Konzert

Verruchte Unschuld und traurige Zuversicht

Dagmar Manzel überzeugt mit den Liedern des großen Friedrich Hollaender

Es ist seltsam: Obgleich Friedrich Hollaender nun schon seit 1976 tot ist, fehlt uns der Komponist und Kabarettist noch immer. Sieht man von Georg Kreisler ab – er war Hollaenders Schwiegersohn –, verfügt kein jüngerer Künstler mehr über seine Fähigkeiten.

Friedrich Hollaender besaß die Gabe, Tragik in Ulk zu verwandeln und den Ulk ins Tragische zu steigern. Seine wache Intelligenz, immer spielerisch aufgelegt, hatte etwas außergewöhnlich Urbanes. Alles Aufgeblasene zersetzte er schonungslos in der Säure seines Humors, der leichtfüßig, berlinerisch keck und ludrig daherkam.

Friedrich Hollaender, 1896 in London geboren, in Berlin aufgewachsen und als Meisterschüler Engelbert Humperdincks am Stern’schen Konservatorium ausgebildet, beherrschte nahezu alles auf den Brettern der Kleinkunst, die gar nicht so klein ist: den Gassenhauer genauso wie das Couplet, die Schnulze genauso wie die Moritat, das Chanson genauso wie den Ohrwurm – von „Schatz, komm mit mir nach Liliput, da schmeckt der Tee mit Mili gut“ über „Er versprach ihr Treue bis ins nächste Jahr, vor Glück vergaß sie, dass Silvester war“ bis hin zu „An allem sind die Juden schuld“ von 1931 („Ob es regnet, ob es hagelt, ob es schneit, ob es blitzt. Ob es dämmert, ob es donnert, ob es friert oder ob du schwitzt“).

Seine Melodien waren flott, seine Texte pfiffig, immer reich an Anspielungen und zutiefst menschlich. Manche habe darin das einzig Jüdische an dem nichtjüdischen Berliner Juden Friedrich Hollaender gesehen. Sie mögen recht haben. Denn jüdisch, das ist nach Alfred Polgar auch „das Wissen um die Traurigkeit und die Ohnmacht aller Menschendinge durch ein Justament-auch-Wissen um ihre Lächerlichkeit und Geringfügigkeit“.

Augenzwinkernde Melancholie

Wie es auch immer sei, Hollaenders Liedern fehlte der schenkelschlagende Haudraufwitz unserer Tage, der ohne den schalen Nachklang des Karneval-Tataas nicht mehr auszukommen scheint. Er zeigt dabei auch, wie hohlköpfig unsere Kleinkunst doch geworden ist. Da hilft es nur, zur Hollaender-CDs zu greifen oder aber gleich in die Komische Oper zu gehen. Unter dem Titel „MENSCHENsKIND“ schenkt sie ihren Gästen einen besonderen Abend: „Dagmar Manzel singt Lieder von Friedrich Hollaender“.

Um es gleich am Anfang zu sagen: Manzel kann’s. Sie besitzt das Hollaender-Gen, das ihr die augenzwinkernde Melancholie, die verruchte Unschuld und traurige Zuversicht verschafft, die in nahezu allen Hollaender-Liedern zu spüren ist. Klug ist darüber hinaus ihre Auswahl. Zusammen mit dem Pianisten und musikalischen Leiter des Abends, Michael Abramovich, hat die Schauspielerin ein Programm zusammengestellt, das nicht nur Allbekanntes, Allbeliebtes versammelt wie „Das Nachtgespenst“, das Manzel in großer Frische neu und originell interpretiert, oder Hollaenders „Circe“ („den ersten Zauberer, den es gab, mit Schürze“), sondern auch Lieder aus dem alten und armen Berlin mit seinen Mansarden, Kellerwohnungen und den nach Kohl riechenden Portierslogen, in denen junge, hungrige Mädchen an Selbstmord denken („Wenn ick mal tot bin“) oder erfrieren („Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“).

In all diesen Liedern trifft die Berlinerin Manzel den Ton der Tragödien, wird – während sie singt – nie rührselig, eher trocken und trotzdem oder gerade deswegen so bohrend und traurig. Freilich gelingt es Dagmar Manzel schon im nächsten Lied und oft mithilfe des Orchesters der Komischen Oper, die Kurve aus dem Trauertal zu kriegen und dann wieder ganz kess wie in „Die hysterische Ziege“ aufzutreten.

Nie tappt sie in die Dietrich-Falle. Selbst den Chansons, die Marlene Dietrich berühmt machten und die wiederum Marlene berühmt machte („Peter“ und „Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre“), verschafft sie einen ganz eigenen Ton.

Komische Oper, Behrenstraße 55-57, Tel: 202600. Vorstellungen: 28.2. und 14.3.