Serie: 100 Jahre Deutsche Oper - Teil 9

„Eigentlich sind Opern viel zu lang“

Serie „100 Jahre Deutsche Oper“, Teil 9: Filmregisseur Philipp Stölzl inszeniert „Parsifal“

Das Provokanteste sagt er ganz zum Schluss. Da stehen wir schon auf einem dieser endlos langen Gänge in der Deutschen Oper, in der ich mich allein verlaufen würde. Philipp Stölzl bringt mich noch zur Pforte. Und im So-Nebenbei-Gehen meint der Regisseur, Opern seien überhaupt zu lang, die müsse man endlich kürzen dürfen, im Sprechtheater setze man ja schon seit langem den Rotstift an. Das Publikum, zumindest das jüngere, würde es danken, die hätten einfach einen völlig anderen Rhythmus in der Wahrnehmung. Jetzt inszeniert Stölzl hier in der Bismarkstraße Wagners „Parsifal“. Ein Viereinhalbstünder. Da ist jede Note heilig. „Ich habe“, vertraut er mir an, „alle Freunde vorgewarnt. Sage keiner, ich hätte nichts gesagt.“

Früher hat er Opern gehasst

Ketzerei? Nestbeschmutzung? Philipp Stölzl ist seines Zeichens Filmregisseur. Da purzeln gleich die Klischees, von den Kinoleuten, die auch mal Musiktheater machen. Damit versuchen sich die Häuser, opernfremdes Publikum zu erschließen. Aber man hat auf diese Weise halt auch schon einschlägige Erfahrung gemacht. Mag ja sein, dass all die Schlöndorffs und Dörries auch zur Opernbühne drängen. Bei Philipp Stölzl verhält es sich indes ein wenig anders. Der 45-Jährige hat Filme wie „Nordwand“ und „Goethe!“ realisiert, er inszeniert aber auch eine Oper pro Jahr. Seine Opernographie ist inzwischen länger als seine Filmographie. Und ursprünglich war er mal Bühnenbildner. Mit Opern ist er also eigentlich, über zugegeben ziemliche Umwege, nur zur Bühne zurückgekehrt. Er habe auch lange gesagt, Oper sei nur ein Hobby. Bis ihm sein Assistent bei der fünften Opernregie einbläute, das sei „kindisch“. Es ist längst sein Zweitberuf. „Ich stelle mich inzwischen als Film- und Opernregisseur vor.“

Und in diesem Jahr kommt es ganz dicke. Gerade hat Stölzl den Bestseller „Der Medicus“ verfilmt. Sein bislang aufwendigster Film, ein 25-Millionen-Projekt, mit mörderischen 65 Drehtagen. Und jetzt inszeniert er an der Deutschen Oper Richard Wagner. Den „Parsifal“. Zur Eröffnung der neuen Spielzeit. Und das ist nicht eine x-beliebige, damit begeht das Haus auch sein 100-jähriges Jubiläum. Noch mehr Erwartungen gehen eigentlich nicht - weder beim Film noch bei der Oper.

Er hat’s auch gerade so geschafft, mit den Dreharbeiten fertig zu werden. Hat aber, und da spielt ein Lächeln um seinen Bart, auch vorgesorgt. „Wir haben da ein bisschen rum geschubbelt“, heißt das in seinem Jargon, „wir haben im Frühjahr vorgeprobt und jetzt schieben wir’s in den Ofen.“ Danach geht es dann nahtlos zum Schnitt des Films. Moment mal, von Medicus zum Parsifal und zurück - geht da auch mal das Eine ins Andere über? Kurzes Überlegen, dann ein beherztes Kopfnicken. „Ja, es gibt Überschneidungen. Der Parsifal ist teilweise auch im historischen Gewand, mit mittelalterlichen Kostümen. Aber wir haben auch eine palästina-artige Felswand auf die Bühne gestellt. Das sieht lustigerweise so aus wie in Marokko, wo wir gedreht haben. Und letztlich handeln ja beide Stoffe vom Fanatismus von Religion.“ Reiner Zufall, aber interessante Koinzidenz.

Opern haben ja einen ganz anderen Vorlauf. Da wird man auf Jahre im Voraus gebucht, da muss man oft schauen, wie man die Filme drum herum realisiert. Das ist ihm schon einmal passiert; nach „Nordwand“ musste er direkt in Salzburg inszenieren. „Das ist aber auch heilsam“, findet Stölzl. „Weil man bei beiden Genres auch wieder mit Abstand anders drauf guckt.“

