Das sagt einer, der es wissen muss: Nico Hofmann hat einst als Regisseur für Eichinger gearbeitet - und ist heute ein ähnlich besessener Film- und Fernsehproduzent ("Der Tunnel", "Die Flucht"). Mit Nico Hofmann sprachen Matthias Wulff und Peter Zander.

Berliner Morgenpost: Morgen jährt sich der erste Todestag von Bernd Eichinger. Was haben Sie an ihm am meisten geschätzt?

Nico Hofmann: Bernd war ein komplett angstfreier Mensch. Er hatte ein ganz klares Bewusstsein, wie er mit Film umgeht. Und Bernd war jemand, der die ganze Klaviatur beherrscht hat wie kaum ein anderer, alle rhythmischen Ebenen, die der Film hat - ob Schnitt, Musik, Drehbuch, Schauspielerei. Gepaart mit seiner unbändigen Energie, das war einfach einzigartig. Bei ihm gab es niemals die Formulierung "Es geht nicht". Das war bei Bernd Eichinger ausgeschlossen; es musste gehen. Und es ging dann auch irgendwie immer.

Berliner Morgenpost: Das kann man auch nicht lernen? Die Besessenheit muss man haben?

Nico Hofmann: Was du lernen kannst, ist die handwerkliche Genauigkeit. Aber das Seismographische, die Sensibilität, die ihm eigen war, die Genauigkeit, die Dinge auf den Punkt zu bringen, auch zu radikalisieren in der Entscheidungsfindung, Dinge nie in der Mitte stehen zu lassen - nein, dieses Unabdingbare, das kann man nicht lernen. Der Rest ist Talent.

Berliner Morgenpost: Die Filmkritik bedauerte immer die armen Regisseure, die unter Eichinger zu leiden hatten, weil ihre Filme unter seinen Fittichen immer ganz untypisch wurden. Die Regisseure selber aber haben von Eichinger immer geschwärmt, ob Tom Tykwer oder Oskar Roehler.

Nico Hofmann: Wenn ein Künstler von Format mit Bernd gearbeitet hat, dann war das eine Auseinandersetzung auf gleichem Parkett. Und eine befruchtende Erfahrung. Keine Frage: Bei schwächeren Regisseuren, die keine so ausgeprägte Geschmackssicherheit mitbrachten, konnte man davon ausgehen, dass er irgendwann das Zepter übernimmt. Ich will mich nicht mit Bernd vergleichen, aber das habe ich von ihm gelernt: ich will die kreative Auseinandersetzung.

Berliner Morgenpost: Eine Zeitung hat nach Eichingers Tod getitelt: Der deutsche Film ist tot. Jetzt; nach einem Jahr: Spürt man die Lücke noch?

Nico Hofmann: Die Lücke spürt man wirklich. Weil er als Mentor und auch als Dialogpartner fehlt. Er war ein enormer Vernetzer von Menschen. Er hat mich vor ein paar Jahren etwa überredet, den Deutschen Filmpreis als künstlerischer Leiter zu übernehmen. Da hat er im Borchardt so lange auf mich eingeredet, unter heftigster Einwirkung von Alkohol, bis ich morgens um drei zugesagt habe. Weil ich sonst nie mehr ins Bett gekommen wäre.

Berliner Morgenpost: Fürs Feuilleton war Eichinger eine Reizfigur, an der man sich reiben konnte: zu kommerziell, zu einfach, zu bombastisch.

Nico Hofmann: Ein großer Trost ist ja, dass Bernd Eichinger am Ende vor Deutschen Filmakademie die Auszeichnung für sein Lebenswerk bekommen hat. Das war für ihn die große Versöhnung mit der ganzen Branche. Natürlich hat Bernd auch polarisiert. Aber auch deshalb, weil er eine so einzigartige Stellung hatte. Weil er lange der einzige war, der immer den Spagat zum Publikum wollte - zu einer Zeit, als das beim deutschen Film geradezu verpönt war.

Berliner Morgenpost: Eichinger galt als Workaholic. Sie gelten auch als solcher. Hat sein Tod Ihnen zu denken gegeben?

Nico Hofmann: Die Erkenntnis hatte ich vorher schon. Wenn es etwas Schönes gibt am Tod vom Bernd, dann ist es der Gedanke, dass er sich so seinen Tod wohl vorgestellt hat. Bernd konnte man sich nicht krank oder im Ruhestand ausdenken, sondern nur energetisch, im Vollbesitz seiner Energie. Hätte man ihn gefragt, wie er am liebsten sterben würde, hätte er wohl gesagt, er würde am liebsten in Los Angeles am Filmset umfallen. Ein Warnschuss für mich selbst waren eher Erlebnisse davor. Ich hatte vor drei Jahren ja einen regelrechten Burn-Out, wo ich merkte, du kannst nicht auf Dauer auf dieser High-Speed-Energie arbeiten, da stößt man irgendwann an seine Grenzen.

Berliner Morgenpost: Wir stehen kurz vor der Berlinale. Das Filmfest wird vom Publikum angenommen, aber von der Kritik ist immer wieder zu hören, Cannes und Venedig seien besser.

Nico Hofmann: Ach, das ist doch immer die Bilanz nach einem Festival. Die Kritiken werden am Ende von Cannes oder Venedig auch immer wieder relativiert. Die richtige Fragestellung wäre doch, welche großen Tendenzen im Weltkino hat Berlin entdeckt. Und ich sage mal: Die ganze Entdeckung des osteuropäischen Kinos, Jiri Menzel und Milos Forman, der Prager Frühling, die Öffnung des Ostens, der chinesische Film: Das alles hat sich hier, auf der Berlinale, widergespiegelt und nicht in Cannes oder Venedig. Und ich bin ein wirklicher Anhänger von Dieter Kosslick und kann die Mäkelei an ihm wirklich nicht verstehen. Er hat die Berlinale erstens zu einem unglaublichen Publikumsfestival gemacht, polyglotter und weltoffener, als sie je war, und er hat sich zweitens enorm für den deutschen Film eingesetzt.

Berliner Morgenpost: Stimmt das wirklich, dass die gesamte Film- und Fernsehproduktion in Deutschland für zwei Wochen zum Erliegen kommt, weil alle auf der Berlinale sind?

Nico Hofmann: Das ist wirklich so. Während dieser Zeit steht die Branche komplett still. Daran kann man aber auch die Bedeutung des Festivals festmachen. Nicht nur für die Branche, auch für den Markt, was hier an Verkäufen getätigt wird Jahr für Jahr, die Steigerungszahlen sind unglaublich. Für die hiesigen Filmemacher ist Berlin und die Berlinale extrem wichtig. Ich persönlich finde es allerdings auch ein bisschen anstrengend, bei zehn Tagen kann man irgendwann nicht mehr.