Vor zehn Jahren trat der Sänger und Spiritus rector von Lambchop in der Passionskirche in Kreuzberg auf, nun also in der Apostel-Paulus-Kirche. Die evangelische Kirche in Schöneberg ist gut besucht wie ansonsten nur beim Krippenspiel zu Weihnachten.

Für Kurt Wagner und seine fünf jüngeren, adretten Herren an den Instrumenten gibt es wohl keinen geeigneteren Ort als eine Kirche oder die Philharmonie. Der Abend ist fast wie ein vokaler Kammermusikabend, den man in kontemplativer, konzentrierter, leicht versonnener Stimmung verträumt. Hier gerät keiner ins Schwitzen, weder auf der Bühne noch im Publikum, ein leichtes Mitwippen ist die maximale Wallung der Körper.

Kurt Wagner, Jahrgang 1957, ist ein echter Spätzünder. Der Mann aus Nashville wollte eigentlich Maler werden, und bis vor zwölf Jahren arbeitete er noch als Bodenverleger, bis er sich entschloss, sich ganz der Musik zu widmen. Er ist sicherlich einer der zurückhaltendsten, unscheinbarsten Männer, auf eine anrührende Weise nett und freundlich und bescheiden, in den weiten Weiten der populären Musik. Dem Mann, der dort vorn sitzt und sich mit seiner Baseballkappe über die Gitarre beugt, und mit seinem melancholischen, warmen Sprechgesang über Sehnsucht, Fernweh, Liebesleid und Freunde, die uns für immer verlassen haben, singt, würde man ohne Bedenken bitten, ein paar Stunden auf die Kinder aufzupassen. Und irgendwie bildet man sich ein, er hätte damit auch kein Problem.

Knapp 20 Lieder wird er an diesem Abend spielen, ein Gutteil davon von dem Album vom Beginn des Jahres „Mr. M“. Es ist, obwohl man das vorher nicht für möglich gehalten hätte, noch minimalistischer, reduzierter, zurückgezogener als seine früheren Platten. Wer sich abmüht, ihn in irgendeine Kategorie zu packen und versucht ihn zwischen Folk, Country vielleicht auch Jazz zu verorten, muss irgendwann eingestehen, dass für seine Musik keine bekannten Assoziationen vorhanden sind. Lamchop klingt wie...tja, eben Lambchop. Kurt Wagner hat vor kurzem dem „Guardian” erzählt, er habe überhaupt kein Problem damit, von Journalisten falsch interpretiert zu werden: „Ich bin glücklich, wenn man mich überhaupt interpretiert.”

Lambchops Lieder plätschern so dahin, die Stimme von Herrn Wagner ist stellenweise mehr murmelnd als gesungen, auf der Bühne ist der Wechsel vom Saxophon zur Flöte quasi schon ein Ereignis, und trotzdem ist es nicht eine Minute fad oder dröge. Das ist vielleicht die angenehmste Überraschung des Abends, wie Kurt Wagner es versteht, diese meditative, sanfte, ausgeglichene Stimmung 90 Minuten aufrecht zu erhalten.