Bright Eyes

Zwischen verletztem Zittern und ekstatischem Geschrei

Zwei eierschalenförmige Pavillons ragen über die vernebelte Bühne. Trügerisch summt leiser Candy-Pop aus den Boxen in der Columbiahalle und erstirbt plötzlich jäh im Intro zum epischen "Firewall". Ein paar Gitarrentöne erklingen, der Sänger presst die ersten Zeilen hervor, die Eierschalen färben sich rot.

Rot wie die Flammen auf dem Cover von "The People's Key", dem neuen und vielleicht letzten Album von Bright Eyes, wie der Kopf der Band vor einiger Zeit verlauten ließ.

Bright Eyes, das ist der ständig fluktuierende Musizierkreis um den amerikanischen Songwriter Conor Oberst. Der hat inzwischen die Aussage einer möglichen Auflösung relativiert. Ein Grund dafür dürften die druckvollen Popstücke von "The People's Key" sein, die er mit seinen Mitstreitern hier zwischen Rockposen und College-Boy-Charme darbietet. Wo früher alles aufgeregt durcheinander wimmelte, kleistern Synthie-Flächen die immer noch brüchigen Songs zu. Das eingängige "Shell Games" und das flottierende "Jejune Stars" schließen sich nahtlos an. Aber erst in dem überbordenden Country-Song "Four Winds" tauen die Musiker vollends auf. Oberst wankt apathisch am Bühnenrand, singt in zwei Mikrofone gleichzeitig oder beackert wie wild seine Gitarren. Mit "No One Would Riot For Less" eröffnet er einen Reigen grandioser Balladen, der beweist: Oberst ist zweifellos der bedeutendste Songschreiber seiner Generation. Dabei ist es ein wahrer Genuss, dem Septett (zwei Schlagzeuger!) zuzuhören, während sie mit den stilistischen Mitteln der Country- und Folkmusik kosmische Klanglandschaften wie den "Old Soul Song" zaubern, wie sie jeglichen Bombast und jedes Klischee vermeiden. Im todtraurigen "Ladder Song" wird es ganz ruhig, Oberst singt zum Keyboard mit seiner unverkennbaren Mischung aus zittriger Verletzlichkeit und ekstatischem Geschrei, die früher an Robert Smith von The Cure erinnerte und heute nicht nur in sogenannten Indie-Kreisen einen festen Platz hat. Meist ist es diese Stimme, die den Unterschied ums Ganze macht.

Obersts Songs erzählen in glühenden, oft romantischen Bildern vom Leben in einer globalisierten, medialisierten Welt. Seine eigene Geschichte ist die eines Frühvollendeten. Mit 13 nahm er bereits erste eigene Songs auf Kassetten auf, gründete mit Bruder Justin das Independant-Label Saddle Creek Records, das schnell zum Sammelbecken alternativer Songschmiede avancierte, und veröffentlichte mindestens ein Album pro Jahr. Dem Stempel "new Dylan" entging er, indem er sich hinter Bright Eyes verschanzte. Wie viele seiner Songwriter-Kollegen in den letzten 20 Jahren war Oberst zu Beginn seiner Karriere ein Meister des Verschwindens, ja der kreativen Versenkung. Später durchbrach er die Eierschale des New Weird Americana, streifte sein Pseudonym ab und nahm eine Platte unter eigenem Namen auf. Dass er jetzt für ein möglicherweise letztes Bright-Eyes-Album seine Band (re-)formiert, beweist einmal mehr seine künstlerische Wandlungsfähigkeit.

Grandios fügen sich die Einzelteile des weit verzweigten Gesamtkunstwerks im Konzert zusammen, interagieren Songs aus unterschiedlichen Perioden miteinander. Doch sind es vor allem ältere Stücke, die erstaunen. Als Dreingabe gibt es eine rührende Version von "Landlocked Blues", die Eierschalen leuchten blau und eine Trompete bläst zum Abschied.