Geschichte

Flucht, mal anders: Rüber machen in den Osten

Warum Soldaten in die DDR flüchteten – eine Lesung

„Ernie aus Covington, Kentucky, war nicht tot. Für eine ,anständige’ amerikanische Familie war das, was geschehen war, viel schlimmer.“ Denn der 20-jährige US-Soldat war desertiert. Vom Westen in den Osten. Mit diesen Worten beginnt Peter Köpf seine Lesung im DDR Museum. Das Buch, das er hier vorstellt, befasst sich mit den Schicksalen von Nato-Deserteuren, die in der DDR ein neues Leben begannen. Die Frage des Titels „Wo ist Lieutenant Adkins?“ lässt er dabei jedoch aus.

Drei Jahre hat Peter Köpf recherchiert, er wühlte sich durch das Behördendeutsch der Stasiakten und stieß dabei auf rund 200 Nato-Deserteure, die den „umgekehrten“ Weg bewusst oder unbewusst wählten. Aus heutiger Sicht ist es kaum vorstellbar, den Westen mit der DDR tauschen zu wollen. Doch viele der Deserteure hatten klare Motive, in der DDR leben zu wollen.

Auf der Lesung ist auch ein Zeitzeuge anwesend: Victor Grossman kommt 1952 in die DDR, in dem er von Nürnberg nach Linz mit der Bahn fährt, über die Donau schwimmt und dort von den Sowjets aufgegriffen wird. Er ist einer von denen, die aus politischer Überzeugung in die DDR kommen. Grossman war in seiner Vergangenheit in mehreren kommunistischen Verbänden aktiv, in den USA war ein kein gern gesehener Bürger. In der DDR ist er sicher. Er wird „Taucher“ – ein Mitarbeiter für die Stasi, der die Deserteure aushorchen soll.

Autor Peter Köpf erzählt von Richard Warren Coffman, der nach mehreren Monaten Aufenthalt in Bautzen 1954 die Unterschrift unter die Erklärung leistete, die die Beamten von ihm hören wollen: „Ich erkläre, ich werde niemals in die USA zurückkehren.“ Nach seiner Freilassung gerät er in eine Schlägerei und stirbt an einem Schädelbasisbruch. Ein US-Militärsender meldet, dass Coffman beim Verhör in der DDR erschlagen worden wäre. Seine Ehefrau sagt, dass Coffman mit „geheimem Auftrag“ in der DDR gewesen wäre. „Er war einfach zu gerne Soldat.“ So wird aus dem Deserteur ein Märtyrer, das ist leichter zu ertragen.