Was er gar nicht gerne hört. Es ist vielleicht auch nicht hilfreich, wenn man Fassbender heißt und in Deutschland geboren wurde. Michael Fassbender ist zwar in Irland aufgewachsen und sein Deutsch kommt über ein paar Bröckchen nicht hinweg, aber auch er wird immer wieder gefragt, ob er nicht irgendwie mit Rainer Werner Fassbi nder verwandt sei. Was er auch schon nicht mehr hören kann.
Nicht, dass McQueen und Fassbender deshalb Brüder im Geiste wären. Als sie sich das erste Mal trafen, ahnten wohl beide noch nicht, welche Klischees sie dermaleinst zu hören bekommen würden. Sie ahnten aber bei diesem ersten Casting schon beide, dass sie unbedingt miteinander arbeiten mussten. Und diese Energie hat sich nach dem ersten Film keineswegs erschöpft. "Hunger", das Drama über den Hungerstreik von Bobby Sands und anderen IRA-Häftlingen, war 2008 für beide das Sprungbrett. Fassbender, bis dahin ein eher erfolgloser Fernsehdarsteller, der schon kurz davor war, seinen Beruf aufzugeben, leistete darin eine physische Tour de Force , hungerte sich auf unter 60 Kilo herab und spielte sich mit einer gespenstischen Performance nachhaltig in Erinnerung. Quentin Tarantino besetzte ihn daraufhin für "Inglourious Basterds". Und auch McQueen, Turner-Preisträger von 1999, gelang damit ein fulminanter Medienwechsel hin zum Kino, wie das unter Bildenden Künstlern bisher nur Julian Schnabel oder Shirin Neshat absolvierten.
In "Shame", der morgen in die Kinos kommt, haben McQueen und Fassbender erneut zusammengearbeitet. Und auch dieser Film ist ein einziger körperlicher Kraftakt. Fassbender spielt darin einen Sexsüchtigen, der von seinen Gelüsten, seinem Hunger, seiner Lust diktiert wird. Einer, der schon morgens unter der Dusche masturbiert (für Kevin Spacey war das in "American Beauty" bereits der "Höhepunkt des Tages") und im Büro gleich noch einmal. Der sich permanent durch Sex-Websites klickt, One-Night-Stands aufreißt, Prostituierte bestellt oder einen schnellen Fix in Hinterhöfen absolviert. Einer, der nach außen hin den kühlen New Yorker Geschäftsmann gibt und doch immerzu ein Gehetzter und Getriebener ist auf der Suche nach permanenter Befriedigung. Einer, der nur eines nicht kann: sich ernsthaft auf andere Menschen einlassen, eine Nähe aufzubauen, die über den sexuellen Akt hinauskäme.
Es muss einiges schief gelaufen sein in seiner Kindheit. Denn irgendwann steht seine Schwester (Carey Mulligan) vor der Tür, auch sie klar beziehungsgestört, aber auf ganz andere Art. Sie klammert, aus Angst, allein zu bleiben. Sie sucht allzu sehr die Nähe, die der Bruder flieht. Die Narben auf ihrem Unterarm sprechen Bände. Diese Schwester nistet sich bei ihrem Bruder ein, der fühlt sich buchstäblich in seinem Intimbereich verletzt (denn in seine Wohnung lässt er höchstens die Prostituierten, nicht mal die Affären). Und es kommt, was kommen muss: Die Geschwister, so ähnlich in ihrer Verpanzerung, so grundverschieden in deren Kompensation, geraten heftig aneinander.
Zwischen "Hunger" und "Shame" lassen sich durchaus Verbindungen herstellen. Nicht nur, dass in beiden Filmen der Körper selbst das Geschehen diktiert. "Hunger" handelte von einem Mann ohne Freiheit, der seinen Körper als politisches Mittel einsetzt und so seine eigene Freiheit gewinnt. In "Shame" geht es um einen Mann, der, so der Regisseur, "alle Freiheiten hat, dem sein Sexhunger aber zum Gefängnis wird." McQueen fängt diese Selbsthaft in atemberaubend atmosphärischen Bildern ein, die dennoch nie voyeuristisch ausgestellt oder gar spekulativ ausgeschlachtet werden. Er stürzt seinen Protagonisten allerdings am Ende in einen wahren Sex-Irrlauf, nur um nicht an seine Schwester denken zu müssen, um ihre Hilferufe überhören zu können.
"Shame" hat Fassbender, inzwischen ein erfolgreicher Schauspieler, auf den Filmfestspielen von Venedig den Darsteller-Preis eingebracht. Viele haben ihm dafür schon einen Oscar prophezeit, den Globe aber hat er gegen George Clooney verloren und für den Oscar ist er nicht mal nominiert. Die Amerikaner sind wohl zu prüde für einen solchen Film. An der Zusammenarbeit zwischen McQueen und Fassbender ändert dies freilich nichts. Nächstes Jahr werden sie ihren dritten gemeinsamen Film drehen: die Bestsellerverfilmung "12 Years a Slave". Dass es wieder eine körperliche Kraftanstrengung wird, davon darf man ausgehen.

