Amnesie, das tut freilich auch einer Stadt gut, die allzu oft als Filmkulisse gedient hat, die, wie man so sagt, "ausverfilmt" ist. In "Unknown Identity" stürzt Liam Neeson als US-Wissenschaftler Martin Harris mit einem Taxi in die Spree. Nach vier Tagen Koma weiß er zunächst nicht, wer er ist. Und als er es weiß und ins Hotel Adlon zu seiner Frau eilt, da weiß diese nicht, wer er ist. Schlimmer noch: Sie hat einen anderen Mann an ihrer Seite, der sich als Harris ausgibt. Es ist der klassische Hitchcock-Stoff von einem Mann, dem keiner glaubt und der seine Unschuld gegen alle Widerstände beweisen muss. Dabei wird Neeson bald von brutalen Killern verfolgt, Leichen pflastern seinen Irrweg durch Berlin. Hilfe findet er nur bei der Taxifahrerin (Diane Krüger), die ihm das Leben gerettet hat.
Seit Christoph Fisser und Carl Woebcken das Studio Babelsberg zum größten Studiokomplex Europas ausgebaut haben, konnten viele internationale Produktionen für den Standort gewonnen werden. Dabei spielt Berlin selbst nicht immer eine so zentrale Rolle wie in "Operation: Walküre"; sie dient oft auch als bloße Kulisse für Actionfilme wie "Die Bourne-Verschwörung" und "The International" oder als fiktive Metropole wie in "Aeon Flux".
In "Unknown Identity" darf es hier einmal krachen wie sonst nur in US-Produktionen: gleich zu Beginn bei dem spektakulären Verkehrsunfall auf der Oberbaumbrücke, bei der rasanten Verfolgungsjagd durch die Friedrichstraße oder dem Bombenanschlag im Hotel Adlon. Dass dabei zuweilen Wege zurückgelegt werden, die vom Stadtplan her widersinnig wirken, ist eine Eigenart von Stadtfilmen, die man nicht nur aus "Lola rennt" kennt, sondern auch aus jedem New-York-Film. Das Kino kennt keine Topographie, stets siegt Location über Logik.
Und doch macht Berlin auch in diesem reinen B-Movie eine mehr als gute Figur. Das Drehteam mag beliebig zusammengewürfelt wirken, ein spanischer Regisseur, ein Hollywood-Produzent, ein britischer Haupt- und deutsche Nebendarsteller. Aber dass der Film nicht wie sein zugrunde liegender Roman "Hors de moi" in Paris spielt, sondern nach Berlin verlegt wurde, macht tieferen Sinn. Geht es in "Unknown Identity" doch permanent um die Frage der Identität.
Alle Hauptfiguren sind Entwurzelte auf der Suche nach sich selbst: der Amerikaner ohne Gedächtnis, die Taxifahrerin ohne Aufenthaltsgenehmigung, der Ex-Stasimann (Bruno Ganz) ohne Funktion. Dazu passt die einstige Frontstadt, deren historische Narben offen liegen und die ihre neue Rolle in einer globalisierten Welt gerade erst findet. Diese Offenheit macht Berlin so faszinierend für ausländische Filmemacher. Und so ideal für einen Thriller über Identitätssuche.

