Doch, es gibt sie, die Erfolgsformel, wie man einen Oscar gewinnt. Maximilian Schell hat sie errechnet - und verrät sie in seinen Memoiren "Ich fliege über dunkle Täler". Leider aber ist die Formel abhängig von vielen Komponenten, die sein eigenes Leben betreffen - und damit für preislüsterne Kollegen nicht nachahmbar.

Die Oscar-Nominierung zählt fünffach, der zuvor gewonnene Golden Globe auch. Dickes Minus war Käutners "Hamlet"-Film, den er mit Schell hatte drehen wollen, dann aber mit Hardy Krüger besetzte. Das hat Schell schwer getroffen, aber nur so hatte er Zeit für einen amerikanischen Fernsehfilm, der wiederum einen zweiten nach sich zog, "Das Urteil von Nürnberg", der wiederum fürs Kino verfilmt wurde - wieder mit ihm in derselben Rolle. Die hat ihm schließlich 1962 seinen größten Triumph eingebracht. Die "Schell'sche Formel" mit vielen Additionen, Multiplikationen und Subtraktionen hat der Schauspieler einmal einem Mathematiker vorgelegt, der sie amüsiert als "sehr stimmig und schön" analysierte. Sie findet sich nun auf Seite 236 seiner gerade erschienenen Memoiren (Hoffmann und Campe, 320 Seiten, 24,99 Euro).

Eigentlich wollte der Weltstar eine ganz normale Autobiographie schreiben wie so viele auch. Doch schon bald stockte er und ließ er die Arbeit ruhen, bereute es gar, sie begonnen zu haben. Bis er beschloss, sein Leben anhand von Autographen zu erzählen. Eine Autobiographie per Autographen. Nun weiß nicht jeder, was das ist, und es spricht für den gebürtigen Österreicher, der in der Schweiz aufwuchs und weithin als deutscher Schauspieler verstanden wird, dass er seinem Leser gleich erklärt: Autographen sind Notizen, Widmungen, Poeme, Zeichnungen. Also Zeugnisse von Begebenheiten und Augenblicken. Und die hat Schell ein ganzes Leben lang (und er ist immerhin 81!) gesammelt.

Ein wahrer Sammelwütiger

Man darf sich den alten Herrn als wahren Sammelwütigen vorstellen, der einfach nichts wegschmeißen kann. Sicher gibt es dafür auch eine psychologische Bezeichnung. Jedenfalls lagern in seiner berühmten Alm noch 150 Kisten aus drei Wohnungen. Da wundert man sich fast, dass der Band so schmal geworden ist. Ein Weltstar packt aus, könnte man nun schön reißerisch festhalten. Wobei seine Erinnerung eher von nostalgischer Wehmut und, das darf man wohl schon sagen, Altersmilde geprägt ist.

Beherzt wirft Schell dabei alle Chronologenpflicht über Bord und springt von einem zum anderen, von seiner Kindheit (bei der er all seinen Lehrern, die natürlich keiner mehr kennt, Noten gibt) nach Hollywood, von Salzburg, wo er jahrelang den "Jedermann" spielte, zu seiner berühmten Kunstsammlung, die er am Ende auflösen musste, um seine hochverschuldete und bereits geistig verwirrte Schwester - die nicht minder berühmten Maria Schell - zu sanieren. Von der Schwester ist, außer an dieser Stelle, nie die Rede. Sicher: Über Maria Schell hat er schon vor zehn Jahren einen Dokumentarfilm gedreht, "Meine Schwester Maria", begleitend erschien schon damals ein Buch. Das setzt er wohl als gelesen voraus. Dass nicht ein Kapitel über Maria vorkommt, überrascht dennoch.

Viel lieber erinnert sich Maximilian Schell, wie er als Hollywood-Frischling just bei den Dreharbeiten zum "Urteil von Nürnberg" auf Judy Garland traf. Laut Drehbuch sollte er sie zur Minna machen, konnte es aber nicht: Sie war doch die große Garland. Und sie feuerte ihn an: "Seien Sie gemein zu mir! Mehr. Noch mehr." Zum Dank schickte sie ihm Blumen. Und ein Kärtchen: "Danke, dass Sie so gemein zu mir waren." Ein klassisches Autograph. Nur dass Herr Schell gerade dieses in seinen Kisten nicht mehr wiederfindet.

Erhalten dagegen ist der Dankesbrief von Marlene Dietrich. Auch sie hat er beim "Urteil von Nürnberg" kennengelernt. Plötzlich stand sie in seinem Hotelzimmer. Unangemeldet. Mit selbst gekochtem Eintopf. Schell war geniert, schickte sich das?, sprach aber den ganzen Abend mit ihr, auf Deutsch. Auch um sie einzulullen, um nicht den Eintopf essen zu müssen. Eintöpfe kann er nicht ausstehen.

Marlene hat getobt

20 Jahre später hat er auch über sie eine legendäre Doku gedreht, "Marlene". Legendär, weil sie alles erzählte, ihm aber verbot, sie als alte Frau zu filmen. Schell ließ danach ihre ganze Wohnung im Studio nachbauen und die Kamera durch sie gleiten, während man ihre Stimme hört. Die Dietrich soll getobt haben, aber als der Film für einen Oscar nominiert wurde, schrieb sie ihm einen flammenden Brief. Marlon Brando, mit dem er 1958 "Die jungen Löwen" drehte, wollte ihm einmal ein Mädchen besorgen, doch weil keines aufzutreiben war, philosophierten die beiden die ganze Nacht. Am Ende schenkte Brando ihm ein Buch. Mit der Widmung: "Vielleicht ist Denken besser als Ficken."

Auf diese Weise werden all seine Geschichten aufgerollt und die Erinnerung aktiviert. Mit Memoiren hat das herzlich wenig zu tun, aber das kann ja auch mal ganz erfrischen sein. Es ist, natürlich, eine sehr filmische Art zu erzählen. Erst die Großaufnahme, dann die Sequenz, die sie erklärt. Man kann nur hoffen, dass Maximilian Schell auch seine anderen Kisten noch öffnet. Da scheinen noch einige Anekdoten darauf zu warten, erzählt zu werden. Und vielleicht findet sich ja auch Judy Garlands Dankeskärtchen wieder.