Oscar-Verleihung

Schweigen ist Gold

Es hätte ja durchaus ganz anders kommen können. Die Filmacademy in Hollywood, jener ominöse Geheimbund, der über die Oscars entscheidet, ist nicht eben für Mut bekannt. Man erinnere sich nur an "Brokeback Mountain". Der Schwulenwestern hatte so ziemlich jeden Filmpreis eingesteckt, den es auf der Welt gibt. Aber ein Oscar für den besten Film?

Da hat die Academy dann doch gekniffen. Und am Ende "L.A. Crash" ausgezeichnet, eine Verlegenheitslösung. Dasselbe hätte sich auch diesmal ereignen können. "The Artist" hat, seit seiner Premiere in Cannes im vergangenen Mai, eine einzigartige Preistour hingelegt, zuletzt noch, kurz vor der Oscar-Nacht, mit vier Independent Spirit Awards in Kalifornien und sechs Césars in der französischen Heimat. Aber den Haupt-Oscar für einen Stummfilm?

Hollywood steckt in der Krise

Aber ja, die Academy hat sich getraut. Schweigen ist Gold: "The Artist" ist tatsächlich der erste Stummfilm seit 83 Jahren, der in der Königskategorie obsiegt hat; und der zweite überhaupt. Der erste war "Wings"; und das war 1929, bei der allerersten Oscar-Verleihung. Ein französisches Werk aber als Bester Film: Das hat es überhaupt noch nie gegeben. Es gab schon mal einen Oscar für Marion Cotillard als Piaf in "La vie en rose", ein Film, wie er französischer nicht sein könnte, oder auch mal eine Drehbuch-Nominierung für einen iranischen Filmemacher (Ashgar Farhadi in diesem Jahr). Aber der Beste Film, der hatte selbstverständlich in englischer Sprache zu sein. Das schafften außer amerikanischen also maximal britische ("Gandhi", "King's Speech") oder australische Produktionen ("Herr der Ringe - Die Rückkehr des Königs").

Nun aber ist es passiert. Und keine Frage warum: Weil auch er nicht fremdsprachig ist, sondern eben stumm. Die Akademiker hatten aber noch mehr Mut: Sie zogen nicht nur bei der Regie Michel Hazanavicius - dessen Name in den USA kein Mensch aussprechen kann - heimischen Größen wie Martin Scorsese oder Woody Allen vor. Jean Dujardin, einen Mann, den hier vor Filmstart kein Mensch kannte, siegte auch noch gegen George Clooney und Brad Pitt.

An dieser Stelle sei noch einmal daran erinnert, wer über die begehrten Filmtrophäen abstimmen darf. Akademiker werden auf Lebenszeit berufen, ein Großteil von ihnen lebt längst im Seniorenheim, der Altersdurchschnitt soll bei 62 liegen. Da geht man Experimente eher ungern ein, setzt lieber auf Nummer Sicher. Dass einmal nicht die nationale, ja nicht einmal die Weltsprachekarte gezückt wurde, das darf man mit Fug und Recht als Sensation, als Zeitenwende betrachten.

Und doch erklärt dieser Altersdurchschnitt auch die radikale Wahl. Der Oscar 2012 war ja vor allem ein Duell zwischen "Hugo Cabret" und "The Artist". Ironischerweise huldigten beide dem Steinzeitkino: der Amerikaner Martin Scorsese dem französischen Pionier Lumière, der Franzose Hazanavicius der Hollywood-Stummfilmära. Doch Scorsese tat es mit all den Überwältigungsmechanismen des Blockbuster-Kinos: mit gigantischen Bauten, Schnitt, Schnitt, Schnitt, Special Effects und, vor allem, 3 D. Hazanavicius war das genaue Kontrastprogramm: Er imitierte den Bilderstil der Zwanziger, mit Schwarzweißbildern, 3:4-Format, Weichzeichner. Zunächst sah es so aus, als ob Scorsese das Rennen machte. Anfangs gewann sein "Hugo" einen Oscar nach dem anderen, aber zur Halbzeit wendete sich das Blatt. Am Ende stand es 5:5, aber fünf Hauptkategorien gegen fünf Trostpreise. Scorsese steht, wie so oft bei Oscars, als Verlierer da.

Der größte Verlierer aber ist Hollywood selbst. Im letzten Quartal 2011 wurden hier 26 Prozent weniger Filme gedreht als im Vorjahr. Hollywood steckt in der Krise. Nun darf sich die Traumfabrik zwar geschmeichelt fühlen, wenn ein Franzose sein eigenes Erbe mit so viel Aufwand imitiert, kopiert, reanimiert. Und es ist nicht ohne Ironie, dass "The Artist" der einzige der nominierten Filme ist, der komplett vor Ort gedreht wurde. Aber dieser Stummfilm lässt die Studioriesen eben auch alt aussehen. Weil ihre aktuellen Produktionen dagegen verblassen. Einige Studiobosse könnten jetzt ziemlich schlucken. Andere werden die Konvertierung alter 2-D-Werke auf Dreidimensionalität nun vielleicht doch nicht auf jeden ehemaligen Kassenhit ausweiten. Sie könnten sogar zu der Erkenntnis kommen, dass es sich lohnen würde, mehr in innovative Projekte als in bloße Vermarktung zu investieren.

Die Academy darf stolz sein auf ihre Wahl. Nicht nur, was den Mut gegenüber dem französischen Kino angeht. Mit Octavia Spencer als bester Nebendarstellerin und Ehren-Oscars für James Earl Jones und Oprah Winfrey gingen gleich drei Auszeichnungen an Schwarze. Die sind in der Academy mit gerade mal zwei Prozent zwar noch immer schmählich unterrepräsentiert, die Hautfarbenblindheit wird aber immer selbstverständlicher. Darüber hinaus siegte Christopher Plummer mit 82 Jahren als bester Nebendarsteller - und ist damit der Älteste, der je mit einem Oscar ausgezeichnet wurde. Auch Meryl Streep gewann gegen deutlich jüngere Mitstreiterinnen. Auch das mag ein Signal an die Studios sein: Beendet den Jugendwahn. Filme muss man nicht nur für pubertierendes Popcorn-Publikum produzieren. Das Totschlag-Argument, alte Leute, das wolle keiner sehen, ist in dieser Nacht in aller Stille verpufft.

Wirklich der beste Film

Auch in der Sparte Fremdsprachiger Film wurde richtig und mutig entschieden. Ashgar Farhadis "Nader und Simin" hat ebenfalls einen spektakulären Siegeszug hinter sich. Angefangen mit dem Leserpreis der Berliner Morgenpost auf der Berlinale 2011 und einem wahren Bärenregen, hat das Gesellschaftsdrama weltweit 30 Preise eingefahren. Die Academy hat den wirklich besten Film ausgezeichnet. Und in Zeiten der politischen Krise und der Angst vor einer iranischen Atommacht auch ein Zeichen gesetzt: Dass man an einen anderen, besseren Iran glaubt.

Ja, die Academy darf in diesem Jahr stolz auf sich sein. Dass die Verleihung eine der langweiligsten seit Jahren war, mag man da billigend in Kauf nehmen.