind. So kann man sich auch mal mit Händezeichen verständlich machen. Ein begehrter Aufnahmeplatz. Aber der Radio-„Tatort“ hat da obere Priorität. Ganz wie der große Bruder im Fernsehen ist er ein Zugpferd des ARD-Rundfunks.

Der erste Radio-„Tatort“ ging im Januar 2008 über den Äther, seither wird pro Monat eine Folge produziert. Sechs der neun ARD-Anstalten übernehmen einen Fall pro Jahr, die großen aber, der WDR, der NDR und der BR, zwei. „Autsystem“ von Tom Peuckert, der diesjährige RBB-Beitrag, der am 14. Juli gesendet wird, ist bereits die 80. Folge der Reihe. Sicherlich, das ist verglichen mit dem Fernsehen nichts. Dort läuft kommenden Sonntag mit dem Hamburger Einsatz „Kaltstart“ schon der 909. Fall. Aber auch der Radio-„Tatort“ erfreut sich großer Beliebtheit. Und straft die oft geäußerte These, das Hörspiel sei tot, immer wieder Lügen. Auch im Rundfunk erreicht der „Tatort“ ein Millionenpublikum, auf Podcastportalen kommt er immer auf vordere Plätze, bei i-Tunes landet er regelmäßig auf Platz Eins. Die Liebe der Deutschen zum „Tatort“ geht weit über das Fernsehen hinaus.

Wie die Fernsehkrimis setzen auch die Radiomacher auf überregionales Publikum mit regionalen Schwerpunkten. Gern sucht man sich dafür Schauplätze aus, die typisch sind für die Metropolen. Auch Themen, die hier brennen. Und entsprechende Ermittler. So steht Kommissar Polanski nicht ausschließlich, aber doch auf Männer. Und sein Kollege Lehmann ist fürs Icke-dette-Berlinern zuständig. Das kann keiner so schön ruppig wie „Schortie“ Scheumann.

Beim Hörspiel ist es wie beim Drehen. Die meiste Zeit verbringt man mit Warten. Hier wird zwar nicht kunstvoll für die Kamera ausgeleuchtet, aber damit der Raumklang stets ein anderer ist, wird auch in den Tonsälen ständig umgebaut. Der Regisseur nutzt die Zwangspause für einen Zigarettengang, wir nutzen sie, um den Spieß mal umzudrehen und die Kommissare zu verhören.

Wie ist das, „nur“ beim Radio tatorttechnisch dabei zu sein? Empfindet man das „nur“ als solches? Entschiedenes Kopfschütteln. Bei beiden. Im Gegenteil. „Das Radio hat noch sehr viele Freiheiten“, meint Khuon. Da könne man noch viel mehr experimentieren. „Vor allem“, assistiert Scheumann, der als Kollege Lehmann erst später hinzugekommen ist, „geht es hier nicht ständig nur um das Eine: die Quote.“ Beim Film, aber auch im Theater, das kennen sie beide, gebe es da viel mehr Druck. So eine Folge – im Radio bringt es der „Tatort“ immer auf 60 Minuten – ist in fünf Tagen fertiggesprochen, das ist dann ein bisschen wie Erholung zwischen anderen Produktionen.

Khuon, von Anfang an als Polanski dabei, kennt den Fernseh-„Tatort“ im Fernsehen gar nicht. Er war noch nie in einer einzigen Folge zu Gast. Das ist, frotzelt er, für einen deutschen Schauspieler fast schon eine Kunst. Scheumann war schon ein paar Mal dabei, „aber immer“, grinst er, „auf der anderen Seite“. Also unter den Bösen oder doch Verdächtigen.

Das Fernsehen „verwurstet“

Gerade sind ja die neuen Kommissare für den Berliner Fernseh-„Tatort“ ermittelt worden. Sind die Hörspiel-Kommissare dafür auch gefragt worden, haben sie sich gar selber ins Spiel gebracht? Beide schütteln den Kopf. „Ich hätte als TV-Kommissar Angst davor, festgelegt zu sein“, gibt Scheumann offen zu. „Ich sehe da auch Verwurstungen von Schauspielern.“ Khuon hat über die Möglichkeit noch nicht einmal nachgedacht. Der fühlt sich ganz wohl mit seinem Hörfunkdienst: „Der kleine Bruder im Radio – das ist doch schön. Ich freue mich einfach über diese Sparte.“