Fahrradkultur

Eine Frage der Evolution

Buchautorin Bettina Hartz erklärt den natürlichen Feind des Radfahrers

Bettina Hartz ist mit der Bahn gekommen. Und das, obwohl die Autorin sonst mit ihrem Fahrrad verwachsen zu sein scheint. Jedenfalls drängt sich dieser Gedanke beim Lesen ihres Buches "Auf dem Rad" auf. Aber die Strecke vom Wohnort am Stadtrand zum Bahnhof Friedrichstraße war ihr doch zu weit. Zweifellos polarisiert das Thema Radfahren die städtischen Gemüter. Beim Feindbild "Kampfradler" verbünden sich plötzlich Fußgänger und Autofahrer. Verkehrsminister Peter Ramsauer sprach kürzlich von "kriegsähnlichen Zuständen" auf Deutschlands Straßen und einer verrohten Fahrradkultur. "Der natürliche Feind des Fahrradfahrers ist die Verkehrspolitik", sagt Hartz und kreidet die Bedingungen für Radfahrer im öffentlichen Verkehr an. Man dürfe aber nicht die Autofahrer bestrafen, man müsse die Situation für Radfahrer verbessern. "Berlin will ja jetzt Fahrradstadt werden. Aber man guckt nur, wo man eine Linksabbiegerspur mehr machen kann. Das reicht nicht. Da muss man größer denken." Es gäbe bereits gut funktionierende Radfahrerstädte in Deutschland, Leipzig oder Dresden. Auch München. Aber generell sei Deutschland keine Rad-Nation. Das hänge auch mit der starken Autoindustrie zusammen.

"Die Holländer sind die einzige Nation, die es geschafft hat, einem Fahrradtyp ihren Namen zu geben." Mentalitätsunterschiede fangen schon bei Nachbarländern an. Und wenn es erst um ganze Kulturkreise geht, dann sieht die Sache noch dramatischer aus. In der islamischen Welt zum Beispiel gibt es viele Vorbehalte gegen das Fahrradfahren. "Bei einigen Muslimen gilt das Radfahren für Mädchen als unzüchtig." Doch vor rund hundert Jahren gab es in Deutschland die gleichen Debatten, so Hartz. "Ewig lang hat man über die Kleidung der Frau diskutiert." Denn Frauen haben schließlich begonnen, Hosen zu tragen, damit sich die Rockzipfel nicht in den Speichen oder der Kette verheddern. "Manche behaupten, nichts hätte so sehr zur Emanzipation der Frau beigetragen wie das Fahrradfahren". Radeln als feministischer Diskurs.

Das Radfahren wurde für Bettina Hartz zur Lebensphilosophie. "In meinem Freundeskreis haben achtzig Prozent kein Handy, Fernseher sowieso nicht und Vegetarier sind nahezu alle", sagt sie. Der Untertitel des Buches verdeutlicht, worum es geht: "Eine Frage der Haltung". Auch wenn das Wort keiner mehr hören kann, "Entschleunigung" ist ein Leitmotiv jener zweihundert Seiten starken Abhandlung.

Begonnen hat jene "Entschleunigung", noch bevor es eine "Beschleunigung" gab. Fast zweihundert Jahre ist es jetzt her, dass sich der Mensch - so schreibt es Hartz in ihrem Buch - zum Esel gemacht hat. Nämlich in dem Moment, als er zum ersten Mal in Gestalt des Mannheimers Karl Drais im Jahr 1817 auf ein Laufrad steigt und mit eigener Muskelkraft das Vorwärtskommen auf einer Maschine selbst zustande bringt. Fortan war kein Vieh, ob Pferd oder Esel, mehr nötig, eine neue Form autonomer Mobilität war entstanden. Bettina Hartz hat nicht weniger als eine Kulturgeschichte des Fahrradfahrens geschrieben.

In ihrem Buch fährt sie die kulturgeschichtlichen Etappen des Fahrradfahrens ab. Von Prousts "Recherche" über Notizen von Mark Twain bis zu Vittoria de Sicas "Der Garten der Finzi Contini". Natürlich ist die Erfindung des Rades, dieses Freiheitsversprechens, nicht die größte Errungenschaft der Menschheitsgeschichte, sagt Bettina Hartz. Das wäre eher das Penicillin. Die Autorin erzählt von ihrem Wunsch, demnächst eine Radfahrt am Meer zu unternehmen, der Ostsee etwa. Oder einmal rund um Sizilien zu kurven, das wäre auch etwas. In Berlin empfehle sie jedem den Tiergarten. Am Schiffbauerdamm braust just in dem Moment geisterhaft eine Staffel Segways vorbei. Ein evolutionärer Rückfall? Auf jeden Fall das Gegenkonzept zum aktiven Radfahren, für das Bettina Hartz steht.