Theaterkritik

Zwei Apo-Opas machen noch mal auf ganz jung

„Kommune 2013“ am Grips Theater uraufgeführt

Nieder mit der Schwerkraft, es lebe der Leichtsinn! Den ollen Sponti-Spruch nimmt Opa Puhlmann sich noch mal zur altersschwachen Brust. Auch wenn die Schwerkraft an seinem 78jährigen Körper sehr diktatorisch nagt. Auch wenn Tochter und Schwiegersohn den Leichtsinn unverantwortlich finden, schließlich hat er jüngst fast seine Küche abgefackelt. Aber Opa hat keine Lust aufs Heim. Opa hat eine 68er-Vergangenheit, Opa hat eine 180-Quadratmeter-Wohnung und seinen alten Kommunarden-Kumpel Hannes. Mit dem gründet er noch einmal eine Kommune. Wie früher. Also fast. Also eigentlich gar nicht, aber Spaß haben sie trotzdem.

Den setzte jetzt in „Die letzte Kommune“ die Regisseurin Franziska Steiof fürs Grips Theater in Szene. Geschrieben und komponiert haben das „Schauspiel mit Musik“ Peter Lund und Thomas Zaufke. Den Opa Puhlmann spielt altersstarrsinnig und lebenswitzig Grips-Urgestein Dietrich Lehmann. Der war schon zu Gründungszeiten Grips-Mitglied. Folglich schwingt auch seine Geschichte und die des immer schon politbewegten Grips an diesem Abend charmant mit.

Nun sind inzwischen 45 Jahre vergangen, schon beim Mitbewohner-Auswahlverfahren stellt sich raus: Der alte Fragebogen taugt nichts mehr, weshalb sich zwischen Weingelagen und dauerverstopftem Klo außer den zwei APO-Opas dann die Enkel Philipp und Lotte, Sozialschmarotzer Atze und die aus dem Pflegeheim ausgebüxte Josi begegnen. Zu allem Überfluss schauen noch ständig die eigenen Kinder Michael und Heidi nach dem Rechten oder bringen ausgerechnet bourgeoise Rindsrouladen vorbei. Man verliebt und besäuft sich, streitet und versöhnt sich am Küchentisch. Die Handlung schlägt allerlei Volten, aber entscheidend dafür, dass das hier weder zum Was-war-das-früher-alles-schön-Abend noch zum Was-waren-wir-damals-naiv-Schauspiel wird, sind zwei dramaturgische Kniffe. Erstens verschränken sich über diverse amouröse Ambitionen die Sorgen und Nöte der drei Generationen und zweitens wird zunehmend klar: Nicht um politische Agitation oder Subversion geht es hier mehr, sondern schlicht um ein selbstbestimmtes Leben. Im Zweifel auch Sterben. Weshalb es passt, dass Regina Lemnitz die bereits an partieller Demenz leidende Josi zur bezauberndsten und vielschichtigsten Figur des Abends macht. Andere rufen noch nach Werten, sie aber singt: „Wo sind all die Worte hin?“

Solche Momente und ein bestens aufgelegtes neunköpfiges Ensemble plus Musikerquintett machen diesen Abend, an dem in Text und Gesang vielleicht nicht immer die allerdicksten Bretter gebohrt werden, zu einem generationsumfassenden Wohlfühlevent mit Spaß, Musik und einer Spur Melancholie. Wenn Opa Puhlmann am Ende der Welt noch einmal sein „Venceremos!“ entgegen schleudert, ist allen klar: Natürlich werden sie nicht siegen gegen den Lauf der Dinge, aber ihr Abgang ist wenigstens einer mit wehenden Fahnen.

Grips Theater Altonaer Str. 22, Tel. 39747477. Nächste Termine: Heute, 5., 7.-8., 28.-30. Oktober, je 19.30 Uhr.