Kunst

Poppiges Kamasutra

In ihren Werken gibt Dorothy Iannone auch tiefe Einblicke in ihr eigenes Liebesleben. Eine Ausstellung in der Berlinischen Galerie

„Es ist nicht zu spät, sich daran zu erinnern, wer ich bin.“ Das konnte man schon 1977 auf einer Videobox der amerikanischen Künstlerin Dorothy Iannone lesen, die seit 1976 in Berlin lebt und arbeitet. Dass der Satz geradezu orakelhaft für ihre ungewöhnliche Karriere stehen sollte, konnte damals noch keiner ahnen. Denn erst jetzt wird das ungewöhnliche Werk dieser kompromisslosen Außenseiterin in einer großen Retrospektive von 150 Werken in der Berlinischen Galerie einem größeren Publikum vorgestellt.

Hier gibt es etwas zu sehen: Denn ihrem großen Lebensthema, der erotischen Ekstase, ist sie in allen Einzelheiten seit den späten 60er-Jahren treu geblieben. Die körperliche Liebe stellt sie, von psychedelischen Ornamenten umrahmt, auf ihren übergroßen Tableaus immer wieder dar. Mit Text kombiniert werden sie zu autobiografischen Bildergeschichten einer radikal subjektiven Künstlerin. Im letzten Jahr ist die immer noch am Olivaer Platz in Berlin lebende Künstlerin 80 Jahre alt geworden und auch jetzt kann sie vom Reiz der nackten Körper nicht lassen. Ihr ganzes Leben liest sich wie ein Abenteuer, eine erfolgreiche künstlerische Rebellion, die allerdings erst späte Würdigung erfährt.

Eine Amerikanerin am Olivaer Platz

Die 1933 in Boston geborene Dorothy Iannone studiert zunächst Literatur und heiratet früh den Mathematiker und Künstler James Phineas Upham, mit dem sie nach New York ins Greenwich Village zieht, eine kleine Galerie betreibt und um die Welt reist, kurzum: das bunte Leben der Boheme führt. In dieser Zeit beginnt sie auch zu malen, zunächst abstrakt im Stile des abstrakten Expressionismus. Schon damals fasziniert sie das überbordende Ornament in knalligen Farben, allmählich tauchen Figuren darin auf, zunehmend als geschlechtliche Wesen mit deutlich sichtbaren Genitalien, bis schließlich monumentale Gestalten, vereint in allen Spielarten des Liebesaktes ihre Leinwände bevölkern. Ein regelrechtes Kamasutra der Pop-Art.

Ein Auslöser für die erotische Explosion in ihrem Werk war die Begegnung mit dem Fluxus-Künstler Dieter Roth, ihrer großen Liebe. Zusammen mit ihrem Man und Fluxus-Künstler Emmett Williams reiste sie auf einem Frachter nach Reykjavik, um Emmetts Freund Roth zu besuchen. Der steht, einen frischen Fisch in Zeitungspapier gewickelt, am Pier. Für die Künstlerin eine Offenbarung: „Und als ich Dieter sah, wusste ich, dass ich mein Leben ändern würde.“ Das tat sie auch, sie verließ ihren Mann und lebte fortan mit Dieter Roth zusammen, in Reykjavik, Basel, London und Düsseldorf.

Die Höhen und Tiefen ihrer Beziehung finden immer wieder Eingang in die Kunst Iannones. Die Begegnung mit Roth in Reykjavik verarbeitet sie in der Bildererzählung „An Icelandic Saga“ ab 1978, Alltagssituationen finden Eingang in die „Dialogues“, Künstlerbücher mit Illustrationen und Text, die sich auf Episoden des gemeinsamen Lebens beziehen. Das erste Künstlerbuch, das Iannone veröffentlichte, war die „Lists IV“ von 1968, in der sie alle ihre Liebhaber vor Roth aufzählte und diese jeweils in einer Szenen zeichnete. Heute gilt es als Vorläufer der Arbeiten von Tracey Emin. „Das Buch zu machen bedeutete für mich die natürliche Fortführung meiner künstlerischen Ausrichtung in meiner neuen autobiografischen Arbeitsweise“, erinnerte sich die Künstlerin später.

Schon 1967 erfolgten erste Ausstellungen und damit auch die ersten Probleme mit der Zensur. 1967 sollten in einer Galerie in Stuttgart ihre Arbeiten aus der People-Serie ausgestellt werden. Cutout-Figuren ihrer Zeichnungen, die mythologische, historische und zeitgenössische Figuren zeigten, immer jedoch mit deutlich sichtbaren Geschlechtsteilen. Die Arbeiten wurden konfisziert. Nur für einen Tag durften sie schließlich gezeigt werden.

Sie verklagte Henry Miller

Ein anderes Mal lud Harry Szeemann vier Künstler in die Kunsthalle Bern ein, ihre Arbeiten und die von Freunden auszustellen, darunter Dieter Roth, der Dorothy Iannone vorschlug. Diesmal waren es die Künstler, die nach Zensur verlangten, die Genitalien in den Bildern Iannones sollten mit Klebestreifen verdeckt werden. Grund genug, für die Künstlerin und Dieter Roth, ihre Werke zurückzuziehen. Dass ausgerechnet die Frau, die mit einer Klage für eine Aufhebung der Zensur gegen Henry Miller stritt, dieser selbst zum Opfer fiel, gehört zu den ironischen Wendungen in ihrer Biografie.

1974 trennt sich Iannone von Roth, mit dem sie bis zu seinem Tod befreundet bleibt und den sie – ganz emanzipatorisch – als ihre Muse bezeichnet. Sie zieht zunächst nach Frankreich, wo sie sich mit Video als Medium der Kunst auseinandersetzt und ihre Singing-Box-Serie zu Video-Boxen weiterentwickelt. Eines ihrer intimsten Werke ist „I Was Thinking of You“ von 1975, eine mit einem Liebespaar bemalte Box-Skulptur. Der Kopf der Frau mündet in einen Videomonitor, der Iannones Gesicht beim Orgasmus zeigt. „Es liegt nicht an mir zu beurteilen, ob ich dadurch zu irgendeiner sexuellen Revolution beigetragen habe“, meinte sie später einmal. Ihre frische, unkonventionelle und radikal subjektive Herangehensweise, die freie Erotik, die Farbenpracht ihrer Bilder und die Vielfalt ihrer Ausdrucksmittel machen diese Künstlerin so attraktiv für junge Künstler. Mit 80 Jahren darf sie nun die lang ersehnte Retrospektive ihrer Werke erleben.

Berlinische Galerie, Alte Jakobstraße 124-128. Mi-Mo 10-18 Uhr. Bis 2. Juni