Kino

Nina Hoss im falschen Film

| Lesedauer: 6 Minuten
Peter Zander

Alles auf Anfang. So lautet eine Regieanweisung, wenn bei Dreharbeiten eine Filmaufnahme wiederholt werden muss. Und weil dort dauernd Szenen wiederholt werden, ist diese Anweisung in der Branche ein geflügeltes Wort. So geflügelt, dass sie sich immer mal wieder den Spaß macht, ganze Filme nach diesem Prinzip aufzubauen.

So wacht Bill Murray in "Und täglich grüßt das Murmeltier" stets am selben Morgen auf, muss Adam Sandler in "50 erste Dates" wieder und wieder das Herz von Drew Barrymore erobern und Franka Potente in "Lola rennt" drei Mal durch Berlin hetzen. Nun steckt auch Nina Hoss in der Zeitschlaufe - in "Fenster zum Sommer", der heute in unsere Kinos kommt, wacht sie wie Bill Murray auf und erlebt ein Dauer-Déjà-Vu.

Finnland ist das neue Italien

Gerade noch hat Juliane (Hoss) den Sommer ihres Lebens verbracht: mit einer neuen Liebe, an ihrem Lieblingsort, der finnischen Heimat ihres Vaters, in der nicht enden wollenden Mittsommersonne des Nordes. Selig schlummert sie in den Armen ihres Geliebten ein. Und wacht in ihrer alten Wohnung auf, im winterkalten, neblig-trüben Berlin, neben ihrem Exfreund, von dem sie sich gerade erst schmerzlich getrennt hat. Ihr Neuer erkennt sie nicht, dafür trifft sie in der Tram ihre beste Freundin (Fritzi Haberlandt), die doch bei einem schrecklichen Unfall ums Leben kam. Nach und nach begreift Juliane, dass sie um ein halbes Jahr zurückgeworfen wurde. Sie weiß also immer schon, was als nächstes passiert. Ihr graut davor, alles noch einmal erleben zu müssen. Gleichzeitig hat sie Angst davor, dass sie ihren Traummann August (Matthias Waschke), den sie doch gerade erst - also eben noch nicht - kennenlernte, schon wieder verloren hat.

Dieser Rücksturz in die Vergangenheit wird nie erklärt. Er bleibt ein fantastisches Element in einem ansonsten völlig fantasy-freien Raum. Und das macht den Reiz dieses Dramas von Hendrik Handloegten aus. Der Regisseur sprang schon in seinen früheren Filmen "Paul Is Dead" und "Liegen lernen" in die Vergangenheit. Beide spielten in den 80er Jahren, seiner Jugend, blieben aber in ihrer Zeit kohärent. In seinem dritten Werk, das auf einem Roman von Hannelore Valencak basiert, fällt seine Protagonistin dagegen aus der Zeit. Man muss dieses Experiment schon mitmachen, muss sich darauf einlassen. Dann aber wird es zu einem faszinierenden Was-wäre-wenn-Spiel.

Der Wiederholungshorror aus Murrays "Murmeltier" bleibt dabei auf die erste halbe Stunde beschränkt. Dann aber vertraut sich Juliane dem einzigen an, dem man sich in so einer Situation vielleicht anvertrauen kann. Keinem Erwachsenen, der würde einen für verrückt erklären. Sondern einem Kind, dem Sohn ihrer Freundin, dem sie das als Gute-Nacht-Geschichte erzählt. Und der kontert mit verblüffender Naivität: Man muss ja nicht das ganze halbe Jahr nachsitzen, man kann ja alles anders machen.

Diesen Rat hat wohl auch der Regisseur beherzigt. Seit den ersten Vertretern der Toscana-Fraktion, den Herren Goethe & Winckelmann, ist ja eher Italien unser Sehnsuchtsland, drängt es den Deutschen nach Süden, um sein Herz zu öffnen. Es ist eine hübsche Volte dieses Films, dass er die klassische Nord-Süd-Antinomie auf den Kopf stellt und nun gerade Finnland als warmes Elysium propagiert, das immerhin mit nicht enden wollenden Sonnenuntergängen locken kann (und in dem Handloegten einen Teil seiner Kindheit verbracht hat). Berlin dagegen steht einmal mehr für Schmuddelwetter, Kälte, für auch innere Erstarrtheit. Juliane hat sich im Grunde arrangiert, in einer glücklosen Beziehung, in einem Job, der sie nicht ausfüllt. Doch diesmal bedarf es keines dolce far niente , keines fremden Lebenskonzepts, um das eigene zu überdenken. Diese Frau lernt, selbst zu entscheiden. Den Job zu kündigen. Die Beziehung auch. Und das künftige Glück nicht bloß abzuwarten, sondern darauf hinzuarbeiten. Ein Haken bleibt indes, der sich zum moralischen Dilemma auswächst: Der tragische Tod der Freundin ist quasi der Blutzoll des neuen Lebens, just an dem Unfalltag sind sich die Liebenden erstmals begegnet. Kann man da egoistisch nur das eigene Glück verfolgen? Oder muss man nicht selbstlos versuchen, das Unglück zu verhindern?

Nina Hoss ist hier buchstäblich im falschen Film. Und doch, mal wieder, genau an der richtigen Stelle. Die Hoss ist ja so etwas wie große Heroine des deutschen Problemfilms. Das ist nicht abschätzig gemeint, eher im Sinne von: Hier traut sich eine, den glatten Mainstream zu umgehen und lieber sperrige, riskante Projekte anzunehmen. Einmal hat sie sich doch auf vermeintlich populäres Terrain gewagt, in "Wir sind die Nacht", einem völlig unterschätzten, schrillen Mix aus Vampir- und Berlinfilm, der leider kläglich an der Kasse unterging und die Hoss wohl belehrte, ihrer Linie treu zu bleiben.

Wie ein Ernst-Busch-Klassentreffen

"Fenster zum Sommer" ist gänzlich ihr Film, ist sie doch in jeder Szene zu sehen. Einmal mehr ist sie mit ihrem im Grunde stets unterkühlt-distanzierten Spiel genau die Richtige für eine ambivalente, nie ganz zu fassende Frau. Dass sie hier zudem mit Mark Waschke (ihrem Künftigen), Lars Eidinger (ihrem Ehemaligen) und Fritzi Haberlandt spielt, die alle zur gleichen Zeit die Berliner Ernst-Busch-Schule absolvierten, macht den Film so homogen: Er wirkt wie ein Klassentreffen, bei dem alle aufeinander eingespielt sind.

Nur ein paar Details entlarven das Grundkonstrukt zu stark als Kopfkino. Dass Nina Hoss etwa genau weiß, welch komplizierte Sätze ihr Wohnungsmakler sechs Monate zuvor gesprochen hat, ist ein hübscher Gruseleffekt, aber doch sehr realitätsfern. Wir jedenfalls wären schon froh, wenn wir uns nur eine Woche später noch genau daran erinnern könnten, was uns der Steuerberater geraten hat.

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