Fernsehen

Aufregung in der ARD: Stasi-Spitzel spielt Stasi-Offizier

Der Titel war so passend gewählt. Wie passend freilich, das ahnten die Filmemacher nicht. Engagiert und kämpferisch wollte sich die ARD zeigen, als sie, just zum Jahrestag des Mauerfalls, "Es ist nicht vorbei" zeigte.

Ein Drama über eine ehemalige politische Gefangene im Frauengefängnis Hoheneck, ein Drama über ein dunkles DDR-Kapitel, das die Wunden der Vergangenheit aufarbeitet. Und dann das: Just in dieser herausragenden SWR-Produktion spielt ausgerechnet ein ehemaliger Stasi-Spitzel einen Stasi-Offizier.

Ernst-Georg Schwill ist dem Publikum wohlbekannt. Der 72-Jährige hat in Klassikern wie "Berlin - Ecke Schönhauser" mitgespielt und in jüngeren Erfolgen wie "Good Bye, Lenin!". Im "Tatort" spielt er darüber hinaus seit 1999 den Assistenten des Berliner Kommissar-Duos. Doch vor fünfeinhalb Jahren enttarnte ihn die Birthler-Behörde als Inoffiziellen Mitarbeiter der Stasi. Von 1964 bis 1973 soll er unter dem Decknamen Jacob für sie tätig gewesen sein. Ein echter Stasi-Spitzel spielt einen solchen - und bekommt dafür auch noch Gage. Schon spricht die "Bild" von einem "ARD-Skandal".

Der Schauspieler war gestern für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. In der ARD soll man dagegen ernsthaft darüber diskutiert haben, den Film kurzfristig abzusetzen. Was in jeder Hinsicht ein falsches Signal gewesen wäre. Stattdessen drückt man nun sein Bedauern aus. SWR-Intendant Peter Boudgoust spricht von einer "schwer verdaulichen Nachricht". "Ich habe im Vorfeld der Dreharbeiten von Herrn Schwills Vergangenheit nichts gewusst", beteuert Michael Lehmann, Geschäftsführer der Studio Berlin Filmproduktion, "ansonsten hätte ich ihn nicht besetzt." Den Vorfall "bedauern wir sehr", betont auch ARD-Programmdirektor Volker Herres: "Gleichwohl geben wir zu bedenken, dass seine Stasi-Vergangenheit fast 40 Jahre zurückliegt und einer humanistisch geprägten Gesellschaft wie der unsrigen auch christliche Werte wie Vergebung innewohnen."

Kristin Derfler, die als Drehbuchautorin vier Jahre an dem Projekt gearbeitet hat, kann nicht fassen, wie jemand mit einer solchen Vergangenheit eine derartige Rolle annehmen kann. "Aber", tröstet sie sich, "genau darum geht es ja in unserem Film. Es gilt, die Wahrheit auszuhalten, die eben auch die eigenen Reihen nicht verschont." Am meisten erregt sie indes, wieso die Diskussion sich an einem kleinen Fisch wie Schwill entzünde: Da gebe es doch ganz andere Kaliber, an die sich aber keiner heranwage.