Fernsehen

Der RBB macht sich locker

Live von der Kreuzberger Dachterrasse: "GuseBerlin" revolutioniert das Hauptstadt-Fernsehen

Dies eine lässt sich jetzt schon sagen: Wer den Radiosender "Fritz" mag, wird die neue Fernsehshow "GuseBerlin" lieben. Tatsächlich ist die Jugendwelle des Rundfunks Berlin Brandenburg (RBB) die beste, die die Republik derzeit zu bieten hat: witzig, manchmal skurril oder albern, aber gerade deshalb meilenweit vom Mainstream der Hitradios entfernt - und für viele junge Berlinerinnen und Berliner ein Muss. Dass man beim mitunter etwas bieder daherkommenden öffentlich-rechtlichen RBB-Fernsehen nun das Experiment wagt, die Unbeschwerheit von "Fritz" auch ins Bild-Medium zu transponieren, ist beachtenswert - und hat sich schon jetzt gelohnt. Ab heute, 22.45 Uhr, gibt es also "GuseBerlin - Die Show, die niemals schläft" zu sehen.

Konzept nicht vonnöten

Dass es hier kein wirkliches Konzept gibt, lässt sich beim Ansehen einer ganzen Reihe von YouTube-Videos feststellen, die Moderator Chris Guse schon seit einigen Monaten unter diesem Titel produziert hat. Besonders hervorstechend: die Spontaneität des Moderators, die freilich einen Großteil des Charmes der Show ausmacht. Guse selbst, im positivsten Sinne Kind geblieben, verortet seine Sendung irgendwo zwischen "Wayne's World" und der "Muppets Show", beide sieht er nach wie vor gern. Dass er mittlerweile 33 ist, ist nicht seine Schuld. Wenn er sagt, man dürfe die Welt da draußen nicht so ernst nehmen, dann glaubt man ihm das. Ob in Radio oder Fernsehen. Gäbe es diesen Mann nicht, man müsste ihn für diese neue Show erfinden.

Wenn der RBB tatsächlich vor hat, sein Programm ein wenig zu verjüngen und ihm endlich ein wenig Glanz zu verpassen, dann liegt er mit "GuseBerlin" diesmal richtig. Wer heute Abend einschaltet, wird seinen Augen nicht trauen und sich erst einmal bei ProSieben wähnen. Zum Guse-Mix gehört etwa die Frage nach der Tageslichttauglichkeit von Berliner Clubs, investigativer Journalismus in Brandenburg, Videos aus dem Bundestag. Außerdem sieht man dem "Abendschau"-Moderator Uli Zelle beim Denken zu, was schon allein Grund zum Einschalten ist.

"Guse Berlin", das ist eine anarchische Mischung aus Videoschnipseln, Knalleffekten und erfrischend absurden Dialogen zwischen Moderator und Mitstreiterin Su (eigentlich die "Fritz"-Redakteurin Su Holder). Warum das alles? Weil jede Stadt auf der Welt ihre eigene Late-Night-Show hat, nur eben Berlin noch nicht, sagt Guse zur Berliner Morgenpost.

Ach ja, gesendet wird selbstverständlich nicht aus einem herkömmlichen RBB-Studio, sondern direkt aus dem Zuhause des Moderators. Seit nunmehr elf Jahren wohnt Chris Guse samt Bruder und zwei Freunden in einer Kreuzberger Wohngemeinschaft. Welch Glück, dass diese eine Dachterrasse hat, denn diese scheint wie geschaffen für das Experiment, das es allerdings vorerst nur viermal zu sehen geben wird. Der Grund hierfür ist, dass die Gentrifizierung in der Hauptstadt auch vor provisorischen Fernsehstudios nicht Halt macht: Dänische Investoren haben das Haus, in dem sich die WG befindet, gekauft und schon angekündigt, die Miete verdoppeln zu wollen.

Berliner Lebensgefühl einfangen

Erklärtes Ziel von "GuseBerlin" ist es, das Berliner Lebensgefühl zu widerspiegeln, so, wie es wirklich ist", und das "auf eine nette, sympathische, normale Art und Weise", wie Chris Guse es formuliert.

Die Show ist Teil der Programmreform, die sich der schwächelnde RBB verordnet hat und die Anfang dieser Woche in Kraft trat . Jünger und schlagfertiger will der Sender werden, der zu den Quotenschlusslichtern unter den dritten Programmen gehört. Im vergangenen Jahr war der RBB-Marktanteil bundesweit von 6,8 auf 6,1 Prozent gefallen. Doch das Grundproblem bleibt: Die Anstalt muss breitgefächerte Interessen zwischen Berliner Kiez und Brandenburger Land ansprechen.

Nachdem man mit Kurt Krömer ein gutes Gespür für Comedy-Talente aus Berlin bewiesen hat, soll nun auch Chris Guse ein jüngeres Publikum ansprechen. "GuseBerlin" hat das Zeug dazu!

Erste Sendung RBB, heute, 22.45 Uhr