Kyoto Tagebuch

Welcher Gummistiefel passt zu mir?

Alle haben mich gewarnt und jetzt ist sie endlich da, die Regenzeit. Unaufhaltsam hat sie sich von Süden genähert. Über Okinawa, Kyushu, Osaka und dann wache ich morgens auf und bin mittendrin.

Die ganze Zeit hatte ich mich gefragt, wo der Unterschied wäre zum schlechten Wetter, ob es noch schlimmer werden könnte. Es kann. Regenzeit heißt nicht einfach Regen, es ist eine Jahreszeit für sich und sie dauert vier bis sechs Wochen. Regenzeit heißt: kein Licht, alles klebt, Taifune und neu in diesem Jahr: Fukushima läuft über.

Vor der Haustür verwandelt sich der ansonsten trocken-traurige Fluss Kamogawa in einen braunen Strom, der alles mitreißt. Plastikflaschen, Gestrüpp, Enten, alles düst in Richtung Zentrum. Es regnet nicht den ganzen Tag, zwischendurch ist es auch mal für zehn Minuten trocken. Ich hörte Legende von Tagen, an denen es gar nicht regnet. Man unterscheidet zwischen zwei grundsätzlich verschiedenen Arten von Regen. Das gnadenlose Schütten und den so genannten weiblichen Regen, zarte Tropfen bei 27 Grad. Die Welt ist nur noch grau und dahinter zig Farben Grün. Das könnte man schön finden.

In den Kaufhäusern gibt es seit Wochenbeginn eigene Verkaufsflächen, so plötzlich wie bei Aldi Weihnachten ist. Es gibt tatsächlich alles. Stiefel, Jacken, Regenhosen, Regenröcke. Es gibt Jacken mit kurzem Arm und Teflonfetzen, die nur die Unterarme bedecken. Es gibt Undefinierbares, das sich als Poncho, Rock oder Armkleid tragen lässt. Es gibt Schutzhüllen für Fahrräder, Fahrradkörbe und Handtaschen. Und natürlich Schirme. Hunderte. Noch nie habe ich so elegante Schirme gesehen. Als Ungeübter muss man aufpassen, dass man jetzt nicht aus Versehen einen Sonnenschirm kauft. Sonnenschirme erkennt man am schnellsten an den Bordüren, den fragilen Griffen, an noch mehr Eleganz. Bei dieser betäubenden Auswahl ist es das Einfachste, auf den Einheitsschirm zurückzugreifen. Der ist durchsichtig, hat einen weißen Plastikgriff, kostet zwei Euro und es gibt in sogar im Tabakladen. Fast jeder in Kyoto hat ihn. Das ist praktisch. Stelle ich den Schirm vor dem Supermarkt in den Ständer, muss ich mir beim Rausgehen keine Gedanken machen. Ich greife mir einfach einen. Man geht nie mit dem Schirm raus, mit dem man rein gegangen ist. Hänge dein Herz nicht an Schirme. Das galt schon immer.

Bei den Frauen gibt es derzeit nur ein Thema: Gummistiefel. Die muss man tragen können. Es ist eine hohe Kunst in Gummistiefeln nicht so auszusehen, als sei man handwerklich geschickt und auch sonst irre patent und tatkräftig. Das kommt nämlich nicht gut an und in Japan schon gar nicht. In Japan tragen die Frauen ihre Handtasche in der Armbeuge und in der anderen Hand den Schirm, also völlig hilflos. Dementsprechend ist es für die japanische Frau ein Leichtes, 200 Euro für Gummistiefel auszugeben, die einen 8cm hohen Absatz haben und mit denen sie über das Wasser schweben kann.

In meiner Größe gibt es allerdings nur Stiefel, die aussehen wie Gärtnerstiefel. Ich möchte aber keine Gärtnerstiefel, sondern auch so glänzende Gummistiefel bis zu den Knien und mit mindestens 5cm Absatz. Würde ich zuhause natürlich nie tragen. Vier Verkäuferinnen um mich herum holen jemanden der Englisch spricht. Mir wird das langsam peinlich. Ich will also diese schwarzen Latexstiefel in Größe 39. In Größe 36 gibt es die sogar in Rot. Und Pink. Und Grün. Mit Punkten und Gold. Aber in 39 - Gärtnerstiefel. Ich stehe auf Socken im Kaufhaus herum, wir gucken uns alle fragend an. Und dann meldet sich ein Freund aus Berlin, fragt ob ich in Tokio sei und fängt an von radioaktivem Niederschlag zu reden. Ich höre immer nur Fallout. Als hätte ich sonst keine Sorgen.

Die Schriftstellerin Lucy Fricke lebt in Berlin. Derzeit ist sie Stipendiatin des Goethe-Instituts in Kyoto. Lucy Fricke schreibt wöchentlich über ihr Gastland.