Film

Das fremde Wesen Vater

Fehlende Eltern-Vorbilder und die Pflege von Dementen bestimmen in diesem Jahr die Abschlussfilme deutschsprachiger Filmhochschulen

Die Väter fehlen. Wenn es einen roten Faden gibt bei den Abschlussfilmen deutscher Filmhochschulabsolventen in diesem Jahr, dann ist es dieser. Die Kinder wachsen ohne Väter auf. In "Transpapa" von Sarah Judith Mettke, entstanden an der Filmakademie Ludwigsburg, macht sich eine 13-Jährige auf die Suche nach ihrem Vater, der vor Jahren davonging - und muss erfahren, warum: Weil er inzwischen eine Frau ist. In "Staub auf unseren Herzen" von Hanna Doose, die an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb) studierte, ist ein Mädchen ebenfalls nur bei der Mutter aufgewachsen. Jetzt, da sie 30 und selbst Mutter ist, muss sie lernen, sich von der dominanten, alles unterjochenden Mama zu emanzipieren. Da hilft es auch nicht, dass, nach all den Jahren der Abstinenz, der Vater wieder auftaucht und auf heile Familie machen will.

Im Bett mit meiner Mutter

Einer der merkwürdigsten Abschlussfilme stammt von Jan Speckenbach, ebenfalls dffb: In "Die Vermissten" hat ein Vater sich nie um seine Tochter gekümmert. Als diese eines Tages verschwindet, macht er sich auf die Suche nach ihr - und findet statt ihrer eine ganze Heerschar von Jugendlichen, die von zu Hause ausgerissen sind. Weil sie weg wollen von den Eltern. "Little Thirteen" von Christian Klandt, Absolventin der Konrad Wolf Hochschule Potsdam, handelt von Teenager-Mädchen, die nur Sex haben wollen, weil die Mütter ihnen auch nichts anderes vorleben, ja diese sogar ihre eigenen Freunde verführen. Das bizarrste Familienkonstrukt aber liefert "Dicke Mädchen" von Axel Ranisch. Der, ebenfalls Konrad-Wolf-Schüler, zeigt einen erwachsenen Mann, der sich nicht nur um seine demente Mutter kümmert, sondern buchstäblich Tisch und Bett mit ihr teilt.

First Steps ist der deutsche Nachwuchspreis, mit dem die Branche auf ihre Neuzugänge aufmerksam machen will. Der Preis, im Jahr 2000 von Bernd Eichinger und Nico Hofmann ins Leben gerufen, hat jedes Jahr seinen ganz eigenen Schwerpunkt. Auch wenn das letztlich nur Zufälle sein mögen, irgendwie überrascht es schon, wenn vor zwei Jahren auffallend viele Filme von Gewalt unter Kindern und Jugendlichen handelten und im Vorjahr kleine und große Fluchten aus dem Alltag dominierten. Viele der 30 Beiträge, die in diesem Jahr aus 218 Einreichungen aller deutschsprachigen Filmhochschulen ausgewählt wurden, handeln von fehlenden Vätern und fehlenden Vorbildern.

Devid Striesow spielt grandios und ohne alle Fummel-Klischees seinen zur Frau mutierten Anti-Vater. Und die gerade verstorbene Susanne Lothar ist in ihrem letzten großen Film "Staub" das Muttermonster, das nicht loslassen kann. Aber die jungen Schauspielerinnen, Nachwuchs auch sie, die gegen diese Schauspiel-Titanen anspielen müssen, Stephanie Stremler in "Staub" und Luisa Sappelt in "Transpapa", sind nicht minder einprägsam. Das Thema spiegelt sich selbst im Trick- und Kurzfilm wieder: In Julia Ockers "Kellerkind" etwa, in dem eine Mutter ihr Kind im Keller versteckt. Und im Dokumentarfilm gibt es gleich zwei Beiträge, in denen Söhne ihre Väter porträtieren - und aus dem Staunen nicht herauskommen. Das fremde Wesen Vater: Es scheint, als suchte der Filmnachwuchs damit auch nach ganz eigenen Wegen, filmisch zu erzählen, ohne sich an großen Vorbildern, an Vaterfiguren zu orientieren oder abzuarbeiten. Und es ist spannend zu verfolgen, mit welcher Stilsicherheit sie das tun.

Die Filme, die um den wichtigsten deutschen Nachwuchspreis konkurrieren, haben sich zum Teil schon anderswo bewährt, beim Max-Ophüls-Preis in Saarbrücken, beim Achtung Berlin Festival, bei den Filmfesten in Hof und München. Nun treten sie erstmals direkt gegeneinander an - auch das etwas, was der Nachwuchs, auf den Markt gespült, lernen muss.

Den Finger auf die Wunden legen

Wie in den Vorjahren auch, greifen die Jungregisseure einmal mehr heikle Szenarien auf, um die sich selbst gestandene Profis eher drücken. 2011 etwa war es das aktuelle Thema von Neonazis, das sich im preisgekrönten Werk "Kriegerin" niederschlug. In diesem Jahr ist es das ebenfalls gern tabuisierte Thema Demenz und Pflege von Älteren, das den zweiten großen Schwerpunkt des Filmjahres markiert. "Dicke Mädchen" zählt dazu, aber auch "Die Schaukel des Sargmachers", in dem es dann doch mal einen Vater gibt, der sich um seinen todkranken Sohn kümmern muss. Und der Dokumentarfilm "Leben lassen" zeigt, wie eine Russin einen dementen ehemaligen SS-Mann pflegt. In der Jugend sind die Eltern keine Vorbilder mehr, aber im Alter gilt es, sich um sie zu kümmern.

Das sind Bilder, bei denen man gern wegguckt, weil sie einem unangenehm sind. Kino, das verstehen die meisten Konsumenten immer noch gern als Fluchtmittel von Alltagsproblemen. Es spricht für den Nachwuchs, dass er dieses Spiel nicht mitspielt, sondern die Finger offen auf die Wunden der Gesellschaft legt. Wer am Montag letztlich einen Preis ergattern wird, ist da fast nebensächlich. Bei diesem Nachwuchs kann manch Älterer noch von den Jungen lernen.