Früher, das gibt der Sohn des ehemaligen Berliner Kultursenators Christoph Stölzl zu, ist er nie in die Oper gegangen. Seine Eltern haben ihn mal als Kind mit in Humperdincks „Hänsel und Gretel“ mitgenommen. Das hatte aber eine eher abschreckende Wirkung: „Es war schrecklich.“ Begonnen hat alles mit Musikvideoclips für Rammstein, Madonna und andere. So kam Stölzl zum Film. Und so letztlich auch zur Oper: „Ich mochte es immer, Musik in Bilder umzusetzen. Aber bei den Musikvideos war das irgendwann ausgereizt für mich, ich wollte mich mal mit anderen, längeren Strukturen beschäftigen.“ Ein guter Freund von ihm, Sebastian Baumgarten, den er einen „Opernrevoluzzer“ nennt, hat ihn an seine Bühne nach Meiningen geholt. Wegen seiner Rammstein-Videos. Und Stölzl hat dort, „aus Spaß und Neugier, ohne jede ernsthafte Absicht“, den „Freischütz“ inszeniert. Der Beginn einer zweiten Karriere. Aber da gibt sich Stölzl ganz bescheiden: „Ich hatte Glück, dass sich das herumsprach. So kam ich aus der völligen Provinz an die großen A-Häuser.“ Die Ruhrfestspiele, Salzburg, Basel, Berlin.

Was ihn so fasziniert an dieser Welt: dass die Bühnenarbeit so unmittelbar ist, „im Gegensatz zu dieser wahnsinnigen Filmarbeit, wo du immer nur Mini-Puzzlestücke zusammensägst.“ Keine Frage: An Filmen hängt ein Regisseur oft Jahre, da ist so eine Oper zwischendurch auch ganz erholsam. Das sei wohl auch ein Reiz für viele Kinokollegen. Und dann, schwärmt er, „ist das ja auch reines Mäzenatentum.“ Kein Produzent, der einem reinquatscht. Keine Förderanstalten, die mitreden wollen. Einmal engagiert, habe man ziemliche Narrenfreiheit. Und: „Oper ist ja irgendwie Sekundärkunst für Regisseure. Wenn du im Sprechtheater einen Flop landest, dann gehst du richtig baden. Bei einer Oper ist das Publikum dankbar, wenn gut gesungen und musiziert wird; da guckt es auch mal gnädig über eine Inszenierung hinweg.“ Sozusagen eine „geschützte Werkstätte für Filmleute“, wo man sich mal austoben kann.

Dabei will er sich ja gar nicht austoben. Er ist opernspezifisch eher konservativ. Ein Grund, warum die Opernkritik seine Inszenierungen gern verreißt. Die erwarten immer radikale Neu- und Umdeutungen. Auch Filmeinschübe benutzt er eher selten, „die Bilder sind oft so kraftvoll, dass keiner mehr auf die Bühne guckt.“ Bei „Rienzi“, seiner letzten Inszenierung an der Deutschen Oper, habe das Sinn gemacht, bei „Parsifal“, den er eine „komplette Entschleunigungsoper“ nennt, würde das nicht passen. Nein, ihm geht es noch ganz traditionell um Handlung und Figurenführung. Und natürlich denkt er auch immer vom Bühnenbild her, das er wie immer selbst entworfen hat.

Bismarckstraße hüben und drüben

„Parsifal“ ist seine zweite Inszenierung an der Bismarckstraße. Dazwischen hat er aber auch schon auf der anderen Straßenseite inszeniert, am Schillertheater, für den großen Konkurrenten Deutsche Staatsoper. Sehen die Häuser es gern, wie er über die Straße springt, oder knirschen die heimlich mit den Zähnen? Auch das sei wieder reiner Zufall: Unter Schwarz hat er in Basel inszeniert, für Jürgen Flimm in Salzburg und bei der Ruhrtriennale. „Dass beide jetzt Chefs in Berlin wurden, war ein verrückter Zufall für mich.“ Den „Fliegenden Holländer“ aus Basel habe Flimm ja übernommen, der kommt demnächst an die Staatsoper - auch das eigentlich eine Dietmar-Schwarz-Produktion. „Man denkt nur an die Häuser, es sind doch aber Freundschaften, über die solche Engagements zustande kommen. Und, wieder übt sich Stölzl in Bescheidenheit, „ich mach doch so wenig, da fällt das gar nicht in Betracht. Sicher, bei Opern-Regiegrößen wie Calixto Bieito oder Stefan Herheim wären die Häuser wohl nicht so amused.“

Während wir so im Büro sitzen, schmettern draußen die Durchsagen per Lautsprecher, wer auf die Bühne muss. Muss er jetzt nicht auch…? Nein, Stölzl ist ganz gelassen. Die letzten Proben sind vor allem musikalischer Art. Seine Arbeit ist da schon getan. Das sei der Moment, wo er entspannen könne. Letzte Frage: Was hört er eigentlich in seiner Freizeit? Lieber Rammstein oder Wagner, eher Pop oder Oper? Die Antwort ist salomonisch: „Weder noch. Ich höre so viel Filmmusik beim Drehen, soviel Oper bei den Proben, da bin ich froh, wenn’s mal ruhig ist. Seine Freundin würde das hassen. „Der ist das zu still. Aber ich genieße es.“

Premiere Deutsche Oper, 21. Oktober