Konzert-Kritik

Mélanie Pain: Lasziv, fröhlich, rotzig, sehnsüchtig

Die französische Sängerin im Privatclub in Kreuzberg

Mélanie Pain schnappt sich einen Hocker, denn das nächste Lied werde ruhiger, kündigt sie an: „Ich mag es, traurig zu sein. Das macht mich glücklich.“ Sie komme nun einmal aus Frankreich, sagt sie noch, und man weiß nicht genau, ob der letzte Satz eher trotzig oder entschuldigend gemeint war. Dann setzt sie sich auf den Hocker und spielt auf den Tasten eines kleinen Instruments, das wie ein Synthesizer-to-go aussieht, und singt „How bad I can be“.

Sie spielt im neu eröffneten Privatclub, der seit diesem Monat in der Skalitzerstraße zu finden ist; er ist einladend, unaufdringlich und funktional geworden, mit seiner kleinen Bühne, dem klassischen Tresen und einem geräumigen Raucherraum. Jedenfalls ist Mélanie Pain ein wenig bekannter, weil sie immer wieder bei Nouvelle Vague mitgespielt hat, einem Projekt, das das Liedgut der New-Wave-Zeit ins französisch-poppige übersetzt und dabei wütenden Punk-Hymnen wie „Too drunk to Fuck“ den Zorn nahm und in Poplieder zum Mitschunkeln verwandelte.

Nun hat Mélanie Pain in diesen Tagen ihr zweites Album „Bye Bye Manchester“ herausgebracht; es geht, so erklärt sie auf dem Konzert und in Interviews, um das weit verbreitete Gefühl, dass man doch gern woanders wäre und wenn man dann endlich woanders ist, sich wieder an einen anderen Ort wünscht. Damit kriegt man auch ein Leben rum. In ihrem Fall ist es Manchester, ohnehin Projektionsfläche der Popwelt (Ian Curtis! Ian Brown!! Mark E. Smith!!!), die nordenglische Stadt, die, kaum ist sie dort angekommen, dann doch nicht so toll findet.

Ihre Platte hat ein paar handwerklich ordentliche Popsongs; „Bye bye Manchester“ muss man allein deshalb mögen, weil sie Manchester so lustig ausspricht, „7 ou 8 fois“ könnte ein kleiner Hit werden, das kann man alles so machen. Richtig interessant wird es, wenn Mélanie Pain auf der Bühne steht. Sie singt mal lasziv, mal verträumt, mal rotzig, mal sehnsüchtig und wieder von vorne. Sie hüpft, wackelt mit den Hüften und schaut mit halbgeschlossen Augen schwer verrucht und stets flirtend ins Publikum. Sie hat einen fröhlichen Sexappeal und kann über sich selber lachen, wenn sie auf ihre paar überschüssigen Pfunde verweist. Sie trägt einen ultrakurzen Rock und keine Schuhe, und nachdem sie einen Whisky getrunken hat, wird sie noch einen Tick ausgelassener. Eine Stunde und ein Dutzend Stücke später ist der Spaß vorbei, Mélanie Pain singt als Zugabe mit Blurs „Girls and boys“ die einzige Coverversion des Abends. Im April werde sie wieder nach Berlin kommen, sagt sie, und hüpft, immer noch auf Strumpfhosen, davon.